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Familie Dudek : Bloß nicht in die Schule mit den Kindern

  • -Aktualisiert am

Die Schulverweigerer: Familie Dudek aus Archfeld-Herleshausen Bild: dpa

Nach dem Urteil gegen das Schulverweigerer-Elternpaar sieht der Anwalt der Familie den Fall noch nicht als ausgestanden an. Die Dudeks hätten das Recht ihrer Kinder auf Bildung nicht verletzt, sondern allein die „Schulgebäudeanwesenheitspflicht“.

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          In Deutschland werden 600 bis 1000 Kinder der Schulpflicht entzogen und zu Hause unterrichtet. Unter ihnen sind auch Kinder der Familie Dudek aus Archfeld im hessischen Werra-Meißner-Kreis. Die Eltern, Rosemarie und Jürgen Dudek, sind kirchlich ungebunden, bekennen sich aber zum Christentum. Sie wollen ihre Kinder keinem Menschen anvertrauen, der nicht von so fester christlicher Überzeugung ist wie sie selbst. Sie unterrichten ihre Kinder daher selbst, und das mit offenkundigem Erfolg.

          Damit gerieten sie aber in Konflikt mit dem Gesetz. Nach Paragraph 182 des Hessischen Schulgesetzes wird mit einer Freiheitsstrafe von bis zu sechs Monaten oder 180 Tagessätzen bestraft, wer einen anderen dauernd oder hartnäckig wiederholt der Schulpflicht entzieht. Die Entziehung von der Schulpflicht ist ein Antragsdelikt. Antragsberechtigt ist die untere Schulaufsichtsbehörde. Schulpflicht besteht zwar in allen deutschen Ländern, aber nur in Hessen, Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern und dem Saarland ist sie nach den Recherchen des Rechtsanwalts der Dudeks, Andreas Vogt aus Eschwege, mit einer Strafe bewehrt.

          Am Mittwoch verurteilte das Landgericht Kassel Rosemarie und Jürgen Dudek jeweils zu einer Strafe von 60 Tagessätzen zu je einem Euro. Der geringe Tagessatz erklärt sich mit dem geringen Einkommen der Eltern. Sie gehen, abgesehen von dem Nachhilfeunterricht, den der Vater Kindern anderer Familien erteilt, keiner Arbeit nach, um ganz für die eigenen Kinder da zu sein. Ihr Haus ist schuldenfrei. Staatliche Unterstützung wie Hartz IV lehnen sie ab, Kindergeld nehmen sie in Anspruch.

          Gemeinsam sieben Kinder

          Damit sind die Eltern vorbestraft. Wenn sie die Kinder jetzt nicht zur Schule schicken, könnte der nächste Strafantrag der Schulbehörde folgen. Den Eheleuten würde eine Freiheitsstrafe ohne Bewährung drohen. Der Fall werde spannend bleiben, versichert der Vater nach dem Urteilsspruch. Rechtsanwalt Vogt sagt: „Wir nehmen das Urteil zur Kenntnis und sehen, wie es weitergeht.“ Jürgen Dudek ist 48, seine Frau Rosemarie 43 Jahre alt. Dudeks Vater war für einen internationalen Konzern tätig. Der Sohn lebte in seiner Kindheit und Jugend in Indien und Südafrika. Er studierte Geschichte, Anglistik und Politik und arbeitete als Journalist. Seine Frau studierte Musik.

          Gemeinsam haben die Dudeks sieben Kinder im Alter zwischen zwei und 17 Jahren. Der älteste Sohn, Jonathan, besuchte zunächst, als die Familie noch im Rheinland lebte, eine christliche Grundschule, zu der er aber einen weiten Weg zurücklegen musste. Die Dudeks zogen nach Hessen um und unterrichteten das Kind selbst. Den Behörden blieb das offenbar verborgen. Erst als der folgende Sohn, der heute 15 Jahre alte Lukas, schulpflichtig wurde, schrieb das zuständige Schulamt im Jahr 2000 die Familie an, berichtet der Anwalt.

          Die Eltern antworteten, dass sie das Kind nicht in die Schule geben, sondern es selbst unterrichten werden. Nun dauerte es nach Vogts Schilderung drei Jahre, bis die Dudeks das nächste Mal vom Schulamt hörten, als der Drittgeborene, Daniel, 2003 schulpflichtig wurde. Weil Lukas die Schule nicht besuchte, mussten die Eltern ein Bußgeld von 120 Euro zahlen. Am Heimunterricht von Jonathan nahm offenbar niemand Anstoß. Im März 2004 stellte das Schulamt Bebra einen Strafantrag wegen Entziehung der Söhne Lukas und Daniel von der Schulpflicht. Parallel stellte Familie Dudek einen Antrag auf Genehmigung einer Ersatzschule, den sie aber später zurückzog. Im Januar 2005 kam es zur Hauptverhandlung vor dem Amtsgericht Eschwege. Das Verfahren wurde wegen geringer Schuld nach Zahlung einer Geldauflage von 150 Euro an eine gemeinnützige Einrichtung im April eingestellt.

          Unterricht am offiziellen Lehrplan ausgerichtet

          Im Mai 2005 stellte das Schulamt abermals einen Strafantrag gegen die Dudeks, weil sie ihre drei ältesten Söhne zu Hause unterrichteten. Im Oktober 2006 erhob die Staatsanwaltschaft Anklage, und im Mai 2007 verhängte das Amtsgericht Eschwege eine Geldstrafe von 60 Tagessätzen zu zehn Euro gegen den Vater und von fünf Euro gegen die Mutter. Die Staatsanwaltschaft legte Berufung ein, beschränkte sie aber auf das Strafmaß. Die Schuldfrage sei nicht abermals zu prüfen. Im Juni 2008 hob das Landgericht Kassel das Urteil auf. Die Eltern wurden zu je drei Monaten Freiheitsstrafe verurteilt. Hiergegen legten die Dudeks mit Erfolg beim Oberlandesgericht Frankfurt Revision ein. Sie agierten bis dahin ohne Rechtsbeistand. Das OLG gab die Sache zurück an das Landgericht Kassel zur abermaligen Verhandlung, in der nun das Urteil fiel.

          Im Prozess wurde bekannt, dass der älteste Sohn unterdessen seinen Realschulabschluss an einer staatlichen Schule abgelegt hatte. Sein Zeugnis zeigt, bis auf den Sport, nur Einser und Zweier. Der Notendurchschnitt beträgt 1,1. Die Schulkonferenz empfahl ihn ans Gymnasium. In der Anmeldung zum Oberstufengymnasium Eschwege stellte die Südringgauschule in Herleshausen fest, dass Jonathan von der fünften Klassenstufe an in Englisch und von der siebten in Französisch unterrichtet worden sei. Die Schule anerkannte damit faktisch die private Beschulung.

          Die Eltern richten sich am offiziellen Lehrplan aus und halten Schul- und Ferienzeiten gewissenhaft ein. Rechtsanwalt Vogt argumentiert, die Dudeks hätten das Recht ihrer Kinder auf Bildung nicht verletzt, sondern allein die „Schulgebäudeanwesenheitspflicht“. In Deutschland habe es auch in der Weimarer Zeit eine Schulpflicht gegeben, aber ein Verstoß sei nicht strafbar gewesen. Die Strafbewehrung habe erst das Reichsschulpflichtgesetz von 1938 gebracht. Darüber hinaus gebe es in fast allen westlichen demokratischen Staaten keine Schulpflicht im deutschen Sinne. So könnten in Österreich, Frankreich, England oder Amerika die Kinder zu Hause unterrichtet werden.

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