https://www.faz.net/-gum-7tvfj

Deutsches Schulsystem : Kaum Chancengleichheit, zu viel Druck

  • Aktualisiert am

Den ersten Schultag genießen alle Kinder. Später macht vielen der Leistungsdruck zu schaffen, fürchten ihre Eltern. Bild: dpa

Die meisten Eltern geben den Lehrern ihrer Kinder gute Noten. Doch mit dem Schulsystem an sich sind sie oft unzufrieden. Am meisten Sorgen bereiten ihnen die Themen G8, Inklusion und hohe Leistungsansprüche.

          Eltern schulpflichtiger Kinder halten das deutsche Schulsystem für stark reformbedürftig. Wie aus einer Umfrage des Sozialforschungsinstituts TNS Emnid hervorgeht, wünschen sich die befragten Eltern vor allem höhere Chancengleichheit und einheitliche Bedingungen für alle Schüler in Deutschland. So sprechen sich 92 Prozent für ein bundesweites Zentralabitur aus. „Das gegenwärtige föderale System ist aus Sicht einer erdrückenden Mehrheit der Eltern willkürlich und ungerecht“, sagte der Bildungsforscher Prof. Dr. Klaus-Jürgen Tillmann von der Universität Bielefeld bei der Präsentation der Studienergebnisse in Berlin. Das Zentralabitur werde als wesentliches Element eines gerechten Schulsystems angesehen, in dem Leistungen tatsächlich vergleichbar sind.

          Für  die repräsentative Untersuchung wurden im Januar und Februar 2014 bundesweit 3.001 Eltern mit schulpflichtigen Kindern im Alter bis zu 16  Jahren im Auftrag des Online-Shops für Spielzeug, Kinderbekleidung und –möbel sowie Lernutensilien, Jako-O, befragt. Die Bildungspolitik hat Tillmann zufolge nach diesem Votum ein massives  Legitimationsproblem. „Wenn neun von zehn Eltern das länderspezifische Abitur  als ungerecht und abschaffungswürdig ansehen, kann das in ein em demo - kratischen Staat nicht ohne Reaktionen bleiben. Eine Bildungspolitik, die Eltern verstärkt einbeziehen will, wird mit solchen Forderungen umgehen müssen“, sagte der Forscher. 

          Andrea Spude, stellvertretende Vorsitzende des Bundeselternrats, forderte mit  Blick auf die Kritik der Eltern am föderalen Bildungssystem, das Kooperationsverbot zwischen Bund und Ländern komplett aufzuheben: „Bund, Länder und  Kommunen müssen gemeinsam die Verantwortung dafür übernehmen, dass Bildung und Ausbildung in ganz Deutschland unter gleichen Rahmenbedingungen  stattfinden. Der Bildungserfolg eines Kindes darf nicht davon abhängen, in  welchem Bundesland es aufwächst“, sagte die Vorsitzende bei der Präsentation.

          Leistungsprinzip viel zu präsent

          Mit gut 84 Prozent hält eine deutliche Mehrheit der Eltern es für „sehr wichtig“, dass alle Kinder in Deutschland die gleichen Bildungschancen haben und dass  Wert auf soziales Verhalten gelegt wird. 81 Prozent wünschen sich, dass lernschwache Schüler besser gefördert werden. Fast drei Viertel fordern, dass in allen  Bundesländern die gleichen Bedingungen herrschen. Der Leistungsgedanke sollte dagegen nur für die wenigsten Eltern im Vordergrund stehen. Lediglich 27 Prozent  halten dies für ein „sehr wichtiges“ Ziel der Bildungspolitik. Aber: Von der aktuellen  Praxis sind die Eltern massiv enttäuscht. Gerade die Ziele, die ihnen am wichtigsten sind, sehen sie am wenigsten realisiert. Gleiche Bedingungen in den verschiedenen Bundesländern kann nur eine Minderheit von 16 Prozent erkennen. Lediglich ein knappes Drittel meint, dass Chancengleichheit für alle Kinder herrscht und dass lernschwache Schüler ausreichend gefördert werden (32 Prozent). Das wenig gewünschte Leistungsprinzip dagegen halten 72 Prozent der Eltern an deutschen Schulen für überpräsent.

          Weitere Themen

          Was sind Sanktionen? Video-Seite öffnen

          Erklärvideo : Was sind Sanktionen?

          Immer mehr Sanktionen werden gegen Staaten verhängt. Doch wie in der Erziehung scheitern sie oft. Warum? Was bewirkt eine Sanktion eigentlich? Eine Erklärung, warum Sanktionen meist nicht zum Erfolg führen, weder bei Kindern noch bei Staaten.

          Topmeldungen

          Premierminister bei Merkel : Johnson beharrt auf Ende des Backstops

          Johnson und Merkel zeigen sich optimistisch – dennoch belegt der Backstop die Schwierigkeiten des Treffens. Schon vorher hatten Finanzminister und Bundespräsident dem Premier die kalte Schulter gezeigt.
          Luftbildkamera der NVA im Stabsgebäude über dem Eingang zum DDR-Atombunker Harnekop nordöstlich von Berlin

          Mauerfall-Debatte : Warum ticken die Ossis so?

          Der Zuspruch der AfD im Osten hat seinen Ursprung nicht zuletzt in der DDR. Weil Ostdeutsche jahrzehntelang einem Klima der Lüge und der Demütigung ausgesetzt waren. Ein Gastbeitrag.

          Soli und Negativzinsen : Die Koalition der Verzweifelten

          Der Soli wird zur verkappten Reichensteuer. Zudem entdeckt die Koalition jetzt auch noch den Sparer und will Negativzinsen verbieten. Wetten, dass das weder CDU noch SPD hilft?
          Bugatti Veyron auf einer Automesse – Das Modell war auch bei den von Schweizer Behörden gesuchten Verdächtigen beliebt

          Milliarden-Raub : Verdächtige lebten in Saus und Braus

          Internationale Kriminelle haben den Staatsfonds von Malaysia ausgeraubt. Schweizer Ermittler sind den veruntreuten Milliarden auf der Spur – ein Krimi, der von einem mysteriösen Araber handelt und von superschnellen Luxusautos.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.