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Beschneidungsdebatte : Kulturkampf im Gerichtssaal

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Als Bestätigung des Bundes zwischen Gott und dem jüdischen Volk schreibt die Tora vor, männliche Säuglinge acht Tage nach ihrer Geburt zu beschneiden. Dann packt Unger sein sterilisiertes Skalpell mit der Doppelklinge ein und eine Art Schild aus Nirostastahl, der eine Beschädigung der Eichel verhindert. Ein kurzes Gebet vorher, eins nachher. Im Lauf der Zeremonie erhält das Baby seinen Namen. „Das ist nicht kompliziert, man kann das auch zu Hause machen“, sagt Unger. Narkose? Der Mohel winkt ab. „Das dauert bei mir nur wenige Sekunden.“ Viele Juden ziehen es heute vor, ihre Kinder von jüdischen Ärzten beschneiden zu lassen, die eine lokale Betäubung vornehmen und Nachsorge leisten.

Die liberale Rabbinerin Antje Yael Deusel, selbst Urologin und Mohelet, preist den gesundheitsfördernden Charakter von Beschneidungen: In der Klinik sehe sie jeden Tag Zustände, die bei rechtzeitiger Zirkumzision verhindert worden wären. Das Argument einer Vermeidung von Infektionen ist bei den Fürsprechern ritueller Beschneidungen beliebt. Ebenso regelmäßig wird die Tatsache angeführt, dass in Amerika eine Mehrheit der Eltern Söhne rein aus hygienischen Gründen beschneiden lässt. Dazu sagt Bernd Tillig von der Deutschen Gesellschaft für Kinderchirurgie: „Es gibt keine Evidenz für eine Gesundheitsdienlichkeit. Es gibt aber auch keinen Beweis, dass der medizinisch korrekt beschnittene Mann einen wirklich relevanten Schaden erleidet.“

„Ich warte jetzt, obwohl es feige ist“

Der Berufsverband der Urologen empfiehlt seinen Mitgliedern neuerdings, rituelle Beschneidungen abzulehnen. Tatsächlich läuft nach dem Kölner Urteil jeder Arzt Gefahr, strafrechtlich belangt zu werden, wenn er den Eingriff ohne medizinische Indikation durchführt. Zwar gilt der Spruch des Landgerichts nur für den dort verhandelten Fall; ob sich andere Gerichte der Kölner Linie anschließen, wird erst die Zukunft zeigen. Mit einem Freispruch wie in Köln jedoch, wo dem Arzt zugutegehalten wurde, dass er nicht wissen konnte, dass er eine Straftat begehe, kann nach der aufgewühlten Debatte niemand mehr rechnen. „Es ist ein Dilemma für die Mediziner“, sagt Kinderchirurg Tillig.

Deshalb hat Mahnaz Shirazi am Donnerstag zum Telefon gegriffen und zwei geplante Operationstermine abgesagt. „Ich warte jetzt, obwohl es feige ist“, sagt die in Iran geborene Kinderchirurgin. Shirazi sitzt in ihrer Praxis in Berlin-Charlottenburg. Auf dem Regal mit den Einwegspritzen kleben Pokémons, gegenüber hängt ein Foto von zwei Jungen in der Prinzentracht einer Beschneidungsfeier. „Ich habe nie das Gefühl gehabt, dass ich etwas Verbotenes tue oder Kinder verletze“, sagt Shirazi. Mit dem Gros der Eltern diskutiere sie gar nicht: Die wüssten genau, was sie wollten, und dazu gehöre auch, ihr Kind in gute Hände zu geben. Andere suchten nach Rat zwischen den Regeln, mit denen sie aufgewachsen seien, und der Gesellschaft, in der sie lebten. „Ich sage dann, dass es in heutiger Zeit aus hygienischen Gründen nicht mehr nötig ist.“

Alle anderen Fragen müssten Eltern mit sich ausmachen: Ob sie es aushalten, wenn die Verwandtschaft auf eine Beschneidung drängt. Ob sie dem Kind ohne medizinische Not eine Operation zumuten wollen. Aber auch, und Shirazi kennt solche Fälle, ob sie sich eines Tages von einem Teenager vorhalten lassen wollen, dass sie ihn nicht haben beschneiden lassen, als er kleiner war: Dann wäre die Wunde schneller verheilt.

Was ist höher zu bewerten, das Recht der Eltern oder der Schutz des Kindes? Ist das Strafrecht der richtige Weg, Eltern zum Nachdenken zu bewegen?

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