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Gewalttätige Frauen : Schlagen, beißen, treten

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Gewalttätige Frauen sind für Polizei und Justiz nichts Neues. In der gesellschaftlichen Wahrnehmung ist dieses Phänomen aber zumeist als ein seltenes, widernatürliches Verhalten präsent. Karin Truscheit im Gespräch mit der Soziologin Barbara Kavemann.

          Gewalttätige Frauen sind zwar für Polizei und Justiz nichts Neues – in der gesellschaftlichen Wahrnehmung ist dieses Phänomen aber zumeist als exotische „Abweichung von der Abweichung“ präsent, als ein widernatürliches Verhalten. Zudem ist der statistische Anteil der (erfassten) Taten, die von Frauen begangen werden, gering im Vergleich zu den Taten der Männer. Auch wird diese Delinquenz bei Frauen oft aus einer Opferrolle heraus erklärt. Die Tagung „Täterinnen“ der Kriminologischen Zentralstelle in Wiesbaden, die am Donnerstag zu Ende ging, hat die verschiedenen Delikte, die gewalttätige Frauen begehen – von der tötenden Mutter bis zur gewalttätigen Mädchengang – beschrieben und analysiert. Eine der Referentinnen war Barbara Kavemann, Professorin an der Katholischen Hochschule für Sozialwesen in Berlin. Die Soziologin forscht seit langem zur sexualisierten Gewalt gegen Kinder und zu Fragen der Gewalt im Geschlechterverhältnis.

          Frau Kavemann, Aggression von Frauen wird im Klischee oft als gegen andere Frauen gerichtet wahrgenommen, zum Beispiel im gängigen Bild vom „Zickenkrieg“. Aber wie viele Männer erleben Gewalt durch ihre Partnerin?

          Nach einer aktuellen Studie hat jeder vierte Mann einmal oder mehrmals körperliche Gewalt in seiner Beziehung erfahren. Doch die wenigsten hatten dabei Angst, ernsthaft verletzt zu werden. Und zwei Drittel der Männer wurden auch nicht verletzt. Die Forschungslage ist hier nicht ganz eindeutig. Viele Studien besagen, dass häusliche Gewalt zu einem erheblichen Teil von Frauen verübt wird. Doch man muss dabei die „Qualität“ der Gewalt berücksichtigen. Denn Frauen werden in Formen der häuslichen Gewalt weitaus häufiger und schwerer verletzt. So wird Gewalt gegen Männer denn auch meist einer „normalen“ Konfliktsituation zugeschrieben. Männer monieren mehr die psychische Gewalt, etwa in Form von Eifersucht oder kontrollierendem Verhalten.

          Die Soziologin Barbara Kavemann

          Schlagen Frauen ihre Männer?

          Natürlich! Frauen schlagen, beißen, treten, werfen mit Gegenständen, schubsen. Sie wollen damit etwas erreichen. Etwa, dass der Mann sich endlich zu einer Sache äußert. Oder dass er endlich seinen Mund halten soll, weil er Dinge erzählt, die die Frau nicht hören will. Frauen drohen auch: „Ich bring dich um!“ Oft ist die Gewaltanwendung in diesen Beziehungen auch relativ symmetrisch. Das heißt: Mal haut er, mal haut sie. In der Forschung nennen wir das „situational couple violance“, situative Gewalt in der Paarbeziehung.

          Ist die Hemmschwelle zuzuschlagen bei Frauen genauso hoch oder niedrig wie bei Männern?

          Nein. Frauen haben eine deutlich höhere Hemmschwelle, auch wirklich zuzuhauen.

          Männern, die ihre Frauen schlagen, stehen viele Therapie-Angebote offen. In diesen Männergruppen können sie versuchen, ihre Aggressionen zu kontrollieren. Gibt es so etwas auch für Frauen?

          So gut wie gar nicht. Manchmal werden sogar gewalttätige Frauen einfach in Männergruppen gesteckt, was völlig falsch ist. Hier muss noch ganz viel geschehen.

          Wie wehren sich Frauen in Beziehungen, wenn sie selbst von ihrem Partner Gewalt erfahren haben?

          Da gibt es zum einen die heftige körperliche Gegenwehr, wo auch Frauen zum Messer greifen können. Aber es gibt auch das, was wir Vergeltung nennen. Wenn eine Frau von ihrem Partner jahrelang gequält wurde, kann es zu einer traumatischen Bindung an diesen Mann über diese Gewalterfahrung kommen. Das heißt, anstatt wegzulaufen und nie wiederzukommen, bleiben die Frauen in dieser Beziehung, die durch Kontrolle und Angst geprägt ist. Manche warten dann auf einen günstigen Moment, um zurückzuschlagen. Wenn der Mann wehrlos ist, wenn er betrunken ist oder schläft, sieht die Frau ihre Chance und versucht, ihm Schaden zuzufügen. Das kann bis zur Tötung gehen. So paradox es klingt: Es ist dann leichter, diesen Mann zu töten, als ihn zu verlassen.

          Ist es für die Polizei nicht schwierig, bei Formen häuslicher Gewalt genau festzustellen‚ wer angefangen hat?

          Vor dieser Schwierigkeit stehen Polizisten oft. Wie wollen sie so schnell die Hintergründe erfassen? Wie soll man zwischen Angriff, Verteidigung oder Vergeltung unterscheiden? In Amerika greift die Polizei manchmal zu einer Notlösung: Da werden dann einfach beide mitgenommen. Das hat natürlich schlimme Konsequenzen für das Opfer, das sich dann doppelt bestraft sieht.

          Bei den Gewaltformen außerhalb des häuslichen Bereichs spielt auch die emotionale oder psychische Gewalt eine Rolle, besonders wenn es um den Bereich der Pflege geht. Dort gibt es viele Fälle, wo Frauen den Pflegebedürftigen, zumeist alten Menschen, Gewalt antun, ohne diese immer körperlich zu misshandeln. Wie kann man das juristisch fassen?

          Gerade bei diesen Formen ist es sehr schwierig, den Nachweis zu erbringen und Kategorien aufzustellen. Denn die emotionale Gewalt findet man natürlich ebenso in der Paarbeziehung.

          Frauen üben aber auch mittelbar Gewalt aus. Zum Beispiel gibt es beim sexuellen Missbrauch von Kindern nicht nur Frauen, die ihre eigenen Kinder missbrauchen. Es gibt auch viele Fälle, in denen Frauen fremde Kinder oder ihre eigenen Kinder Männern zuführen, die diese dann für kinderpornographische Aufnahmen missbrauchen. Sind diese Frauen nur Opfer von gewaltbereiten Männern?

          Das gibt es zwar auch, aber nicht ausschließlich. Frauen tun diese Dinge aus Gefühllosigkeit und ökonomischen Interessen – genauso wie Männer.

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