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Anthropologie : „Hier ist es so schön, hier könnte man ewig bleiben“

  • Aktualisiert am

Direkte Nachfahren der Ureinwohner im Sösetal Bild: dpa

Es ist die älteste Familie der Welt: Seit 3000 Jahren leben die Vorfahren von Manfred Huchthausen im Harz. Der ist in der dritten Generation im Baugewerbe tätig, doch seine Kinder werden im Harz vermutlich keine Arbeit mehr finden.

          Es ist die älteste Familie der Welt: Seit 3000 Jahren leben die Vorfahren von Manfred Huchthausen im Harz. Der ist in der dritten Generation im Baugewerbe tätig, doch seine Kinder werden im Harz vermutlich keine Arbeit mehr finden. Mit Huchthausen sprach Alfons Kaiser.

          Herr Huchthausen, Sie sind als direkter Nachfahr von Menschen ausgemacht worden, die vor 3000 Jahren bei der Lichtenstein-Höhle bei Osterode lebten, ganz bei Ihnen in der Nähe. Niemand auf der Welt kann einen solchen Stammbaum vorweisen!

          Ja, es sollen an die 120 Generationen sein, die zwischen meinen Vorfahren und mir liegen. Deshalb werde ich aber jetzt noch nicht weltberühmt!

          Manfred Huchthausen lebt in der 120. Generation im Harz

          Warum sind Sie überhaupt zu dem DNA-Test der Anthropologen gegangen? Musste man ja nicht!

          Die Frage nach den Vorfahren der Bronzezeit beschäftigte uns sehr im Ort. Das kleine Fünkchen Hoffnung, Nachfahren von Bronzezeit-Menschen zu finden, ließ mich teilnehmen. Außerdem bin ich sehr an unserem Ort interessiert.

          Sie fühlen sich verbunden mit Ihrer Heimat?

          Ja, sehr, wir sind noch eine richtige dörfliche Gemeinschaft. Bis auf kleinere Querelen, die in den besten Familien vorkommen, mögen wir uns hier im Ort. Wir legen noch Wert darauf, mit unseren Nachbarn auszukommen.

          Wahrscheinlich aus Tradition, denn offenbar muss Ihre Familie schon lange mit den Nachbarn gut auskommen . . .

          Gute Nachbarschaft steigert eben die Lebensqualität!

          Und dann traf es ausgerechnet Sie als Geschichtsinteressierten!

          Ja, ich habe mich sehr gefreut, als mich im November die Nachricht von den Forschern erreichte, dass meine DNA mit jener von Bronzezeitmenschen übereinstimmt. Ich bin der Wissenschaft dankbar, dass sie mich gefunden hat. Ich hatte nur die Befürchtung, dass es negativ ausgelegt werden könnte, so lange an einem Ort geblieben zu sein. Man muss ja heute flexibel sein und schon in Amerika studiert haben, um einen Job zu finden.

          Gab es schon vorher Anzeichen, dass Sie sesshafter sind als andere Menschen?

          Ich hab mich schon immer gefragt, warum ich im Gegensatz zu meiner Frau nicht gerne weit reise. Am liebsten bleibe ich zu Hause. Aber meine Frau kommt auch aus der Lüneburger Heide, die hat schon mehr Koffer gepackt als ich.

          Wer weiß, wie unsere Gene die Psyche bestimmen!

          Zumindest finde ich es sehr wichtig, dass man weiß, woher man kommt. Meine Frau arbeitet beim Jugendamt, daher weiß ich, dass man Adoptivkindern nie verschweigen sollte, woher sie stammen. Wenn sie danach fragen, sollte man es ihnen auch erzählen.

          Ihre Wurzeln reichen nun sehr tief.

          Ja, in dem wunderbaren Höhlenerlebniszentrum in Bad Grund, in dem auch die Nachbildung der Lichtenstein-Höhle zu sehen ist, gibt es in einem Stollen eine Zeitleiste, die zeigt, wie kurz der Mensch erst auf diesem Planeten wandelt. Insofern ist mein Stammbaum noch winzig. Aber aus der Sicht eines kleinen Menschen ist das phantastisch!

          Wie weit konnte man denn bisher in Ihrem Ort die Ahnen zurückverfolgen?

          Bei einigen Familien geht das bis ins 14. und 15. Jahrhundert. Von vorher gibt es keine Kirchenbücher, viele sind auch im Dreißigjährigen Krieg verbrannt. Außerdem muss man beachten, dass der einzelne Mensch seinerzeit nicht so wichtig war. Die Arbeit, die Feldfrucht war wichtiger als alles andere.

          Erinnern Sie sich noch an Ihren Groß- oder Urgroßvater?

          Natürlich - aber bei uns zu Hause war früher die Vergangenheit nicht so wichtig, und so wurde leider nichts aufgeschrieben. Ich weiß nur, dass wir seit 1924 in unserem Haus wohnen und angeblich im 18. Jahrhundert aus dem Nachbardorf hier eingeheiratet haben.

          Was verbindet Sie denn zum Beispiel mit Ihrem Großvater?

          Ich bin in dritter Generation dem Bauhandwerk verpflichtet. Mein Großvater war Maurerpolier, mein Vater war Bauingenieur, und ich bin auch Bauingenieur - und Berufsschullehrer. Die Traditionen halten wir hoch!

          Gibt es eigentlich sonstige Zeugnisse aus der Besiedlung der Gegend?

          Im Jahr 1990 hatten wir hier in Förste die Tausend-Jahr-Feier. Und gerade am Sonntag war ich auf einer Wanderung mit unserem Kreisarchäologen Stefan Flindt. Bei Osterode gibt es eine große Gipskante. Oben auf dem Plateau haben vor etwa 3000 Jahren offenbar Menschen gewohnt, wie Scherbenfunde zeigen. Später wurde auf dem Plateau die Pippinsburg als Fliehburg errichtet.

          Und wovon haben die Menschen gelebt?

          Hier im Ort gibt es mehrere Quellen, auch Salzwasserquellen, die den Ort relativ reich gemacht haben - zumindest mussten die Menschen nicht fortziehen.

          Ist von dem Salz noch was zu sehen?

          Salinen gibt es nicht mehr. Einige Quelle haben wir aber noch. Ich habe mal auf dem Kaminofen bei mir im Wohnzimmer Wasser verdampfen lassen. Ich war erstaunt, wie viel Salz zurückgeblieben ist.

          Mal in die Zukunft geblickt: Wie lange wird Ihre Familie noch am Harz wohnen bleiben?

          Meine beiden Söhne, 19 und 21 Jahre alt, werden hier wahrscheinlich keine Arbeit finden. Der Jüngere macht eine Ausbildung in Münster, der Ältere hat in Osterode ein Soziales Jahr gemacht und wird nun irgendwohin zum Studieren gehen.

          In der 121. Generation also zieht Ihre Familie endlich weg aus Osterode?

          Früher konnte unsere Gegend die Familien noch ernähren. Wie das in Zukunft aussieht, weiß man noch nicht. Die Scholle zumindest ernährt uns nicht mehr.

          Aber eine tote Ecke scheint Förste auch nicht zu sein.

          Im Gegenteil! Es gibt viele Vereine und zum Beispiel das Musik-Festival „RockHarz“. Hier ist es so schön, dass man ewig bleiben könnte.

          Die älteste Familie der Welt

          Die Sensation deutete sich schon vor Jahren an. Nach zehn Jahren Ausgrabungsarbeiten in der am südwestlichen Harzrand gelegenen Lichtenstein-Höhle, einer weitgehend unversehrten bronzezeitlichen Kulthöhle aus dem achten bis zehnten Jahrhundert vor Christus, wurden Bronzeschmuck, Feuerstellen, Scherben, Kultgegenstände sowie die Überreste von 39 Menschen entdeckt.

          Der Osteroder Kreisarchäologe Stefan Flindt untersuchte und barg die Knochen, die wegen der gleichmäßigen Temperaturen von etwa acht Grad sowie günstiger chemischer Bedingungen im Gipsgestein gut erhalten waren. Forschern des Instituts für Zoologie und Anthropologie der Universität Göttingen unter der Leitung von Susanne Hummel gelang es daraufhin, anhand der gut erhaltenen DNA aus den Menschenknochen die verwandtschaftlichen Beziehungen zu klären: So entdeckte man die älteste Familie der Welt - die meisten Opfer waren direkt verwandt.

          In die Gesichter der Ahnen blicken

          Die Anthropologin Hummel wollte nun auch noch die „Residenzkontinuität“ untersuchen. Konnte es sein, dass die Menschen, deren Knochen aus der Bronzezeit in der Lichtenstein-Höhle zwischen Förste und Dorste gefunden wurden, Urahnen der heutigen Bevölkerung sind? Auf der Suche nach den direkten Nachfahren der Höhlentoten rief Hummel im Frühjahr 2007 die Menschen, die seit mindestens drei Generationen im Sösetal leben, dazu auf, Speichelproben abzugeben. Fast 300 Personen beteiligten sich. Ein sehr seltenes genetisches Muster zweier Toter aus der Bronzezeit fand sich auch unter den Speichelproben.

          So bestimmte man mit großer Sicherheit zwei Nachfahren der Bronzezeitmenschen: den 48 Jahre alten Landvermesser Uwe Lange aus Nienstedt und den 58 Jahre alten Berufsschullehrer Manfred Huchthausen aus dem gleich nebenan liegenden Ort Förste. In dem neuen „Höhlenerlebniszentrum“ in Bad Grund, das vergangene Woche eröffnet wurde und das Fundensemble zusammen mit einem originalgetreuen Teilnachbau der Lichtenstein-Höhle zeigt, können die beiden nun in die Gesichter ihrer Ahnen schauen, die anhand der Knochen rekonstruiert wurden. Nun wird natürlich nach Ähnlichkeiten gesucht. Doch die dürften nach etwa 100 bis 120 Generationen nur noch gering sein.

          F.A.Z. / kai.

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