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Beschneidungsdebatte : Kulturkampf im Gerichtssaal

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“Es ist immer eine Frage der Verhältnismäßigkeit“, sagt Bijan Fateh-Moghadam. Der Medizinstrafrechtler aus Münster findet die Begründung der Kölner Richter dünn: Mit den wichtigsten Argumenten für eine Straflosigkeit habe sich die Kammer gar nicht auseinandergesetzt. Dabei mische sich der Rechtsstaat aus gutem Grund nur in Notfällen in die elterliche Sorge ein. Bei einem leichten, vergleichsweise risikolosen Eingriff wie der Beschneidung gehe das Recht der Eltern vor.

Grundsätzlicher wird Kyrill-Alexander Schwarz, Verfassungsrechtler an der Universität Würzburg. „Man kann nicht mit dem Federstreich eines Gerichtsurteils hinwegwischen, dass wir eine jahrtausendealte Tradition haben, die religiös zwingend ist.“ Der Professor unterstellt den Kritikern des Rituals, sich zu sehr von eigenen Wertvorstellungen leiten zu lassen. „Man stellt das so dar, als ob die Beschneidung ein barbarischer menschenverachtender Akt ist“, sagt Schwarz und klagt: Eine zunehmend säkulare Gesellschaft bringe zunehmend weniger Verständnis für religiöse Gepflogenheiten auf, die als archaisch empfunden würden. Obacht, mahnt der Verfassungsrechtler: Das Urteil sei nicht nur ein unzulässiger Eingriff in die Religionsfreiheit. Es schmecke nach Kulturkampf.

„Eine Kriminalisierung war nicht mein Ziel“

Solche Vorwürfe lässt die Schlüsselfigur der Debatte nicht auf sich sitzen. Holm Putzke würde nicht einmal von sich sagen, dass er sich über das Kölner Urteil freue. Der Professor, Jahrgang 1973, der an der Universität Passau lehrt, erhält seit Tagen anonyme Drohungen und wird als Nazi beschimpft. Der Medizinrechtler formuliert diplomatisch: „Es ist nicht mein Ziel, eine Kriminalisierung herbeizuführen, sondern eine Diskussion anzustoßen, die auch in den Religionsgemeinschaften zu einem Bewusstseinswandel für mehr Kinderrechte führt.“

Tatsächlich hat Putzke mit einer Veröffentlichung im Jahr 2008 die juristische Diskussion um die Strafbarkeit ritueller Beschneidungen mit angezettelt und seither in zahlreichen Aufsätzen befeuert. Er sei damals über eine Leerstelle in der Fachliteratur gestolpert, erzählt Putzke: Während jede Ohrfeige Gegenstand juristischer Erörterungen sei, habe sich kein Mensch Gedanken darüber gemacht, dass Kindern durch die Beschneidung „irreversibel Körpersubstanz entfernt und teilweise erhebliche Schmerzen zugefügt“ würden. Natürlich, sagt der Sachse aus protestantischem Elternhaus, sei die Freiheit der Religionsausübung ein hohes Gut. „Aber die Frage ist doch: Wo ziehen wir die Grenze?“

Putzkes Kritiker fragen zurück: Ist das Strafrecht der richtige Weg, um Eltern und Religionsgemeinschaften zum Nachdenken zu bewegen? Und bedeutet ein Beschneidungsverbot in der Praxis nicht weniger Schutz für die Kinder, weil Eltern Zuflucht bei Scharlatanen suchen - mit steigendem Komplikationsrisiko? „Dieses Argument trifft nur dann zu, wenn sich die Religionsgemeinschaften weigern, über Alternativen zu diskutieren“, entgegnet Putzke. Er findet, man könne die Zeremonie doch verschieben, bis die Kinder selbst entscheiden könnten. Uralte Traditionen und religiöse Vorschriften stünden dem nicht im Weg: „Irgendwann ist eben Schluss, weil die gesellschaftliche Entwicklung zu der Erkenntnis kommt: Was ihr macht, das ist nicht gut.“

„Zustände, die durch Beschneidung verhindert worden wären“

Der Mohel schimpft förmlich ins Telefon: „Nein, nein, nein!“, sagt er. „Man kann das nicht später machen!“ Reuven Unger ist orthodoxer Rabbiner. Seit 26 Jahren führt er in Deutschland Beschneidungen durch, dank einer Ausbildung in Israel darf er sich offiziell Mohel, Beschneider, nennen. Unger macht gerade Urlaub in Davos. Aber per Handy ist er immer erreichbar: Er könnte schließlich kurzfristig gebraucht werden.

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