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Anonyme Geburt : Wie mache ich das mit dem Kind?

„Dadurch werden Leben gerettet“: Nancy mit Tochter Alexandra heute; vier Wochen nach der Geburt ließ sie sich doch als Mutter in die Geburtsurkunde eintragen Bild: Anna Mutter

Nancy hat eine Tochter bekommen und dabei ihren Namen nicht genannt. Doch anonyme Geburten geschehen in einer rechtlichen Grauzone. Das soll sich jetzt ändern.

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          Wenn sie nicht auf dieser Eispfütze ausgerutscht wäre und ins Krankenhaus gemusst hätte - Nancy hätte wahrscheinlich erst mit dem Einsetzen der Wehen wahrhaben wollen, dass sie ein Kind bekommt. „Ich habe bis zu dem Zeitpunkt nichts geahnt, ich hatte immer Zwischenblutungen, die Kindsbewegungen habe ich nicht gespürt, und im Winter ist man ja eh immer ein bisschen dicker“, behauptet die zwanzigjährige Hamburgerin.

          Katrin Hummel
          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          An jenem Wintertag aber eröffnete ihr der Arzt nach der Untersuchung: „Herzlichen Glückwunsch, Sie sind im siebten Monat schwanger.“ Die Nachricht stürzte Nancy in Not: „Ich lebte als Gast in der Wohnung eines Freundes, meine Ausbildung zur Restaurantfachfrau hatte ich abgebrochen, ich hatte keinen Partner und arbeitete von früh bis spät in einer Kneipe auf dem Kiez. Was sollte ich mit einem Kind?“ Als dann auch noch der Vater, mit dem sie bloß eine kurze Affäre gehabt hatte, auf ihre Vaterschafts-SMS nicht antwortete, verfiel Nancy in einen Zustand der Schockstarre und verheimlichte die Schwangerschaft. „Ich trug nur noch weite Klamotten und erzählte allen, ich hätte einen Magenriss. Keine Ahnung, ob es das überhaupt gibt. Aber alle haben das geglaubt. Auch meine Mutter.“

          Etwa 130 Kliniken ermöglichen anonyme Geburten

          Erst als die Wehen schon alle fünf Minuten kamen, griff Nancy weinend zum Telefonhörer und wählte eine Nummer, die sie im Internet gefunden und auf dem Abriss einer Zigarettenschachtel in ihrem Geldbeutel aufbewahrt hatte: die des Hamburger Projekts „Findelbaby“, das es Frauen ermöglicht, ihr Kind in einem Krankenhaus zur Welt zu bringen, ohne den eigenen Namen zu nennen, oder in eine Babyklappe zu legen.

          Fast 1000 Kinder sind in Deutschland in den vergangenen zwölf Jahren auf diese Art zur Welt gekommen. 652 Kinder wurden anonym geboren, 278 in eine Babyklappe gelegt, weitere 43 Kinder anonym übergeben. Etwa hundert Babyklappen gibt es hierzulande, etwa 130 Kliniken ermöglichen Müttern eine anonyme Geburt. Die meisten Babys werden danach zur Adoption freigegeben. So richtig erlaubt ist das alles aber bislang nicht. Es gibt eine rechtliche Grauzone. Und genau das soll sich nun ändern. Familienministerin Kristina Schröder arbeitet an einem Gesetz, das regeln soll, was erlaubt ist und was nicht.

          „Ich wollte es nicht sehen“

          Schröder plant, die Babyklappen beizubehalten und auch anonyme Geburten weiter zuzulassen, „denn dadurch werden Leben gerettet“. Allerdings will sie darauf hinarbeiten, dass die Mütter in den Krankenhäusern häufiger ihren Namen nennen. Das bedeute nicht, dass eine Meldebehörde oder sonst irgendjemand davon erführe. Aber zumindest hätten die betroffenen Kinder dann „ab einem gewissen Alter die Chance, ihre eigene Identität festzustellen“, so die Ministerin über diese sogenannte vertrauliche Geburt.

          Wie viele Mütter sich darauf einlassen werden, kann niemand sagen. Nancy jedenfalls hätte im Krankenhaus nicht ihren Namen nennen wollen. Denn sie wollte ihre Tochter nicht behalten, weil sie „zweifelte, ob ich es als alleinerziehende Mutter schaffe. Ich bin selbst nicht großartig gut aufgewachsen. Meine Eltern hatten Alkoholprobleme, sie haben sich getrennt, als ich noch ein Baby war, und es gab immer Gewalt.“ Vielmehr wollte Nancy so tun, als hätte sie dieses Kind niemals bekommen: „Ich wollte es nicht sehen und nichts mit ihm zu tun haben.“

          Keine Adresse, sondern eine Straßenecke

          Daher wollte sie unbedingt anonym bleiben. Nur ihren Vornamen gab sie preis, und dem Taxi, das Leila Moysich von „Findelbaby“ ihr rief, nannte sie nicht ihre Adresse, sondern eine Straßenecke. „Ich war mental nicht so die Stärkste. Ich war total überfordert. Ich wollte Vater, Mutter, Kind, wie man sich das vorstellt. Aber ich wollte auch, dass mein Kind es mal besser hat als ich. Und ich dachte, dass ich ihm das nicht bieten kann.“

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