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Bildung, Reform, Wahn : Lasst doch mal alles so, wie es ist

Technologie im Unterricht oder doch nicht?

Das betrifft vor allem weitere Schulstrukturen, die ständig im Zeichen des Fortschritts geändert werden. Zum einen im Zeichen des technologischen Fortschritts, bei dem politische Reform und didaktische Ausrüstungsindustrie zusammenspielen: Mathematik mit Formelsammlung, mit Taschenrechner, mit Taschenrechner nur im Unterricht oder auch in der Prüfung. Hefte und Schulbücher oder Kopiensammlungen und Aufgabenblätter mit anschließender Rückkehrbereitschaft zu weniger flüchtigen Materien.

Schreibschrift als Erstschrift mit oder ohne Schönheitsbenotung, Druckschrift als Erstschrift. Fremdsprachenunterricht ohne Technologie, mittels Sprachlabor, dann dessen Abschaffung, dafür PC ab der ersten oder der dritten oder der fünften Klasse, in allen Fächern oder nur in manchen, Pflicht-PC zu Hause durch Lesekontrolle über internetbasierte Quizfragen zu Kinderbüchern, eigener computerbezogener Unterricht oder Computernutzung in den herkömmlichen Fächern. Laptops im Unterricht oder nicht. Übergang von der Schiefertafel über Overheadprojektion und Power-Point-Beamern bis zum elektronischen Whiteboard und - nachdem Schüler in nicht ganz verlässlichen Unterrichtsstunden Pornos auf dasselbe hochgeladen haben - eventuell Rückgang zu weniger bildmächtigen Anschreibtechnologien.

Kompetenzkompetenz

Wechselhafter noch ist der pädagogische Fortschritt, bei dem sich zur Politik und den industriellen Ausrüstern nun die akademischen einfinden. Unbedingt zu ändern sei, wird den Lehrern - an der Hochschule, im Referendariat oder in der Weiterbildung und also in jeweils eigenen, sich aneinander brechenden Wellenbewegungen - mitgeteilt: Wer unterrichtet (die Lehrkraft, die Schüler sich selbst, die Schüler einander). Wer zu unterrichten sei: die Klasse (also der Durchschnittsadressat), die Einzelnen individuell, die Schüler in Gruppen, homogenen oder inhomogenen, nach Leistungsstärke oder Alter zusammengefasst oder nach beidem.

Wie zu unterrichten sei: frontal, im Kreis, monologisch, dialogisch oder überhaupt logisch, mit Drannehmen oder ohne, Fehler berichtigend oder auf Selbstkorrektur durch die Klasse wartend, zu ihr auffordernd oder lieber schonungsvoll, in Richtung Wissen oder Können oder Kompetenz, Sachkompetenz, Sozialkompetenz, Präsentationskompetenz, Teamkompetenz, Unterstreichkompetenz. Außerdem: auswendig lernen oder nicht, fachorientiert, interdisziplinär, projektorientiert, problemorientiert. Kein Wunder, dass neulich bei einer Einschulungsfeier eine Direktorin ihr Haus mit der Bemerkung vorstellte, es handele sich um eine lernorientierte Schule - und niemand auflachte.

Von den Lehrplänen und den Unterrichtsfächern, die ständiger Reform unterzogen werden, haben wir jetzt noch gar nicht gesprochen. Begriffe wie „Mengenlehre“ oder „Lektürekanon“ oder „Ethik“ sollten genügen, um das Verlangen nach weiteren Beispielen nicht aufkommen zu lassen. Auch Fragen wie „Sitzenbleiben oder nicht?“, „Zensuren oder schriftliche Beurteilungen?“, „Hausaufgaben oder nicht?“, „Ganze Bücher oder nur Auszüge?“, „Wahlfreiheit zwischen Linearer Algebra und Statistik?“ und dergleichen beliebig verlängerbare und ständig anders beantwortetete Alternativen gehören zu dem, was die Schule mürbe macht.

Am Ende steht die Unsicherheit

Die Reformfreude und der didaktische Rat, der sich über Lehrproben, durch Kriterienbildung für Karrieren - „Ist der Kandidat neuen Entwicklungen gegenüber aufgeschlossen?“ - und über Weiterbildungen verpflichtend macht, lassen so einen ganzen Berufsstand an sich irre werden. Sie betreffen die unwichtigsten Dinge wie die wichtigsten, das organisatorische Rand- wie das Kerngeschehen der Schule, den Unterricht, und produzieren in beiden Fällen stets Unmengen an Papier sowie riesigen Zeitverbrauch durch Grüßen der neuesten Gesslerhüte.

Vor allem aber produzieren sie Verhaltensunsicherheit. Und das in einem System, das, wir haben es oben berührt, von seiner Umwelt ohnehin nicht wenige Aufgaben gestellt bekommt. Und immer mehr und immer schwierigere. Die Frage, ob das gutgehen kann, erübrigt sich.

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