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Altenheim in Polen : Man pflegt deutsch

Die „Seniorenresidenz an der Oder“ liegt am Rande des 750-Seelen-Dorfs Zabelków in Oberschlesien. Bild: Jörg Thomann

Ein Altenheim in Polen, neu eröffnet und fast vollbelegt - mit Deutschen. Manche von ihnen wissen nicht, wo sie sind. Ihren Angehörigen aber scheint es nicht nur die billigste, sondern auch die beste Lösung.

          9 Min.

          Er hat viel gesehen von der Welt. Die bunte Lampe aus Ton, die auf dem Tisch steht, stammt aus Mexiko, die beiden Holzfiguren, die sie umrahmen, aus Haiti. Er ist - stolz zeigt er das Fotoalbum - durch den Grand Canyon geflogen, er war in Las Vegas, in San Francisco. In Russland ist er auch gewesen, als der Kalte Krieg noch tobte, 1981 war das: Man sieht ihn vorm Kreml, in Georgien, in Sotschi. Und in Polen? War er auch mal, in Kolberg, an der Ostsee.

          Jörg Thomann

          Redakteur im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Jetzt ist Johannes Seitner wieder in Polen, in einer ganz anderen Ecke: in dem 750-Seelen-Dorf Zabelków in Oberschlesien, gleich an der Grenze zu Tschechien. Er wird, wenn alles nach Plan verläuft, für immer hier bleiben.

          Seitner, 83 Jahre alt, kommt aus Bochum. Er war früher bei der Post, erst als Briefträger, dann im Innendienst, in einer Postlerwohnung am Stadtrand hat er weit mehr als sein halbes Leben verbracht. Irgendwann wurde es ihm zu viel, immerzu die 38 Stufen hinauf zur Wohnung, und er sah sich nach anderem um. Das Geld für ein deutsches Altenheim, glaubt er, „das könnte ich nicht aufbringen“. Und so war er gleich interessiert, als seine Nachbarn, die Internet haben, auf das neu erbaute Heim in Polen stießen. 1300 Euro kostet in der „Seniorenresidenz an der Oder“ ein Platz im Einzelzimmer, in Deutschland können es - je nach Pflegestufe des Bewohners - mehr als 3000 sein.

          Am Karfreitag ist Seitner eingezogen. „Was mir lieb und teuer ist, das habe ich mitgebracht“, sagt er. Die Alben, die Reisemitbringsel, die Bücher. Auch sein Humor ist ihm nicht vergangen. „Was ist tiefer: Teller oder Tasse?“, fragt er beim Mittagessen und antwortet selbst: „Die Oder.“ Nur wenn er von den Buchenwäldern daheim erzählt, von seiner Lieblingsbank am Teich, wo er saß und die Hunde der Spaziergänger zählte, klingt er traurig. „Der schöne Wald“, sagt er, „so weit weg.“

          Johannes Seitner ist einer der wenigen Bewohner, die ganz aus freien Stücken in das Seniorenheim gezogen sind, und er ist einer der wenigen, die wissen, wo sie sind. Viele der alten Menschen sind dement, ihren Umzug nach Polen haben die Angehörigen organisiert.

          Alle Altenpfleger in dem polnischen Heim sprechen Deutsch.
          Alle Altenpfleger in dem polnischen Heim sprechen Deutsch. : Bild: Jörg Thomann

          Im Herbst vergangenen Jahres hatten deutsche Medien erstmals über das erschreckende Phänomen des „Oma-Exports“ berichtet: Die horrend steigenden Pflegekosten zwängen immer mehr Deutsche dazu, ihre Alten fern der Heimat unterzubringen, vor allem in Osteuropa. Das Gesundheitsministerium beeilte sich, mit Zahlen Entwarnung zu geben: Von 2,5 Millionen Deutschen, die Pflegegeld bezögen, würden nur 5000 im EU-Ausland betreut. Vielleicht aber lag das auch am bislang knappen Angebot. Das Seniorenheim in Zabelków jedenfalls, das an Ostern eröffnet hat, ist mit seinen 36 Plätzen nahezu ausgebucht.

          Tschechien zieht sich, wenn man es in kompletter Länge durchfahren muss. Von Frankfurt am Main aus sind es bis Zabelków knapp 900 Kilometer mit dem Auto; hundert Kilometer sind es vom Airport Kattowitz, vierzig vom Flughafen im tschechischen Ostrava, den man aus Deutschland freilich nur mit Zwischenhalt in Prag anfliegen kann. Zabelków ist eine von zehn Ortschaften der Gemeinde Krzyzanowice (Kreuzenort) in Oberschlesien, deren Gebiet im unruhigen Lauf der Geschichte mal Polen gehörte und mal Tschechien, mal den Habsburgern und den Preußen; seit 1945 ist das Land wieder polnisch. Die Senke, an deren Eingang sich die Gemeinde befindet, trägt den malerischen Namen Mährische Pforte; nicht weit von hier, im heutigen Lubowice, ist der Dichter Joseph von Eichendorff geboren worden.

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