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Füllfederhalter : Wie Neandertaler mit dem Faustkeil

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Daniela Hansen, bei Pelikan zuständig für die Entwicklung von Schreibprodukten für Kinder, sieht das gelassen: „Uncool ist Schreiben sicherlich nicht. Gerade im Kindesalter übt das Schreiben eine ganz besondere Faszination aus. Ist es doch etwas, was die Großen können - und diese dienen in den meisten Fällen als Vorbild.“ Allerdings seien die Anforderungen an das Schreiben nicht zu unterschätzen. Letztlich, so Hansen, gehe es darum, mittels eines relativ filigranen Instruments und durch den richtigen Kraft- und Technikeinsatz ein flüssiges Medium, Tinte nämlich, auf Papier zu bringen. Und das in einem Umfeld mit anderen Kindern, mit Lärm und wechselnden Beleuchtungen. Diese Komplexität könnten die neuen Medien nicht abbilden. iPad und Smartphone seien daher auch keine adäquate vorschulische Vorbereitung für das Schreibenlernen.

Um Kindern das Schreiben nahezubringen, sei es wichtig, betont die Pelikan-Dame, die Koordination von Hand und Auge einzuüben. Das gehe am besten mit dem guten alten Malen. Aber auch die enge Verzahnung von Lesen und Schreiben sei ein Schritt in diese Richtung. „Kinder“, so Hansen, „lieben Geschichten und wollen kommunizieren. Daher: Viel vorlesen und kleine Briefe schreiben, das ist aufregend.“

Kinder bekommen mehr Aufmerksamkeit und Förderung

Etwas kulturpessimistischer ist da etwa der Bayerische Lehrer- und Lehrerinnenverband gestimmt. Anlässlich einer Tagung mit dem aufrüttelnden Titel „Hauptsache Handschrift“ ließ der BLLV verkünden, „dass es Grundschulkindern zunehmend schwerfällt, flüssig und lesbar zu schreiben.“ Schuld daran seien die allgegenwärtigen Tastaturen, die dazu führten, dass viele Heranwachsende nur noch in der Schule mit der Hand schreiben würden.

Deutlich entspannter sieht die Situation Marion Barwisch, Grundschullehrerin in München. Schreiben sei für die Kleinen, auch wenn sie mit Smartphone und Tablet-Computer aufwüchsen, alles andere als out. Im Gegenteil, „Kinder haben Lust auf das Erlernen der Schrift. Die meisten Kinder sind stolz darauf, wenn sie es können.“ Wenn überhaupt ein Einfluss der neuen Technologien auf die Schreibbereitschaft der Jüngsten bestehe, so sei der nicht unbedingt negativ: „Kinder haben heute durch die Medien immer mehr Anreize“, betont die Lehrerin, „oder auch durch den Kindergarten, der inzwischen mehr die Aufgabe hat, die Kinder früher zu fördern. Außerdem werden die Familien zunehmend kleiner, und die Kinder bekommen dadurch ebenfalls mehr Aufmerksamkeit und Förderung.“

Die Sorge, dass die Kulturtechnik Handschrift nach und nach ausstirbt und mit ihr so wunderbare Geräte wie der Füller, ist also unbegründet. Hoffentlich haben die Praktiker recht. Nicht nur Nostalgiker wären glücklich. Aufgrund ihrer langen Erfahrung als Lehrerin bestätigt Barwisch eine alte wissenschaftliche Vermutung: „Beim Füller wird die Feinmotorik und damit auch die kognitive Entwicklung des Kindes gefördert.“ Mit der Hand zu schreiben macht einfach schlauer als auf einer Tastatur herumzutippen. Zudem ist die Handschrift der Grundstock der Schrift. Wieder Barwisch: „Es wird immer wieder Ereignisse im Leben geben, bei denen Schreibschrift dringend benötigt wird. Schreibschrift drückt zudem mehr Individualität aus.“

Der Geha der Gegenwart heißt Lamy

Zumindest in absehbarer Zeit steuern wir also nicht auf eine Gesellschaft tippender und scrollender Schriftzombies zu, die hilflos Füller in ihren ungelenken Fäusten halten wie einst Neandertaler einen Faustkeil. Mit der eigenen Hand etwas schreiben zu wollen, dieser Grundimpuls ist so stark, dass Kulturpessimisten vorerst beruhigt sein dürfen.

Und auch die Schwärmer der guten alten Geha-Pelikan-Welt müssen nicht mitleidig in die Klassenzimmer des 21. Jahrhunderts schauen. Der Geha der Gegenwart heißt Lamy. Das Heidelberger Unternehmen produziert zwar schon seit den dreißiger Jahren Schreibgeräte, doch der Durchbruch kam erst, als unter Manfred Lamy 1966 der „Lamy 2000“ auf den Markt kam. Mit seinem am Bauhaus orientierten, minimalistischen Design ist es Lamy inzwischen sogar gelungen, zum Marktführer im Bereich der Basis-Füller aufzusteigen.

Übrigens: Natürlich war die Welt der alten Bundesrepublik nicht ganz so einfach. Denn schon damals gab es nicht nur Geha oder Pelikan, sondern etwa auch den „Safari“ von Lamy, passend zur Mode um 1980 in angesagtem Olivgrün. Die wirklich coolen Jungs, die hatten allerdings den „Carrera“ von Montblanc. Der war schwarz und gelb und hatte den berühmten Stern auf seiner Kappe. Das war der Füller der echten Individualisten.

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