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Generation „Neue Väter“ : „Sie bekommt ein Baby - und ich die Krise“

Angeblich kann er zwei Kinder auf einmal wickeln: Familienvater Brad Pitt mit prominentem Anhang Bild: AP

Männer geraten unter Druck: Wer sich seiner Rolle als engagierter Familienvater weiterhin entzieht, soll es künftig schwerer haben in Beruf und Gesellschaft. Das ist leichter gesagt als getan. Woher sollen auch die Vorbilder kommen?

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          Im Geburtsvorbereitungskurs lernt ein werdender Vater, wie er das Neugeborene badet. Plagt ihn die Sorge, das Kleine ungeschickt anzufassen, hilft ein Baby-Schwimmkurs. Kommt er abends erst nach Hause, wenn der Nachwuchs schon schläft, holt er beim Vater-Kind-Wochenende die versäumte Spielzeit mit Indianergeheul und Kletterkursus nach. Und sollte er einmal gar nicht wissen, womit er seinem Nachwuchs eine Freude bereiten könnte, findet er Hilfe im „Väter-Online-Shop“ - in Deutschland erleben Vater-Kind-Angebote derzeit einen Boom.

          Karen Krüger

          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          „Neue Väter“ brauche das Land, verkündete schon im November 2005 die designierte Familienministerin Ursula von der Leyen - und fordert seither ein Ende der „vaterlosen Gesellschaft“. Wenn Männer sich künftig nicht genauso an der Erziehung ihrer Kinder beteiligen wollten wie Frauen, fänden sie keine Partnerin mehr, prophezeit die Ministerin. Partnerschaftlich orientiert, offen für Erziehungszeiten, geduldig und ihrem Kind zugewandt sollen die „neuen Väter“ sein. In anderen europäischen Ländern gilt ein Vater, der sich nicht für seine Kinder interessiert, als unschicklich - nun ist dies offenbar auch in Deutschland der Fall.

          Mindestens einem Kind im Haushalt

          Jeder zweite Mann in Deutschland zwischen 35 und 40 Jahren lebt mit mindestens einem Kind im Haushalt zusammen. Wieviele von diesen Vätern das Label „neu“ verdienen, ist ungewiss. Verschiedene Indizien weisen jedoch darauf hin, dass die Bereitschaft, nach neuem Leitbild zu leben, steigt: Der Anteil der Väter, die in Elternzeit gehen, ist seit dem Jahr 2001 von zwei auf rund fünf Prozent gestiegen. Laut einer Umfrage der Zeitschrift „Eltern“ sind die Väter von heute ihren Kindern so nah wie keine Generation vor ihnen. Zu einem ähnlichen Ergebnis gelangten auch die Frankfurter Soziologen Andrea Bambey und Hans-Walter Gumbinger in ihrer jüngst abgeschlossenen Studie „Neue Väter - andere Kinder?“, für die sie 1500 Väter von Grundschulkindern befragten. Als resistent gegen die Aufweichung traditioneller Geschlechterrollen outeten sich aber immerhin fast 18 Prozent: Für sie ist Kindererziehung reine Frauensache. Rund 28 Prozent der Männer entsprechen dagegen dem Leitbild des „neuen Vaters“.

          Einer von ihnen ist Andreas Beune. Seit fünf Monaten beginnt der Arbeitsalltag des freiberuflichen Autors erst um 17 Uhr, wenn seine Freundin von der Arbeit nach Hause kommt. Bis dahin steht der Fünfunddreißigjährige nur seinem Sohn Simon zur Verfügung; wickelt, wäscht, füttert, trocknet Tränen und pendelt zwischen Spielplatz und Krabbelgruppe hin und her. Das erste Jahr hatte seine Freundin das Kind betreut, dann kehrte sie in ihren Beruf als Werbetexterin zurück. Bis dahin hatte Andreas Beune im Kinderzimmer hauptsächlich assistiert. Als Vollzeit-Papa lernte er eine neue, schwierige, doch auch bereichernde Form der Verantwortung kennen: „Es ist ein großer Unterschied, ob man nur der im Familienalltag nicht präsente Geldbeschaffer ist, oder derjenige, der darauf achtet, dass das Kind satt ist, schläft oder sich nicht weh tut.“ Freundlich und neugierig hätten die Frauen in der Krabbelgruppe reagiert, als statt seiner Freundin plötzlich ein Mann in ihrem Kreis saß - in kleineren Städten wie Bielefeld, wo das Paar lebt, sind „Vollzeit-Väter“ noch eine Seltenheit. Vor allem aber waren die Frauen froh, dass endlich einmal ein Mann ihren täglichen Einsatz wertschätzen konnte. Sie helfen, wenn Andreas mit seinem Baby-Latein am Ende ist. „Der Austausch ist ganz wichtig, wenn man Neuland betritt“, sagt er.

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