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Australische Fluglinien : Der Mann als Gefahrgut

Darf wahrscheinlich auch neben alleinreisenden Kindern sitzen: Sir Richard Branson, Virgin-Eigentümer, will die Richtlinie überprüfen. Bild: AP

Fluggesellschaften in Australien lassen vermeintlich aus Sicherheitsgründen männliche Passagiere grundsätzlich nicht neben alleinreisenden Kindern sitzen.

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          John McGirr hatte es sich gerade in seinem Sessel am Gang bequem gemacht, um von Brisbane in seine Heimatstadt Sydney zu fliegen. Da kam die Flugbegleiterin und teilte dem Feuerwehrmann mit, er müsse seinen Platz räumen. Die Richtlinien der Fluggesellschaft Virgin Australia erlaubten es nicht, dass Männer neben unbegleiteten Kindern sitzen. Dabei hatte der Dreiunddreißigjährige den beiden Jungen, die nach McGirrs Schätzung etwa acht und zehn Jahre alt waren, sogar die Sitze näher am Fenster überlassen, damit sie eine bessere Sicht nach draußen hatten.

          Peter-Philipp Schmitt

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Der Vorfall, der sich schon im April zutrug, hat erst jetzt auf dem fünften Kontinent zu einer hitzigen Debatte geführt. McGirr sagte der Zeitung „The Age“, dass er sich wie ein Kinderschänder fühlte. Die Flugbegleiterin habe nämlich der Frau, die letztlich seinen Platz einnahm, nicht erklärt, warum er seinen Sitz verlassen müsse. Sie habe lediglich gesagt, er dürfe nicht neben Kindern sitzen. „Alle haben mich angestarrt, ich war rot vor Scham. Ich fühlte mich abgeurteilt und eines Verbrechens schuldig, das ich nicht begangen hatte.“

          Virgin Australia, die nach Qantas Airways zweitgrößte Fluggesellschaft des Landes, verteidigte anfangs das Vorgehen der Flugbegleiterin. Alleinreisende Kinder dürften bei ihnen grundsätzlich nicht neben Männern oder einem leer gebliebenen Platz sitzen. Man richte sich dabei nach den Wünschen der Kunden. Es sei auch nichts Ungewöhnliches: Gesellschaften wie Qantas, Jetstar und Air New Zealand würden genauso verfahren. Damit wolle man gewiss niemanden diskriminieren. Als daraufhin erst recht ein Sturm der Empörung losbrach, teilte die zur Virgin Gruppe des britischen Milliardärs Sir Richard Branson gehörende Fluglinie mit, man werde die Richtlinien nun doch überprüfen.

          „Dies sind nun einmal die Richtlinien“

          Mittlerweile ist noch ein zweiter vergleichbarer Fall in Australien bekannt geworden. Daniel McCluskie wurde auf einem Qantas-Flug von Wagga Wagga nach Sydney ebenfalls aufgefordert, seinen Platz mit einer Frau zu tauschen. Der 31 Jahre alte Krankenpfleger hatte neben einem etwa zehn Jahre alten Mädchen gesessen. „Die Flugbegleiterin hat der Frau ausdrücklich gedankt, nicht aber mir. Das hat mich verletzt und wütend gemacht. Es fühlte sich so an, als hätte ich ein Schild mit der Aufschrift ,Kinderschänder‘ über meinem Kopf.“ McCluskie, der sich von Berufs wegen einem jährlichen Polizei-Check unterziehen muss, um nachzuweisen, dass er nicht wegen eines Übergriffs auf ein Kind verurteilt wurde, beschwerte sich anschließend mehrfach bei dem Unternehmen. Doch erst als er seinen Ärger per Twitter veröffentlichte, reagierte Qantas, teilte ihm aber nur mit, dass dies nun einmal die Richtlinien seien und Eltern alleinreisender Kinder dies so wünschten.

          Eine ähnliche Vorgabe hatte es bis 2010 auch bei British Airways gegeben. Dann wurde das Unternehmen wegen Diskriminierung verklagt und änderte die Richtlinie. Nach CNN-Recherche gibt es in den Vereinigten Staaten keine Fluggesellschaft, die ähnliche Anweisungen erlassen hat. Auch die größte europäische Gesellschaft, die Deutsche Lufthansa, hat keine entsprechenden Richtlinien. Nach Angaben ihres Sprechers Michael Lamberty kümmerten sich die Flugbegleiter einfach während des Flugs besonders um alleinreisende Kinder und behielten sie im Auge. „Sollte irgendetwas merkwürdig sein, würde das Bordpersonal sofort eingreifen.“

          In Australien schlagen die Wellen weiter hoch: Denn offenbar gelten Männer an sich nicht nur Fluggesellschaften als potentiell gefährlich. Diskriminiert werden auch angehende Grundschullehrer. Deren Zahl ist in den vergangenen Jahren kontinuierlich zurückgegangen, weil männliche Bewerber aus Sicherheitsgründen nicht mehr an staatlichen Schulen unterrichten sollen und darum erst gar nicht mehr eingestellt werden.

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