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Generation 30 : Hört auf zu jammern!

Warum also dieses Unwohlsein? Wie fügen sich die ökonomischen Statistiken zu der latenten Unzufriedenheit? „Das ist ein Wahrnehmungsproblem“, so lautet die nüchterne Antwort des Soziologen Heinz Bude. „Es hat noch nie eine Generation gegeben, die so wenig an ihre eigenen Chancen glaubt wie diese.“

Zudem verweist Generationenforscher Bude auf eine scheinbar paradoxe Gesetzmäßigkeit in Bildungskarrieren: Die heute 30-Jährigen sind Kinder einer Aufsteigergeneration. Kinder von Aufsteigern schaffen es in der Regel aber nicht, abermals die eigenen Eltern zu übertreffen.

Zurückzubleiben hinter den Eltern tut weh, egal wie hoch und angenehm das Niveau tatsächlich ist - Eltern wie Kinder empfinden dies als Versagen. Eine Schmach, die es um jeden Preis zu vermeiden gilt.

„Die 30-Jährigen starten reich in das Berufsleben. Das ist ein vergiftetes Geschenk“, sagt der Philosoph Dieter Thomä.

Wohlstand, behütet, ohne Zwänge und Tabus

Wer finanziell in Watte gebettet durchs Studium gleitet, wem die Eltern das Auto, die Wohnung, die Praktika in aller Welt bezuschussen, der erlebt eine herbe Enttäuschung, wenn er nach dem Examen merkt, wie wenig vom eigenen Lohn übrig bleibt.

Da haben die Eltern das Gegenteil erfahren: Ihr Start gestaltete sich mühsam, ohne große Erwartungen und ohne Hätschelpakete von zu Hause. Die fragliche Elterngeneration wurde, grob gerechnet, nach dem Krieg geboren, es folgten viele Jahre des Wirtschaftswunders. 1968 haben die damals Jungen rebelliert, zehn Jahre später hatten sie festes Gehalt (gerne im öffentlichen Dienst), Familie und Haus. Die eigenen Eltern, Omas und Opas der heute Dreißigjährigen, waren da längst überflügelt, der Muff der Nachkriegsgeneration vertrieben.

In diesem Milieu ist die Generation 30 aufgewachsen, in Wohlstand, behütet, ohne Zwänge und Tabus. Sie heißen Bernd oder Annalina, Dirk und Jochen und haben die halbe Welt gesehen. Sie suchen nicht die Revolution, wollen nichts zerstören, nicht die Gesellschaft, erst recht nicht die Umwelt.

Die Schlachten ihrer Eltern sind Geschichte, sie sind Meister der persönlichen Nabelschau: „Wo stehe ich, wo will ich hin, passt der Job, der Partner wirklich zu mir?“ Die privaten Fragen trieben sie weit mehr als die Sorge um das große Ganze, behauptet der Soziologe Martin Doehlemann in seinem Buch „Die Dreißigjährigen“.

Noch nie hat es eine Generation gegeben, die mit dreißig schon Massen an Büchern und Filmen über sich selbst und ihre missliche Lage ausstößt. Die Titel heißen „Ein Leben in der Warteschleife“, „Mein halbes Leben“, „Die Lebenspraktikantin“, „Der Copy Man“, „Probezeit“, „... und wünschen Ihnen für die Zukunft alles Gute“. Immer wird gejammert, gelitten, geklagt.

Wer will schon in die Provinz?

Eine der Autorinnen des Bestsellers „Alphamädchen“, Meredith Haaf, bringt das Lebensgefühl ihrer Generation folgendermaßen auf den Punkt: „Keine Generation vor uns ist so sicher, wohlhabend und mobil aufgewachsen. Doch wer Ende zwanzig ist, dessen Zukunftsmusik wurde ihm als Dreiklang aus Arbeitslosigkeit, Klimawandel und Energiekrise vorgespielt. Als Hauptantrieb haben wir nur die Angst ..., und Angst ist alles Mögliche, nur nicht produktiv.“

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