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Geschlechterklischees : Eine Kindheit ganz in Pink

„Geeignet ab Geburt“: Teil des Sets „Meine erste Handtasche“ eines amerikanischen Herstellers Bild: Dieter Rüchel

Prinzessinnen für Mädchen, Dinosaurier für Jungs: Beim Spielzeug werden schon sehr früh Geschlechterklischees bedient. Die seien eben da, sagt die Industrie. Wo führt das hin?, fragen Eltern dagegen.

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          Die Plakate sind so groß, dass sich fast die Frage stellt, ob es sich um eine Verheißung oder eine Drohung handelt. „Ei love Rosa“ steht auf haushohen Transparenten, die neuerdings in den deutschen Innenstädten hängen; Litfaßsäulen in der Grundfarbe von Erdbeereis sind mit Herzen und Blumen in Fliedertönen dekoriert, darauf prangen - gigantische Überraschungseier. Aufschrift: „nur für Mädchen“.

          Julia Schaaf

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Wirklich überrascht ist keiner. Selbst Mütter und Väter, die in den Siebzigern in identischen rot-blauen Nickipullovern auf Bäume geklettert sind, stehen vor dem Phänomen, dass der eigene Nachwuchs im 21. Jahrhundert konsequent Geschlechterklischees zelebriert: Vierjährige Jungen spielen wahlweise Tyrannosaurus, Tiger oder Torwart, während die von der Oma geschenkte Puppe unten in einer Kiste schmort. Fünfjährige Mädchen bestehen bei der Wahl ihres ersten Fahrrads partout auf dem blassrosa Modell von „Prinzessin Lillifee“. Undenkbar, so ein Rad an den jüngeren Bruder weiterzureichen. Nicht einmal die Hosen seiner Schwester kann er auftragen. Die Schnitte sind einfach zu verschieden.

          „Gender-Apartheid in der Spielwarenwelt“

          Wer seinem Erstklässler dieser Tage einen Schulranzen kaufen will, stellt fest: Entweder ist ein Tornister blau-grün-schwarz mit Motorrädern, Raumfahrern oder Superhelden darauf. Oder er ist rot-pink-orange mit Pferden, Glitzer, Feen. Die Kategorie „Kind“ hat ausgesorgt, es gibt nur noch Jungen und Mädchen. Selbst nach dem einzigen neutralen Ranzen im Kaufhaus, gelb und mit Disneys „König der Löwen“ verziert, haben laut Verkäuferin bisher nur Jungs gegriffen. Aber der steht auch zwischen Sauriermotiven und Spiderman.

          “Wir haben einen Riesen-Backlash“, schimpft Stevie Schmiedel und hebt an zu einer Tirade gegen eine Entwicklung, die sie „Pinkifizierung“ nennt. Bisher hatte man den Eindruck, dass sich selbst Eltern mit einer Abneigung gegen die Farbe Rosa fast widerstandslos ergaben, wenn sich die Zimmer ihrer Töchter zunehmend in Himbeerhöllen verwandelten. Jetzt hat die Hamburgerin Schmiedel „Pinkstinks Germany“ gegründet. Vorbild ist eine britische Initiative, die seit knapp drei Jahren mit großer Resonanz den Geschlechterwahn bei Kinderprodukten anprangert. Derzeit weist die englische Homepage darauf hin, dass schon Babys mit Schminktäschchen und Werkzeugkoffern aus Plüsch beglückt werden sollen. Schmiedel spricht von „Gender-Apartheid in der Spielwarenwelt“. Sie sagt: „Rosa steht für niedlich, modebewusst und sexy. Das ist eine limitierte Version von Mädchensein.“

          Ferrero versucht, solche Kritik zu entkräften. Der Presseerklärung zum neuen Ü-Ei sind Statements des Marktforschers Axel Dammler beigefügt. „Ja - es ist rosa“, heißt es da entschuldigend, „die Überraschungen umfassen natürlich auch stereotype Mädchen-Themen. Aber das ,Mädchen-Ei’ bietet coolen Mehrwert.“

          Dammler, Chef von Iconkids & Youth, erforscht seit zwanzig Jahren die Vorlieben von Kindern und Jugendlichen. Er kennt aber auch die Bedürfnisse des Spielzeugmarkts, der, so Dammler, schon immer stark zwischen Jungen und Mädchen unterschieden habe - Autos für die einen, Puppen für die anderen. Was zugenommen habe in den vergangenen zehn Jahren, seien geschlechtsspezifische „Designcodes“. „Das ist die Konsequenz eines gesättigten Marktes“, sagt Dammler am Telefon: Wo der Kuchen verteilt sei, setzten Unternehmen auf alters- und geschlechtsspezifische Nischen, um doch ein Stück zu ergattern. So kommt es, dass im Kaufhausregal mit Sandspielzeug zwischen gelben Eimern und blauen Schippen ein Buddelset in Brombeer steht: Bestimmt findet’s irgendeine Tante süß und kauft’s. „So läuft dann die Prägung ab“, sagt Dammler.

          Frei nach dem Schema einer Daily Soap

          In der unendlichen Debatte über angeborene versus anerzogene Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen vertritt der Marktforscher den verbreiteten, für die Industrie bequemen Standpunkt: Sie sind einfach da. Jungs gehe es um Status. Sie wollten sich messen, liebten physische Präsenz und Stärke und identifizierten sich deshalb mit Actionhelden. Mädchen hingegen könnten mit Einzelkämpfern nichts anfangen. Ihre Lieblingsfiguren seien Teamplayer und reflektierten die eigene Rolle.

          Auch stereotyp: das Überraschungsei „nur für Mädchen“

          “Die Herausforderung ist, diese Bedürfnisse so zu kanalisieren, dass der Weg für die Mädels nicht ins rosa Getto führt und für die Jungs nicht in die Machofalle“, sagt Dammler. Deshalb lobt er die Frisbeescheibe im Mädchen-Ei. Und die hibiskusfarbenen Klötzchen von „Lego Friends“, die seit März auch Mädchen von sechs bis zwölf Jahren zum Bauen animieren sollen: Frei nach dem Schema einer Daily Soap leben fünf Freundinnen, deren Charaktere auf der Homepage des Unternehmens beschrieben sind, in „Heartlake City“. Wobei „Olivia“, die an ihrer Werkbank ferngesteuerte Roboter baut, eher Alibifigur ist: Letztlich haben alle Legomädchen wallende Haare, vier tragen Minirock. Die „Abenteuer“ spielen überwiegend im Schönheitssalon, beim Backen, auf Partys und dem Ponyhof.

          “Das ist ein Markt“, sagt Maya Götz. „Und der Markt greift nicht auf, was pädagogisch wertvoll ist, sondern das, womit sich am meisten Geld verdienen lässt.“ Götz leitet das Internationale Zentralinstitut für das Jugend- und Bildungsfernsehen. Als Medienforscherin hat sie sich intensiv mit den Fernsehhelden der Kinder beschäftigt und auch den atemberaubenden Erfolg von rosa Prinzessinnen analysiert. Sie sagt: Vor dreißig, vierzig Jahren sei es eine Einschränkung gewesen, Mädchen mädchenhaft zu erziehen, weil diese nicht stark sein durften. In den Kindergärten und Schulen von heute hingegen seien Mädchen das starke Geschlecht: Töchter emanzipierter Mütter, von Pädagoginnen betreut. Wer also seine Tochter mädchenhaft erziehe, unterstütze sie zunächst sogar. Da wird Rosa als Mädchenfarbe Ausdruck selbstbewusster Geschlechtsidentität und die Prinzessin zum Symbol bedingungslosen Angenommenseins.

          „Rosa steht für niedlich, modebewusst und sexy“, sagt die Aktivistin und Mutter Stevie Schmiedel. „Das ist eine limitierte Version von Mädchensein“

          “Aber das hört relativ schnell auf“, sagt Götz und warnt - zum Beispiel vor den neuen Überraschungseiern. Weil diese auch Plastikfigürchen aus der Zeichentrickserie „WinX-Club“ enthalten, wird sie ihren Töchtern keine kaufen. Die Feenpüppchen, die im Kampf gegen das Böse die Welt retten, seien nur oberflächlich stark, sagt Götz: „Diese Figuren sind hochgradig sexualisiert. In unserem Kulturkreis würde eine Frau so nicht auf die Straße gehen.“ Hotpants und Bustiers, dazu Beinlängen und Taillenmaße, die keine lebende Frau erreichen könne - Götz hat nachgemessen: Zwei Drittel der aktuellen Trickfilmheldinnen haben Körper, die dünner sind als jede Barbie. „Das sind Körperbilder und Arten, sich zu kleiden, die sind für Fünf-, Sechsjährige völlig unangemessen.“

          Schon Neunjährige finden sich zu dick

          Trendforscher Dammler gibt selbst zu, dass eines von vier Mädchen mit rosa Klischees nichts anzufangen weiß. Doch auch wenn man die Ansicht teilt, dass die Industrie nur die vorhandenen Bedürfnisse aufgreift: Das Ergebnis ist eine Fixierung auf Äußerlichkeiten. Immerzu geht es um Schmuck und Schminke, Deko, Mode - und den eigenen Körper. Die Castingshow „Germany’s Next Topmodel“ ist nur der Endpunkt einer Zurichtung, die in ihren Anfängen auch mit Blümchenringen aus Schokoeiern und den Streichholzarmen einer Prinzessin Lillifee zu tun hat.

          Mit bekannter Bilanz. Schon Neunjährige finden sich zu dick, Umfragen zufolge sind immer weniger Teenager mit ihrem Gewicht zufrieden. Da wird es zur Aufgabe von Eltern und Pädagogen, Selbstverständliches in Erinnerung zu rufen. Medienforscherin Götz sagt: „Aussehen hat nichts mit Leistung zu tun. Und Aussehen ist keine Bedingung, um ein glückliches Leben zu führen.“ Mal abgesehen davon, wie viel Energie darauf verschwendet werde, unerreichbaren Idealen nachzustreben - Aktivistin/Mutter Schmiedel nennt die Klumsche Show gefährlich. Sie schädige das Körpergefühl. „Pinkstinks“ will dafür kämpfen, dass die nächste Staffel in Hamburg nicht öffentlich beworben wird.

          Nun macht ein Überraschungsei keine Magersucht, und Mütter von Grundschulkindern wissen auch: Die Lillifee-Phase geht vorbei. Die Frage ist nur, was danach passiert. Oder, wie Schmiedel es formuliert: „Wie lebt es sich als Frau mit einer pink Kindheit?“

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