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Beschneidungsdebatte : Kulturkampf im Gerichtssaal

  • -Aktualisiert am

„Ich habe nie das Gefühl gehabt, dass ich etwas Verbotenes tue oder Kinder verletzte“, sagt eine in Iran geborene Kinderchirurgin. Bild: ullstein bild

Erstmals hat ein deutscher Richter die Beschneidung verboten. Ist das ein Fortschritt? In der Integrationsdebatte tut sich ein neues Schlachtfeld auf.

          Ender Cetin weiß noch genau, wie viel Angst er hatte vor seinem großen Tag. 1980, ein Dorf in der Westtürkei: Die Familie verbrachte den Sommerurlaub in der Heimat, der Beschneider kam zum Großvater ins Haus. Cetin war vier Jahre alt und sah aus wie ein kleiner Prinz in Rot-Weiß. Am liebsten wäre er weggelaufen. Die vielen Menschen, die Umarmungen waren dem schüchternen Kind unangenehm. Dann musste er die Hosen herunterlassen vor Zuschauern, die fotografierten. „Ich dachte, es tut weh“, sagt Cetin. Er weinte. Schließlich kam die Spritze. Der Rest war nicht mehr schlimm.

          Julia Schaaf

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Der Vorstandsvorsitzende der Sehitlik-Moschee in Berlin-Neukölln sitzt in einem kleinen Büro am Fuß eines weißen Minaretts und sagt: „Ich wollte das meinem Sohn ersparen.“ Im Januar ist der Sechsunddreißigjährige Vater geworden. Zehn Tage später brachte er seinen Jungen zum Chirurgen. Ender Cetin ist ein frommer Mann. Er weiß, dass die Beschneidung im Islam keine Vorschrift ist, sondern lediglich eine Empfehlung des Propheten Mohammed. Was den Zeitpunkt angeht, gibt es überhaupt keine Vorgaben. „Trotzdem ist es etwas, was die ganze islamische Welt macht, weil es kulturell dazugehört“, sagt Cetin. Ihm selbst bedeutet Tradition weniger als religiöse Pflicht.

          Feiern, die bis zu 7000 Euro kosten, weil Familien Hochzeitssäle buchen, Hundertschaften Gäste einladen und für den Beschnittenen ein Pony mieten, sieht er ebenfalls mit Skepsis. Bei Cetins gab es ein Essen mit den Großeltern und engsten Freunden daheim. Den Vorwurf der Eltern, die sich mehr Brimborium gewünscht und am liebsten mit am Operationstisch gestanden hätten, nimmt er gern in Kauf. Schon am Tag nach dem frühen Eingriff sei nichts mehr davon zu spüren gewesen, sagt Cetin. Keine Angst. Kein Schmerz. Keine Erinnerung.

          „Frage der Verhältnismäßigkeit“

          In einem Urteil, das vergangene Woche bekanntgeworden ist, hat das Landgericht Köln die Beschneidung von Kindern aus religiösen Gründen für strafbar erklärt. Das erste Mal hat sich ein deutsches Gericht so klar in einem seit Jahren brodelnden Streit positioniert, jetzt kocht die Debatte über. Die Vertreter jüdischer Gemeinden sind besonders empört. Zentralratspräsident Dieter Graumann drohte, jüdisches Leben in Deutschland sei nicht mehr möglich, sollte das 4000 Jahre alte, zu den Grundfesten des Judentums zählende Ritual verboten werden. Muslime empfinden die Entscheidung als Ausdruck ihrer gesellschaftlichen Ablehnung. Die christlichen Kirchen äußern ebenso Bedenken wie Politiker aller Coleur, aus dem Ausland hagelt es Kritik. Beifall kommt hingegen von ärztlichen Berufsverbänden. Und so schwirren juristische, medizinische und religiöse Argumente durcheinander, während sich in der Integrationsdebatte ein neues Schlachtfeld auftut. Ob das allerdings ein Fortschritt oder ein Rückschlag ist, bleibt vorerst eine Frage des Standpunkts.

          Die Logik des Urteils ist auf den ersten Blick bestechend. Rechtlich gesehen stellt jeder ärztliche Eingriff eine Körperverletzung dar, die nur straflos bleibt, weil der Patient in die Behandlung einwilligt. Im Fall der religiösen Beschneidung kommt die Einwilligung von den Eltern. Diese allerdings, befindet nun die Kammer des Landgerichts, sei nicht wirksam, weil sie dem Wohl des Kindes entgegenstehe. Das kindliche Recht auf körperliche Unversehrtheit sei höher zu bewerten als das Sorgerecht und die Religionsfreiheit der Eltern. Anhänger dieser Einschätzung argumentieren gern, Eltern dürften ihre Kinder auch nicht schlagen. Oder sie führen fiktive Beispiele an: Selbst wenn eine Religion es verlangte, wäre es noch lange nicht legitim, Menschen den kleinen Finger abzuschneiden.

          “Es ist immer eine Frage der Verhältnismäßigkeit“, sagt Bijan Fateh-Moghadam. Der Medizinstrafrechtler aus Münster findet die Begründung der Kölner Richter dünn: Mit den wichtigsten Argumenten für eine Straflosigkeit habe sich die Kammer gar nicht auseinandergesetzt. Dabei mische sich der Rechtsstaat aus gutem Grund nur in Notfällen in die elterliche Sorge ein. Bei einem leichten, vergleichsweise risikolosen Eingriff wie der Beschneidung gehe das Recht der Eltern vor.

          Grundsätzlicher wird Kyrill-Alexander Schwarz, Verfassungsrechtler an der Universität Würzburg. „Man kann nicht mit dem Federstreich eines Gerichtsurteils hinwegwischen, dass wir eine jahrtausendealte Tradition haben, die religiös zwingend ist.“ Der Professor unterstellt den Kritikern des Rituals, sich zu sehr von eigenen Wertvorstellungen leiten zu lassen. „Man stellt das so dar, als ob die Beschneidung ein barbarischer menschenverachtender Akt ist“, sagt Schwarz und klagt: Eine zunehmend säkulare Gesellschaft bringe zunehmend weniger Verständnis für religiöse Gepflogenheiten auf, die als archaisch empfunden würden. Obacht, mahnt der Verfassungsrechtler: Das Urteil sei nicht nur ein unzulässiger Eingriff in die Religionsfreiheit. Es schmecke nach Kulturkampf.

          „Eine Kriminalisierung war nicht mein Ziel“

          Solche Vorwürfe lässt die Schlüsselfigur der Debatte nicht auf sich sitzen. Holm Putzke würde nicht einmal von sich sagen, dass er sich über das Kölner Urteil freue. Der Professor, Jahrgang 1973, der an der Universität Passau lehrt, erhält seit Tagen anonyme Drohungen und wird als Nazi beschimpft. Der Medizinrechtler formuliert diplomatisch: „Es ist nicht mein Ziel, eine Kriminalisierung herbeizuführen, sondern eine Diskussion anzustoßen, die auch in den Religionsgemeinschaften zu einem Bewusstseinswandel für mehr Kinderrechte führt.“

          Tatsächlich hat Putzke mit einer Veröffentlichung im Jahr 2008 die juristische Diskussion um die Strafbarkeit ritueller Beschneidungen mit angezettelt und seither in zahlreichen Aufsätzen befeuert. Er sei damals über eine Leerstelle in der Fachliteratur gestolpert, erzählt Putzke: Während jede Ohrfeige Gegenstand juristischer Erörterungen sei, habe sich kein Mensch Gedanken darüber gemacht, dass Kindern durch die Beschneidung „irreversibel Körpersubstanz entfernt und teilweise erhebliche Schmerzen zugefügt“ würden. Natürlich, sagt der Sachse aus protestantischem Elternhaus, sei die Freiheit der Religionsausübung ein hohes Gut. „Aber die Frage ist doch: Wo ziehen wir die Grenze?“

          Putzkes Kritiker fragen zurück: Ist das Strafrecht der richtige Weg, um Eltern und Religionsgemeinschaften zum Nachdenken zu bewegen? Und bedeutet ein Beschneidungsverbot in der Praxis nicht weniger Schutz für die Kinder, weil Eltern Zuflucht bei Scharlatanen suchen - mit steigendem Komplikationsrisiko? „Dieses Argument trifft nur dann zu, wenn sich die Religionsgemeinschaften weigern, über Alternativen zu diskutieren“, entgegnet Putzke. Er findet, man könne die Zeremonie doch verschieben, bis die Kinder selbst entscheiden könnten. Uralte Traditionen und religiöse Vorschriften stünden dem nicht im Weg: „Irgendwann ist eben Schluss, weil die gesellschaftliche Entwicklung zu der Erkenntnis kommt: Was ihr macht, das ist nicht gut.“

          „Zustände, die durch Beschneidung verhindert worden wären“

          Der Mohel schimpft förmlich ins Telefon: „Nein, nein, nein!“, sagt er. „Man kann das nicht später machen!“ Reuven Unger ist orthodoxer Rabbiner. Seit 26 Jahren führt er in Deutschland Beschneidungen durch, dank einer Ausbildung in Israel darf er sich offiziell Mohel, Beschneider, nennen. Unger macht gerade Urlaub in Davos. Aber per Handy ist er immer erreichbar: Er könnte schließlich kurzfristig gebraucht werden.

          Als Bestätigung des Bundes zwischen Gott und dem jüdischen Volk schreibt die Tora vor, männliche Säuglinge acht Tage nach ihrer Geburt zu beschneiden. Dann packt Unger sein sterilisiertes Skalpell mit der Doppelklinge ein und eine Art Schild aus Nirostastahl, der eine Beschädigung der Eichel verhindert. Ein kurzes Gebet vorher, eins nachher. Im Lauf der Zeremonie erhält das Baby seinen Namen. „Das ist nicht kompliziert, man kann das auch zu Hause machen“, sagt Unger. Narkose? Der Mohel winkt ab. „Das dauert bei mir nur wenige Sekunden.“ Viele Juden ziehen es heute vor, ihre Kinder von jüdischen Ärzten beschneiden zu lassen, die eine lokale Betäubung vornehmen und Nachsorge leisten.

          Die liberale Rabbinerin Antje Yael Deusel, selbst Urologin und Mohelet, preist den gesundheitsfördernden Charakter von Beschneidungen: In der Klinik sehe sie jeden Tag Zustände, die bei rechtzeitiger Zirkumzision verhindert worden wären. Das Argument einer Vermeidung von Infektionen ist bei den Fürsprechern ritueller Beschneidungen beliebt. Ebenso regelmäßig wird die Tatsache angeführt, dass in Amerika eine Mehrheit der Eltern Söhne rein aus hygienischen Gründen beschneiden lässt. Dazu sagt Bernd Tillig von der Deutschen Gesellschaft für Kinderchirurgie: „Es gibt keine Evidenz für eine Gesundheitsdienlichkeit. Es gibt aber auch keinen Beweis, dass der medizinisch korrekt beschnittene Mann einen wirklich relevanten Schaden erleidet.“

          „Ich warte jetzt, obwohl es feige ist“

          Der Berufsverband der Urologen empfiehlt seinen Mitgliedern neuerdings, rituelle Beschneidungen abzulehnen. Tatsächlich läuft nach dem Kölner Urteil jeder Arzt Gefahr, strafrechtlich belangt zu werden, wenn er den Eingriff ohne medizinische Indikation durchführt. Zwar gilt der Spruch des Landgerichts nur für den dort verhandelten Fall; ob sich andere Gerichte der Kölner Linie anschließen, wird erst die Zukunft zeigen. Mit einem Freispruch wie in Köln jedoch, wo dem Arzt zugutegehalten wurde, dass er nicht wissen konnte, dass er eine Straftat begehe, kann nach der aufgewühlten Debatte niemand mehr rechnen. „Es ist ein Dilemma für die Mediziner“, sagt Kinderchirurg Tillig.

          Deshalb hat Mahnaz Shirazi am Donnerstag zum Telefon gegriffen und zwei geplante Operationstermine abgesagt. „Ich warte jetzt, obwohl es feige ist“, sagt die in Iran geborene Kinderchirurgin. Shirazi sitzt in ihrer Praxis in Berlin-Charlottenburg. Auf dem Regal mit den Einwegspritzen kleben Pokémons, gegenüber hängt ein Foto von zwei Jungen in der Prinzentracht einer Beschneidungsfeier. „Ich habe nie das Gefühl gehabt, dass ich etwas Verbotenes tue oder Kinder verletze“, sagt Shirazi. Mit dem Gros der Eltern diskutiere sie gar nicht: Die wüssten genau, was sie wollten, und dazu gehöre auch, ihr Kind in gute Hände zu geben. Andere suchten nach Rat zwischen den Regeln, mit denen sie aufgewachsen seien, und der Gesellschaft, in der sie lebten. „Ich sage dann, dass es in heutiger Zeit aus hygienischen Gründen nicht mehr nötig ist.“

          Alle anderen Fragen müssten Eltern mit sich ausmachen: Ob sie es aushalten, wenn die Verwandtschaft auf eine Beschneidung drängt. Ob sie dem Kind ohne medizinische Not eine Operation zumuten wollen. Aber auch, und Shirazi kennt solche Fälle, ob sie sich eines Tages von einem Teenager vorhalten lassen wollen, dass sie ihn nicht haben beschneiden lassen, als er kleiner war: Dann wäre die Wunde schneller verheilt.

          Was ist höher zu bewerten, das Recht der Eltern oder der Schutz des Kindes? Ist das Strafrecht der richtige Weg, Eltern zum Nachdenken zu bewegen?

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