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Bildungsforscherin im Gespräch : „Krippe im ersten Lebensjahr? - Nein!“

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Daher stammt unsere Angst, kleine Kinder zu verwöhnen?

Genau. Aber das widerspricht allen neueren Erkenntnissen über das frühkindliche Gehirn. Ein Kind, das weint, braucht den liebevollen Körperkontakt zu seiner primären Bindungsperson. Lässt man ein Kind über Stunden allein weinen, führt die Stressüberflutung im Gehirn des Säuglings dazu, dass bestimmte synaptische Verbindungen nachhaltig geschädigt werden können. Nur durch Trost und liebevolle Zuwendung können Kinder lernen, mit Angst und Stress umzugehen. Wenn man ihnen das verweigert, müssen sie diese Gefühle unterdrücken. Die Fähigkeit, Gefühle angemessen regulieren zu können, ist die Grundlage psychischer Gesundheit - und umgekehrt.

Und diese Emotionsregulation ist letztlich auch der wichtigste Krippenauftrag?

Genau. Feinfühlige Zuwendung heißt, die Signale des Kindes wahrnehmen, sie richtig interpretieren und prompt und angemessen reagieren. Und zwar von einer konstanten Bezugsperson und ihrer Ersatzbezugsperson, so dass das Kind weiß: Wenn die Anna nicht da ist, ist die Monika für mich da, wenn ich Trost und Hilfe brauche.

Aber bei achtzig Prozent mittelmäßiger Qualität, da . . .

Ist es schwierig. Ich bin da bei Ihnen. Wir haben noch ein weites Stück zu gehen.

Geht das zu Lasten der Kinder, die diesen Sommer eingewöhnt werden?

Um Himmels willen, nein! Dann würden wir den Einfluss der Kita total überschätzen. Ich kann Sie beruhigen: Den größten Einfluss haben die Eltern.

Solange mein Kind nicht wirklich leidet, gleiche ich das aus - selbst wenn die Krippe nur mäßig ist?

Hundertprozentig. Aber Sie sollten auf sich achten und auf Ihr Kind und darauf, dass Sie im ganz normalen Alltag genügend entspannte und schöne und intensive Zeit mit Ihrem Kind verbringen. Und ich kann Ihnen gleich sagen: Acht oder zehn Stunden Kita sind für die meisten Kleinkinder zu viel. Definitiv.

Was ist mit Kindern mit Migrationshintergrund, bei denen die Kita Sprachmängel und Bildungsdefizite ausgleichen soll?

Das ist das vielleicht wichtigste Ergebnis unserer großen Qualitätsstudie: Kinder mit Migrationshintergrund brauchen exzellente Einrichtungen, um sich gut zu entwickeln. Bevor sie eine schlechte oder mittelmäßige Kita besuchen, bleiben sie besser zu Hause.

Wie bitte?

Das ist leider so. Wir haben die sprachliche, die sozio-emotionale und die kognitive Entwicklung gemessen und verglichen. Wenn diese zweijährigen Kinder nicht in eine Kita im oberen Drittel der Qualität gehen, sind sie zu Hause besser aufgehoben. Nur den guten Kitas gelingt es, sich auf die spezifischen Bildungsbedürfnisse von Kindern mit Migrationshintergrund so einzustellen, dass diese davon wirklich profitieren. Bei den deutschen Zweijährigen hingegen wirkt sich die Qualität der Kita kaum auf die Entwicklung aus.

Was muss jetzt passieren, damit sich die Lage bessert?

Die Finanzierung der frühkindlichen Bildung muss auf dasselbe Gleis wie die Schulbildung, nämlich auf Länderebene, geregelt werden. Bisher hängt es zu stark an den Kommunen. In welcher Stadt ein Kind gerade lebt, entscheidet, wie gut die finanzielle Absicherung und damit die Rahmenbedingungen der Kitas sind. Dann brauchen die Verantwortlichen in den Einrichtungen eine akademische Ausbildung, weil diese Bildungsarbeit mit den kleinen Kindern so komplex ist. Und wir brauchen eine einheitliche Gesetzgebung, am besten auf Bundesebene, welche Standards nicht unterschritten werden dürfen. Dazu gehört auch eine fortlaufende Qualitätsüberprüfung. Und Transparenz. Damit Eltern genau wissen, wo läuft was wie gut.

Der ewige Streit um die Kita

Obwohl seit dem 1. August 2013 ein Rechtsanspruch auf einen Krippenplatz besteht, wird über die Fremdbetreuung für Kinder unter drei Jahren nach wie vor heftig gestritten. Während die Zahl der Kleinkinder in Krippen und bei Tagesmüttern im vergangenen Jahr um zehn Prozent gewachsen ist und mit 662.000 einen neuen Rekord erreicht hat, rücken Qualitätsmängel in der Kita-Betreuung ins Zentrum der Diskussion. In den meisten Bundesländern bleibt der Personalschlüssel deutlich hinter Expertenempfehlungen zurück. Statt eines Verhältnisses von 1:3 ist eine Fachkraft für im Schnitt 3,8 (Westdeutschland) oder gar 6,3 Kinder (Ostdeutschland) zuständig. Laut Berechnungen der Bertelsmann-Stiftung fehlen 120.000 Erzieher.

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