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Bildungsforscherin im Gespräch : „Krippe im ersten Lebensjahr? - Nein!“

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Das Problem ist, dass es keine Kontrollstudie gibt. Wir haben keine Studie von Kindern, die nur zu Hause sind, die nachweisen würde, dass diese Kinder weniger Stress haben. Als Bindungsforscherin weiß ich aber, dass es auch Eltern gibt, die aufgrund ihrer Situation oder Geschichte nicht immer feinfühlig auf ihre Kinder reagieren. Für diese Kinder ist es gut, wenn sie andere Beziehungen erfahren können. Übrigens kann es einem Kind nur so gut gehen wie seiner Bezugsperson. Wenn die Mutter unglücklich ist, ist das auch für das Kind nicht optimal.

Also? Krippe - ja oder nein?

Sehr kurz gefasst: Im ersten Lebensjahr - nein. Im zweiten Lebensjahr kommt es auf das Kind an. Und auf keinen Fall zu lange.

Was heißt das?

Idealerweise nicht mehr als fünf Stunden. Und wenn Sie ein sensibles, nicht so robustes Kind haben, das schnell Überreizungen erlebt, kann eine qualifizierte Tagesmutter die bessere Lösung sein. Ab zwei Jahren profitieren alle Kinder vom regelmäßigen Kontakt zu anderen Kindern.

Und ich muss meinem Arbeitgeber beibringen, dass sich meine Arbeitszeiten nach dem Kind richten müssen.

Ja. Es gibt da heute mehr Flexibilität als vor zwanzig Jahren, aber das ist natürlich noch nicht optimal. Ich kann Eltern nur raten, gut auf sich und ihr Kind zu achten.

Fabienne Becker-Stoll ist Direktorin des Staatsinstituts für Frühpädagogik in München und hat als Professorin für Entwicklungspsychologie im Zuge der „Nationalen Untersuchung zur Bildung, Betreuung und Erziehung in der frühen Kindheit“ (Nubbek) die Qualität deutscher Kindertagesbetreuung erforscht

Was sollen Eltern machen, wenn sie den Eindruck haben, dass pädagogische Standards in ihrer Kita nicht eingehalten werden?

Pädagogische Standards allein sind nicht der Punkt. Der Punkt ist, dass Eltern ihr Kind rausholen müssen, wenn sie merken, dass die körperlichen und seelischen Grundbedürfnisse ihres Kindes in der Kita nicht beantwortet werden. Wenn die Abläufe nicht an den kindlichen Bedürfnissen ausgerichtet sind. Wenn es keine Bezugspersonen gibt, keine Eingewöhnung. Wenn man dort Kinder weinen lässt, dann ist das Alarmstufe rot. Dann müssen Eltern eine andere Betreuungslösung suchen. Auf keinen Fall: Augen zu und durch. Die Verletzbarkeit der Kinder in diesen ersten drei Lebensjahren ist einfach zu groß.

Wären diese Probleme mit mehr Personal gelöst? In vielen Bundesländern wird der von Experten geforderte Schlüssel - eine Fachkraft für drei Kinder - bei weitem nicht erfüllt.

Leider nicht. Mehr qualifiziertes Personal ist notwendig, aber nicht ausreichend. Die Fachkräfte brauchen auch die Kompetenz, auf die Entwicklungsbedürfnisse der Kinder einzugehen. Im schlimmsten Fall haben Sie viele Erwachsene, die sich in einer Kinderkrippe auf die Füße treten, und trotzdem ist der pädagogische Alltag nicht an den Bedürfnissen der Kinder ausgerichtet.

Das gibt es?

Ich habe einmal eine privat-gewerblich geführte Kindertageseinrichtung besucht, die mit einem sehr ausgeklügelten, wissenschaftlich fundierten Bildungsprogramm warb und doppelt so viel Personal hatte, wie gesetzlich vorgeschrieben war. Aber die Kinder wurden nicht angelächelt. Das Programm wurde durchgezogen, hatte aber mit dem, was die Kinder gebraucht hätten, nichts zu tun. Auf der anderen Seite gibt es ganz normale Kitas in öffentlicher Trägerschaft mit bescheidener Ausstattung, die exzellente Arbeit machen. Wir haben in Deutschland eine immense Varianz in der pädagogischen Qualität - zum Teil in derselben Einrichtung.

Warum ist es so schwierig, kleine Kinder gut zu betreuen?

Sie müssen sehr viel über die Bedürfnisse von Kindern wissen, über das Bedürfnis nach Bindung, nach Eingebundensein, nach Kompetenzerleben, nach Autonomie. Die Erfüllung dieser Bedürfnisse ist die Voraussetzung für Lernen. Uns ist aber als Kindern beigebracht worden, dass wir die Zähne zusammenbeißen und uns nicht so anstellen sollen. Wir tragen da eine historische Last. Unser Verständnis von unserem Umgang mit Kindern ist nach wie vor von einem Buch aus dem Dritten Reich geprägt, „Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind“ von der Lungenfachärztin Dr. Johanna Haarer. Darin steht, dass man neugeborene Babys in einem 16 Grad kalten Kinderzimmer zum Durchschlafen zwingen solle, nicht füttern, nicht trösten, nicht herzen - sondern stark machen und abhärten. Dieses Buch wurde in Westdeutschland mit leicht verändertem Titel bis 1987 von vielen Kommunen an Eltern verteilt und in vielen Fach- und Berufsschulen verwendet. Die letzte Auflage war 1996. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen.

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