https://www.faz.net/-gum-16gip

Generation 30 : „Es ist ein Druck auf dieser Generation“

  • Aktualisiert am

„Die Depression ist eine Krankheit der Ideale”: Marianne Leuzinger-Bohleber, Direktorin des Sigmund-Freud-Instituts in Frankfurt Bild: Helmut Fricke

„Mercedes, Haus, Karriere - so einfach ist das alles nicht mehr“, meint Marianne Leuzinger-Bohleber. Die Psychoanalytikerin weiß, was Eltern von ihren 30-jährigen Kindern erwarten - und welche Probleme dadurch entstehen.

          2 Min.

          Frau Leuzinger-Bohleber, die Dreißigjährigen stöhnen unter den Anforderungen des Lebens?

          Haben sie nicht recht? Von ihnen wird unglaublich viel erwartet. Sie müssen flexibel sein und sich gut ausbilden. Sie müssen sich aber auch niederlassen und eine Existenz gründen. Bei den Frauen tickt die Uhr, denn sie spüren, dass die Fruchtbarkeit zeitlich begrenzt ist. Es ist ein Druck auf dieser Generation.

          Warum tun viele sich so schwer, die Grundentscheidungen des Lebens zu treffen?

          Dies hängt mit den Anforderungen zusammen, die unsere Kultur an Spätadoleszente stellt. In traditionalistischen Kulturen werden die Kinder in einem einzigen Akt, einem Initiationsritus, zum Erwachsenen und setzen die Lebensweise in gleicher Weise wie ihre Eltern fort.

          Bild: F.A.Z.

          In modernen Gesellschaften dauert die Adoleszenz Jahrzehnte. Die Jungen müssen in dieser Zeit inneres Chaos zulassen können, um zu Neuem, Innovativem aufbrechen zu können. Unsere Gesellschaft braucht dies und bürdet den Jungen auf, neue Lösungen für ihre Zukunft zu suchen.

          Schwer auszuhalten?

          In der Tat. Zudem muss sich der Jugendliche während dieser Jahre auf einige Entscheidungen festlegen und akzeptieren, dass er beispielsweise nicht alle Frauen lieben oder tausend Berufe ausüben kann.

          Wo gibt es Stabilität?

          Kinder, die ihr Elternhaus als Heimatbasis nutzen können, auch wenn sie sich längst gelöst haben, sind dem Leben eher gewachsen als solche, die auf sich gestellt sind. Sie können in Krisenzeiten auftanken.

          Was erwarten diese Eltern von ihren Kindern?

          Viele Akademikerkinder können die Aufsteigererfahrungen ihrer Eltern nicht mehr wiederholen. Das geht gut, falls die Eltern ihnen das Grundgefühl vermitteln, geliebt zu werden, auch wenn sie beruflich andere Wege gehen als ihre Eltern. Sie müssen dann nicht den falschen Ehrgeiz entwickeln, die Eltern partout übertreffen zu wollen. Sie können dann auch Vorteile entdecken, neue Freiheiten, die ihre Aufsteiger-Eltern nicht hatten, weil sie exklusiv nur für ihre Arbeit gelebt haben.

          Was machen Eltern mit der Erfahrung, dass ihre Kinder sie nicht mehr überholen.

          Kommt auf die Eltern an. Wenn sie in ihren Kindern nur die narzisstische Verlängerung ihrer selbst sehen, reagieren sie gekränkt, weil sie sich mit den Kindern nicht schmücken können. Wenn sie zulassen können, dass ihre Kinder anders sind, bleiben sie den Kindern innerlich verbunden.

          Und wie gehen die Kinder mit dem verweigerten Aufstieg um?

          Dies ist häufig nicht einfach. Manche sind gekränkt, wenn sie behütet während Schule und Studium mehr Geld hatten als am Beginn der eigenen Karriere. Im schlimmsten Fall kann sich sogar Aggression auf die Eltern entwickeln: Dann wird der Vater - der erfolgreiche Professor - unbewusst vom Sohn verantwortlich gemacht, dass er jetzt arbeitslos ist: eine ganz schräge Befriedigung. Das eigene Scheitern wird als Triumph über den Vater und die Abstiegsbedrohung als Waffe gegen die Eltern genutzt.

          Was haben die Eltern davon, dass ihre Kinder so lange von ihnen abhängig sind?

          Für die meisten ist das eine Belastung und Kränkung. In Einzelfällen wird die Ablösung der Kinder sogar verleugnet und die Abhängigkeit unbewusst genossen. Das ist parasitär und schlimm für alle.

          Diese Eltern machen den Jungen Probleme?

          Neid, Entwertung oder sogar Häme sind eine schwere Belastung für das Selbst eines Dreißigjährigen: Sie laufen Gefahr, depressiv zu werden. Die Depression ist eine Krankheit der Ideale. Manche Jugendliche geben sich die Schuld, dass sie ihren Idealen nicht genügen - und werden depressiv.

          Was für Ideale hat diese Generation?

          Das kann man nicht mehr so einfach sagen. Die Ideale sind nicht mehr homogenisierbar. Mercedes, Haus, Karriere - so einfach ist das alles nicht mehr.

          Weitere Themen

          Kardinäle aus der „Peripherie“ Video-Seite öffnen

          Virtuelle Messe : Kardinäle aus der „Peripherie“

          Papst Franziskus baut das einflussreiche Kardinalskollegium weiter nach seinen Vorstellungen um. Das Oberhaupt der Katholiken ernannte im Petersdom 13 neue Kardinäle, unter ihnen Geistliche aus Asien, Afrika und Lateinamerika. Franziskus ermahnte die neuen Würdenträger, der Korruption zu widerstehen und weiterhin „dem Volk nahe“ zu sein.

          Topmeldungen

           Der Sarg des getöteten Wissenschaftlers am Sonntag in der iranischen Stadt Mashhad

          Mord an Atomwissenschaftler : Ein Stich ins iranische Herz

          Der „Vater“ des iranischen Atomprogramms wird Opfer eines Anschlags. Kaum jemand zweifelt daran, dass Israel dahinter steckt. Das Attentat ist auch ein Fingerzeig für Joe Biden und seinen Umgang mit Iran.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.