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Bildungsforscherin im Gespräch : „Krippe im ersten Lebensjahr? - Nein!“

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Nicht ohne meinen Schnulli – auch in der Kita Bild: picture alliance / dpa

Wie viel und welche Betreuung ist gut für mein Kind? Bildungsforscherin Fabienne Becker-Stoll erklärt Eltern, worauf sie achten sollten - und wie es um die Qualität deutscher Kitas bestellt ist.

          Frau Becker-Stoll, stellen Sie sich vor, Ihr jüngstes Kind würde diesen Sommer ein Jahr alt und Sie müssten nach der Elternzeit in den Beruf zurück, nämlich das Staatsinstitut für Frühpädagogik in München leiten. Was würden Sie tun?

          Ich hätte mein Kind schon länger in verschiedenen Kindertageseinrichtungen hier in München angemeldet, bekäme hoffentlich einen Platz und würde dann bei der Eingewöhnung sehen, ob das einigermaßen funktioniert.

          Heißt das, ich kann mein Kleinkind in Deutschland in eine Krippe geben, ohne mir Sorgen zu machen?

          Das würde ich so sagen.

          Einer nationalen Untersuchung zufolge, an der Sie mitgewirkt haben, sind achtzig Prozent der Einrichtungen nur von mittelmäßiger Qualität.

          Das reicht natürlich nicht. Und um noch einmal auf Ihr Beispiel zurückzukommen: Ich würde für mein Kind eine reine Krippe bevorzugen. Unsere Ergebnisse zeigen, dass die größten Herausforderungen dort bestehen, wo sich ein klassischer Kindergarten für Unter-Dreijährige geöffnet hat. In reinen Kinderkrippen und reinen Kindergärten ist die Qualität besser als in den altersgemischten Gruppen.

          Jahrelang haben wir über die Zahl der Betreuungsplätze für die Kleinsten diskutiert. Jetzt, ein Jahr nach Einführung des Rechtsanspruchs, jammern alle, dass die Qualität nicht ausreicht.

          Genau.

          Dann ist doch dieser ganze Ausbau unverantwortlich!

          Ich würde es so sagen: Wir haben eine Riesenanstrengung gemacht, die Plätze auszubauen. Jetzt müssen wir uns doppelt so sehr anstrengen, um die Qualität weiterzuentwickeln und zu sichern.

          Für junge Eltern ist das ein Dilemma. Die Mütter wollen und sollen möglichst schnell wieder in den Beruf, die Betreuungsplätze sind sogar da. Aber sie können nicht sicher sein: Geht es meinem Kind da wirklich gut?

          Eltern sollten darauf achten, dass es in der Einrichtung standardmäßig eine vier- bis sechswöchige Eingewöhnung gibt. In dieser Phase bekommt man sehr viel mit, Sie sind da viele Stunden und Tage mit dabei und sehen, was läuft.

          Und woran merke ich, dass es sich um eine gute Krippe handelt?

          Daran, dass es ruhig und entspannt ist. Dass keine Kinder weinen, ohne getröstet zu werden. Die Kinder werden angelächelt. Und wenn ein Kind vormittags müde wird und eine Pause braucht, kriegt es die auch. Wenn eine fröhliche, angenehme Atmosphäre herrscht und ich als Mutter oder Vater komme da rein und denke, ach, jetzt würde ich mit meinem Kind eigentlich gerne noch länger bleiben - dann habe ich die richtige Einrichtung gefunden.

          Wie viele solcher Kitas gibt es?

          Etwa ein Drittel. Je mehr es den Mitarbeitern gelingt, auf die individuellen Bedürfnisse der kleinen Kinder liebevoll und prompt und angemessen zu reagieren, desto besser ist die Einrichtung. Das hat zunächst gar nichts mit Bildung im engeren Sinne zu tun.

          Ich dachte, wir reden seit Jahren über nichts anderes als über frühkindliche Bildung!

          Lernen ist in diesem Alter aber nur möglich, wenn das Kind sich in einer emotionalen Beziehung geborgen fühlt.

          Haben dann nicht doch die Krippengegner recht, die sagen, der beste Platz für ein Kind sei daheim bei Mama oder Papa?

          Da können wir Entwicklungspsychologen nicht zustimmen. Wenn Eltern sich das so wünschen und es gut einrichten können - keine Frage. Aber ab zwei, zweieinhalb Jahren brauchen Kinder andere Kinder. Dieses „Nur bei Mama“ ist ein Konstrukt unserer heutigen Gesellschaft. Das gab es früher nicht. Da waren die Großfamilie, Geschwister, Großeltern, unverheiratete Tanten. Wichtig ist, dass diese Beziehungen nicht ständig abgebrochen werden. Aber die Möglichkeit, zu mehreren Personen vertrauensvolle Beziehungen aufzubauen, ist für ein Kind grundsätzlich positiv.

          Was ist mit den Studien, die bei Krippenkindern deutlich erhöhte Stresswerte gemessen haben?

          Das Problem ist, dass es keine Kontrollstudie gibt. Wir haben keine Studie von Kindern, die nur zu Hause sind, die nachweisen würde, dass diese Kinder weniger Stress haben. Als Bindungsforscherin weiß ich aber, dass es auch Eltern gibt, die aufgrund ihrer Situation oder Geschichte nicht immer feinfühlig auf ihre Kinder reagieren. Für diese Kinder ist es gut, wenn sie andere Beziehungen erfahren können. Übrigens kann es einem Kind nur so gut gehen wie seiner Bezugsperson. Wenn die Mutter unglücklich ist, ist das auch für das Kind nicht optimal.

          Also? Krippe - ja oder nein?

          Sehr kurz gefasst: Im ersten Lebensjahr - nein. Im zweiten Lebensjahr kommt es auf das Kind an. Und auf keinen Fall zu lange.

          Was heißt das?

          Idealerweise nicht mehr als fünf Stunden. Und wenn Sie ein sensibles, nicht so robustes Kind haben, das schnell Überreizungen erlebt, kann eine qualifizierte Tagesmutter die bessere Lösung sein. Ab zwei Jahren profitieren alle Kinder vom regelmäßigen Kontakt zu anderen Kindern.

          Und ich muss meinem Arbeitgeber beibringen, dass sich meine Arbeitszeiten nach dem Kind richten müssen.

          Ja. Es gibt da heute mehr Flexibilität als vor zwanzig Jahren, aber das ist natürlich noch nicht optimal. Ich kann Eltern nur raten, gut auf sich und ihr Kind zu achten.

          Fabienne Becker-Stoll ist Direktorin des Staatsinstituts für Frühpädagogik in München und hat als Professorin für Entwicklungspsychologie im Zuge der „Nationalen Untersuchung zur Bildung, Betreuung und Erziehung in der frühen Kindheit“ (Nubbek) die Qualität deutscher Kindertagesbetreuung erforscht

          Was sollen Eltern machen, wenn sie den Eindruck haben, dass pädagogische Standards in ihrer Kita nicht eingehalten werden?

          Pädagogische Standards allein sind nicht der Punkt. Der Punkt ist, dass Eltern ihr Kind rausholen müssen, wenn sie merken, dass die körperlichen und seelischen Grundbedürfnisse ihres Kindes in der Kita nicht beantwortet werden. Wenn die Abläufe nicht an den kindlichen Bedürfnissen ausgerichtet sind. Wenn es keine Bezugspersonen gibt, keine Eingewöhnung. Wenn man dort Kinder weinen lässt, dann ist das Alarmstufe rot. Dann müssen Eltern eine andere Betreuungslösung suchen. Auf keinen Fall: Augen zu und durch. Die Verletzbarkeit der Kinder in diesen ersten drei Lebensjahren ist einfach zu groß.

          Wären diese Probleme mit mehr Personal gelöst? In vielen Bundesländern wird der von Experten geforderte Schlüssel - eine Fachkraft für drei Kinder - bei weitem nicht erfüllt.

          Leider nicht. Mehr qualifiziertes Personal ist notwendig, aber nicht ausreichend. Die Fachkräfte brauchen auch die Kompetenz, auf die Entwicklungsbedürfnisse der Kinder einzugehen. Im schlimmsten Fall haben Sie viele Erwachsene, die sich in einer Kinderkrippe auf die Füße treten, und trotzdem ist der pädagogische Alltag nicht an den Bedürfnissen der Kinder ausgerichtet.

          Das gibt es?

          Ich habe einmal eine privat-gewerblich geführte Kindertageseinrichtung besucht, die mit einem sehr ausgeklügelten, wissenschaftlich fundierten Bildungsprogramm warb und doppelt so viel Personal hatte, wie gesetzlich vorgeschrieben war. Aber die Kinder wurden nicht angelächelt. Das Programm wurde durchgezogen, hatte aber mit dem, was die Kinder gebraucht hätten, nichts zu tun. Auf der anderen Seite gibt es ganz normale Kitas in öffentlicher Trägerschaft mit bescheidener Ausstattung, die exzellente Arbeit machen. Wir haben in Deutschland eine immense Varianz in der pädagogischen Qualität - zum Teil in derselben Einrichtung.

          Warum ist es so schwierig, kleine Kinder gut zu betreuen?

          Sie müssen sehr viel über die Bedürfnisse von Kindern wissen, über das Bedürfnis nach Bindung, nach Eingebundensein, nach Kompetenzerleben, nach Autonomie. Die Erfüllung dieser Bedürfnisse ist die Voraussetzung für Lernen. Uns ist aber als Kindern beigebracht worden, dass wir die Zähne zusammenbeißen und uns nicht so anstellen sollen. Wir tragen da eine historische Last. Unser Verständnis von unserem Umgang mit Kindern ist nach wie vor von einem Buch aus dem Dritten Reich geprägt, „Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind“ von der Lungenfachärztin Dr. Johanna Haarer. Darin steht, dass man neugeborene Babys in einem 16 Grad kalten Kinderzimmer zum Durchschlafen zwingen solle, nicht füttern, nicht trösten, nicht herzen - sondern stark machen und abhärten. Dieses Buch wurde in Westdeutschland mit leicht verändertem Titel bis 1987 von vielen Kommunen an Eltern verteilt und in vielen Fach- und Berufsschulen verwendet. Die letzte Auflage war 1996. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen.

          Daher stammt unsere Angst, kleine Kinder zu verwöhnen?

          Genau. Aber das widerspricht allen neueren Erkenntnissen über das frühkindliche Gehirn. Ein Kind, das weint, braucht den liebevollen Körperkontakt zu seiner primären Bindungsperson. Lässt man ein Kind über Stunden allein weinen, führt die Stressüberflutung im Gehirn des Säuglings dazu, dass bestimmte synaptische Verbindungen nachhaltig geschädigt werden können. Nur durch Trost und liebevolle Zuwendung können Kinder lernen, mit Angst und Stress umzugehen. Wenn man ihnen das verweigert, müssen sie diese Gefühle unterdrücken. Die Fähigkeit, Gefühle angemessen regulieren zu können, ist die Grundlage psychischer Gesundheit - und umgekehrt.

          Und diese Emotionsregulation ist letztlich auch der wichtigste Krippenauftrag?

          Genau. Feinfühlige Zuwendung heißt, die Signale des Kindes wahrnehmen, sie richtig interpretieren und prompt und angemessen reagieren. Und zwar von einer konstanten Bezugsperson und ihrer Ersatzbezugsperson, so dass das Kind weiß: Wenn die Anna nicht da ist, ist die Monika für mich da, wenn ich Trost und Hilfe brauche.

          Aber bei achtzig Prozent mittelmäßiger Qualität, da . . .

          Ist es schwierig. Ich bin da bei Ihnen. Wir haben noch ein weites Stück zu gehen.

          Geht das zu Lasten der Kinder, die diesen Sommer eingewöhnt werden?

          Um Himmels willen, nein! Dann würden wir den Einfluss der Kita total überschätzen. Ich kann Sie beruhigen: Den größten Einfluss haben die Eltern.

          Solange mein Kind nicht wirklich leidet, gleiche ich das aus - selbst wenn die Krippe nur mäßig ist?

          Hundertprozentig. Aber Sie sollten auf sich achten und auf Ihr Kind und darauf, dass Sie im ganz normalen Alltag genügend entspannte und schöne und intensive Zeit mit Ihrem Kind verbringen. Und ich kann Ihnen gleich sagen: Acht oder zehn Stunden Kita sind für die meisten Kleinkinder zu viel. Definitiv.

          Was ist mit Kindern mit Migrationshintergrund, bei denen die Kita Sprachmängel und Bildungsdefizite ausgleichen soll?

          Das ist das vielleicht wichtigste Ergebnis unserer großen Qualitätsstudie: Kinder mit Migrationshintergrund brauchen exzellente Einrichtungen, um sich gut zu entwickeln. Bevor sie eine schlechte oder mittelmäßige Kita besuchen, bleiben sie besser zu Hause.

          Wie bitte?

          Das ist leider so. Wir haben die sprachliche, die sozio-emotionale und die kognitive Entwicklung gemessen und verglichen. Wenn diese zweijährigen Kinder nicht in eine Kita im oberen Drittel der Qualität gehen, sind sie zu Hause besser aufgehoben. Nur den guten Kitas gelingt es, sich auf die spezifischen Bildungsbedürfnisse von Kindern mit Migrationshintergrund so einzustellen, dass diese davon wirklich profitieren. Bei den deutschen Zweijährigen hingegen wirkt sich die Qualität der Kita kaum auf die Entwicklung aus.

          Was muss jetzt passieren, damit sich die Lage bessert?

          Die Finanzierung der frühkindlichen Bildung muss auf dasselbe Gleis wie die Schulbildung, nämlich auf Länderebene, geregelt werden. Bisher hängt es zu stark an den Kommunen. In welcher Stadt ein Kind gerade lebt, entscheidet, wie gut die finanzielle Absicherung und damit die Rahmenbedingungen der Kitas sind. Dann brauchen die Verantwortlichen in den Einrichtungen eine akademische Ausbildung, weil diese Bildungsarbeit mit den kleinen Kindern so komplex ist. Und wir brauchen eine einheitliche Gesetzgebung, am besten auf Bundesebene, welche Standards nicht unterschritten werden dürfen. Dazu gehört auch eine fortlaufende Qualitätsüberprüfung. Und Transparenz. Damit Eltern genau wissen, wo läuft was wie gut.

          Der ewige Streit um die Kita

          Obwohl seit dem 1. August 2013 ein Rechtsanspruch auf einen Krippenplatz besteht, wird über die Fremdbetreuung für Kinder unter drei Jahren nach wie vor heftig gestritten. Während die Zahl der Kleinkinder in Krippen und bei Tagesmüttern im vergangenen Jahr um zehn Prozent gewachsen ist und mit 662.000 einen neuen Rekord erreicht hat, rücken Qualitätsmängel in der Kita-Betreuung ins Zentrum der Diskussion. In den meisten Bundesländern bleibt der Personalschlüssel deutlich hinter Expertenempfehlungen zurück. Statt eines Verhältnisses von 1:3 ist eine Fachkraft für im Schnitt 3,8 (Westdeutschland) oder gar 6,3 Kinder (Ostdeutschland) zuständig. Laut Berechnungen der Bertelsmann-Stiftung fehlen 120.000 Erzieher.

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