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Beschneidungsdebatte : Kulturkampf im Gerichtssaal

  • -Aktualisiert am
„Ich habe nie das Gefühl gehabt, dass ich etwas Verbotenes tue oder Kinder verletzte“, sagt eine in Iran geborene Kinderchirurgin.
          6 Min.

          Ender Cetin weiß noch genau, wie viel Angst er hatte vor seinem großen Tag. 1980, ein Dorf in der Westtürkei: Die Familie verbrachte den Sommerurlaub in der Heimat, der Beschneider kam zum Großvater ins Haus. Cetin war vier Jahre alt und sah aus wie ein kleiner Prinz in Rot-Weiß. Am liebsten wäre er weggelaufen. Die vielen Menschen, die Umarmungen waren dem schüchternen Kind unangenehm. Dann musste er die Hosen herunterlassen vor Zuschauern, die fotografierten. „Ich dachte, es tut weh“, sagt Cetin. Er weinte. Schließlich kam die Spritze. Der Rest war nicht mehr schlimm.

          Julia Schaaf
          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Der Vorstandsvorsitzende der Sehitlik-Moschee in Berlin-Neukölln sitzt in einem kleinen Büro am Fuß eines weißen Minaretts und sagt: „Ich wollte das meinem Sohn ersparen.“ Im Januar ist der Sechsunddreißigjährige Vater geworden. Zehn Tage später brachte er seinen Jungen zum Chirurgen. Ender Cetin ist ein frommer Mann. Er weiß, dass die Beschneidung im Islam keine Vorschrift ist, sondern lediglich eine Empfehlung des Propheten Mohammed. Was den Zeitpunkt angeht, gibt es überhaupt keine Vorgaben. „Trotzdem ist es etwas, was die ganze islamische Welt macht, weil es kulturell dazugehört“, sagt Cetin. Ihm selbst bedeutet Tradition weniger als religiöse Pflicht.

          Feiern, die bis zu 7000 Euro kosten, weil Familien Hochzeitssäle buchen, Hundertschaften Gäste einladen und für den Beschnittenen ein Pony mieten, sieht er ebenfalls mit Skepsis. Bei Cetins gab es ein Essen mit den Großeltern und engsten Freunden daheim. Den Vorwurf der Eltern, die sich mehr Brimborium gewünscht und am liebsten mit am Operationstisch gestanden hätten, nimmt er gern in Kauf. Schon am Tag nach dem frühen Eingriff sei nichts mehr davon zu spüren gewesen, sagt Cetin. Keine Angst. Kein Schmerz. Keine Erinnerung.

          „Frage der Verhältnismäßigkeit“

          In einem Urteil, das vergangene Woche bekanntgeworden ist, hat das Landgericht Köln die Beschneidung von Kindern aus religiösen Gründen für strafbar erklärt. Das erste Mal hat sich ein deutsches Gericht so klar in einem seit Jahren brodelnden Streit positioniert, jetzt kocht die Debatte über. Die Vertreter jüdischer Gemeinden sind besonders empört. Zentralratspräsident Dieter Graumann drohte, jüdisches Leben in Deutschland sei nicht mehr möglich, sollte das 4000 Jahre alte, zu den Grundfesten des Judentums zählende Ritual verboten werden. Muslime empfinden die Entscheidung als Ausdruck ihrer gesellschaftlichen Ablehnung. Die christlichen Kirchen äußern ebenso Bedenken wie Politiker aller Coleur, aus dem Ausland hagelt es Kritik. Beifall kommt hingegen von ärztlichen Berufsverbänden. Und so schwirren juristische, medizinische und religiöse Argumente durcheinander, während sich in der Integrationsdebatte ein neues Schlachtfeld auftut. Ob das allerdings ein Fortschritt oder ein Rückschlag ist, bleibt vorerst eine Frage des Standpunkts.

          Die Logik des Urteils ist auf den ersten Blick bestechend. Rechtlich gesehen stellt jeder ärztliche Eingriff eine Körperverletzung dar, die nur straflos bleibt, weil der Patient in die Behandlung einwilligt. Im Fall der religiösen Beschneidung kommt die Einwilligung von den Eltern. Diese allerdings, befindet nun die Kammer des Landgerichts, sei nicht wirksam, weil sie dem Wohl des Kindes entgegenstehe. Das kindliche Recht auf körperliche Unversehrtheit sei höher zu bewerten als das Sorgerecht und die Religionsfreiheit der Eltern. Anhänger dieser Einschätzung argumentieren gern, Eltern dürften ihre Kinder auch nicht schlagen. Oder sie führen fiktive Beispiele an: Selbst wenn eine Religion es verlangte, wäre es noch lange nicht legitim, Menschen den kleinen Finger abzuschneiden.

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