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Bundeswehr : Wer soll das mitmachen?

Sind Vater oder Mutter bei der Bundeswehr, stehen ihre Schuhe nur selten im Hausflur: 70 Prozent der Soldaten sind Wochenendpendler Bild: Slesiona, Patrick

Häufige Versetzungen, Auslandseinsätze, starre Dienstzeiten: Bundeswehr und Familie, das passt schlecht zusammen. Daran kann wohl auch Ursula von der Leyen so schnell nichts ändern.

          6 Min.

          Wenn Peter Müller* seinen Sohn morgens um 5.30 Uhr weckt, dann tut ihm der Zweijährige so leid, dass er schon öfter gedacht hat: „Lass ihn doch einfach schlafen und schmeiß alles hin.“ Aber das geht nicht. Müller ist 44, seit zwanzig Jahren bei der Bundeswehr, und sein Einkommen als Hauptfeldwebel liegt nach Abzug von Lebens-, Unfall- und Haftpflichtversicherungen bei knapp über 2000 Euro netto - so dass seine Partnerin ebenfalls arbeiten geht. Beide müssen um Viertel vor sechs aus dem Haus, er nimmt den Jungen dann im Auto mit und liefert ihn um 6.15 Uhr in einer Kita in der Nähe der Kaserne ab. Fast elf Stunden später, nach Dienstschluss, holt er ihn wieder ab. „Der Kleine hat den heftigsten Tag von uns allen“, sagt Müller. „Woanders wäre schon längst das Jugendamt informiert worden.“

          Katrin Hummel

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Bei der Bundeswehr sind solche Dienstzeiten allerdings normal. Wochenarbeitszeiten von 46 Stunden ohne Überstundenausgleich können von den Vorgesetzten ohne weiteres vorgegeben werden, viele Soldaten müssen sogar noch länger arbeiten, und die Anfahrtszeiten sind da noch gar nicht mitgerechnet. Manfred Richter, Hauptfeldwebel im Verteidigungsministerium, sagt: „Seit Jahren fordert der Bundeswehrverband erfolglos, von den 46 Stunden runterzukommen. Wie Don Quichotte im Kampf gegen die Windmühlen.“

          Ob es nun die starren Arbeitszeiten sind, die häufigen Versetzungen oder der Mangel an Kitaplätzen: Um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie bei der Bundeswehr ist es so schlecht bestellt, dass Verteidigungsministerin von der Leyen kurz nach ihrem Amtsantritt erklärt hat, sie wolle das ändern. Das war Anfang Januar. Dann hörte man lange nichts mehr. Auf Anfrage, was bisher geschehen sei, sagt ein Sprecher nun: „Wir sind noch in der Bestandsaufnahme. Man kann nichts übers Knie brechen. Aber wir nehmen das sehr ernst und tun alles, um die Bundeswehr zu einem der attraktivsten Arbeitgeber Deutschlands zu machen.“

          Eine Kita in der Kaserne wäre gut

          Dass schnell alles besser wird, darf also bezweifelt werden. Laut einer neuen internen Umfrage wünscht sich zum Beispiel fast die Hälfte aller Soldaten eine Kinderbetreuung in der Kaserne. Sinnvoll wäre das, weil Familien oft weniger als drei Monate vorher erfahren, wo der neue Einsatzort von Vater oder Mutter oder beiden liegt, und man mit einer so kurzen Vorlaufzeit keinen Betreuungsplatz in den kommunalen Einrichtungen mit ihren langen Wartelisten findet. Aber das Verteidigungsministerium verweist meist nur gebetsmühlenhaft darauf, dass die Kinderbetreuung eine kommunale Aufgabe sei.

          Thorsten Strump, Stabsfeldwebel und Vater eines einjährigen Kindes, hat daher vor drei Jahren selbst versucht, eine Kita in seiner Kaserne einzurichten. Als Vorbild diente ihm dabei die Kinderkrippe „Fördewichtel“ in Kiel - ein Vorzeigeprojekt der Bundeswehr, das in Eigeninitiative des Standortes innerhalb von nur sechs Monaten zehn Betreuungsplätze geschaffen hatte. Strump suchte vor Ort ebenfalls selbst einen Träger, holte die Zustimmung des Jugendamtes ein. Dann fehlte nur noch ein Gebäude in der Liegenschaft, in der immerhin 800 Soldaten Dienst tun.

          Strump dachte: Das kann doch nicht so schwer sein. Er sollte sich täuschen. Erst fünf Infrastrukturbesprechungen und neun Monate später sagte der Standortälteste ihm ein Gebäude zu. Eine Besichtigung sei allerdings nicht vorher möglich, sondern gleich im Beisein von Jugendamt und Träger. So machte Strump einen Termin mit beiden aus, und dann standen sie alle zusammen vor dem Gebäude - drei Jahre nachdem er das Projekt in Angriff genommen hatte. Heute sagt Strump: „Ich hab’ mich so geschämt, als die Tür aufging. Es war ein von außen saniertes Gebäude, das von innen aussah wie im Krieg. Da war seit fünf Jahren niemand mehr drin gewesen. Man hätte es vollkommen renovieren müssen. Ich konnte mich nur noch entschuldigen.“ Er fühlte sich, als habe er einen Schlag in die Magengrube bekommen.

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