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Drastische Werbeplakate : Mama, was ist Er-ot-ik?

  • -Aktualisiert am

Zärtlich einkaufen: Daniel Bahr vor dem neuen Kampagnenmotiv der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Bild: picture alliance / dpa

„Gnadenlos ficken“, „es wird schmutzig“, „ich will’s andersrum“: Werbeplakate nehmen selten ein Blatt vor den Mund. Wie aber erklärt man’s dem Kinde?

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          Viele Eltern erinnern sich genau an die ersten Worte, die ihr Kind laut gelesen hat. Meine sieben Jahre alte Tochter saß hinter mir im Auto. Wir standen an einer Kreuzung mitten in Berlin. Sie las stockend von einem Plakat: „Je sau-be-rer du bist, des-to schmu-tzi-ger wird’s.“ Ich gab Gas, aber das nützte nichts mehr. Was der Satz bedeute, wollte sie wissen. Es bedeutet, dass der Hersteller eines Männer-Deos seinen Kunden Sex in Aussicht stellt - mit Frauen wie der Tanga-Dame auf dem Poster. Das habe ich natürlich nicht gesagt. Gar nichts habe ich gesagt. Und dafür begonnen, an jeder Kreuzung vorausschauend das Werbeangebot zu scannen. Am besten hält man gar nicht mehr an.

          Besonders nervig ist die angebliche Aufklärungskampagne gegen Aids, bei der an jeder Ecke auf Riesenplakaten politisch korrekt ausgewählte Menschen sagen, wie sie gerne Sex hätten: Ich will’s klassisch, konservativ, wild, sanft und so weiter. Natürlich fragt jedes Kind, das lesen kann, was die denn wollen. „Einkaufen gehen“, fiel meinem Mann ein. Die Plakatserie soll Erwachsene schützen. Kinder offensichtlich nicht.

          Alles nur „Porn Chic“

          Man kann die Kinder von den Litfaßsäulen wegziehen und von den Straßenbahnhaltestellen, aber es gibt ja noch die Bauzäune. Dort prangte mitten in Berlin-Mitte gleich zehnfach nebeneinander ein Plakat mit einem nackten Hintern, auf dem stand: „Gnadenlos Ficken“. Eine Filmwerbung. Meine Tochter hat das System nun verstanden und fragt nicht mehr. Nur eines wollte sie noch wissen. Was denn „Er-ot-ik“ sei? Sie zeigte auf eines der Plakate für Erotik-Messen, die in ihrem hässlichen Layout und ihren Kleinformaten meiner Aufmerksamkeit entgangen waren. Dabei hängen sie überall.

          Das schlimmste Poster hing wochenlang mitten auf der Schönhauser Allee im Schaufenster einer neuen Kneipe, etwa vier mal zwei Meter groß. Eine junge Frau in Spitzenunterwäsche und Straßenschuhen lag rücklings mit geschlossenen Augen und halboffenem Mund auf einer dreckigen Parkbank. Die Bierdose war ihr aus der Hand gerutscht, man sah durch die Unterwäsche ihre Brustwarzen und ihre Schamlippen. Sie sah ganz und gar nicht aus, als schlafe sie. Sie sah aus, als sei sie ohnmächtig und gerade vergewaltigt worden. Im Internet bloggten ein paar Leute darüber, aber das Bild hing weiter da. Kein Protest in der Mitte der permanent protestierenden Hauptstadt.

          Aber nebenan ist ja auch die Volksbühne. Alles nur Kunst, sogenannter „Porn Chic“. Wie zum Beispiel auf dem Plakat zur Vorstellung der Performance „porn of pure reason“. Ein nackter Mann mit Kippe in der Hand hält darauf den Hintern einer ebenfalls nackten Kindfrau zwischen seinen Beinen. Die Dame am Kartentelefon der Volksbühne sagt dazu nur, sie hätten „schon schlimmere Plakate gehabt“. Und ja, sie selbst habe auch Kinder, aber sie könne versichern, das Mädchen auf dem Plakat sei über 18 Jahre alt. Na dann.

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