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Advent auf Island : Etwas andere Weihnachtsmänner

Nur einer der 13 isländischen Weihnachtsmänner: Am 18.12. kommt der Türzuschläger Bild: National Museum of Iceland

Vor 30 Jahren waren sie vom Aussterben bedroht, weil ihnen der importierte Santa Claus Konkurrenz machte. Doch nun feiern die 13 verschiedenen Weihnachtsmänner auf Island ein Comeback, und das, obwohl sie eher Schabernack als Geschenke im Sinn haben.

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          Den Druck der Globalisierung spüren auch die Weihnachtsmänner. Gleich 13 verschiedene davon gibt es von alters her auf Island, aber gegen ihren international agierenden Wettbewerber aus Amerika machten sie jahrzehntelang kaum einen Stich. Der Großvatertyp im knuffigen Rot-Weiß stahl den 13 einheimischen Brüdern zusehends die Schau, seit im Jahr 1951 amerikanische Soldaten auf der Insel im Nordatlantik stationiert worden waren.

          Sebastian Balzter

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Kein Wunder, schließlich bringen die eingeborenen „Jólasveinar“ traditionell keine Geschenke, sondern bedienen sich in den Nächten vor Weihnachten auf den Bauernhöfen ihrerseits ungefragt an den kargen Vorräten der Bewohner oder bringen sie mit Schabernack um den Schlaf. Sie sind auch nicht proper und wohlgenährt wie der Mann mit dem fliegenden Rentierschlitten, sondern kommen ziemlich abgerissen und zu Fuß aus den Bergen - tatsächlich eher „Weihnachtskerle“, wie es ihr isländischer Name verrät, als ehrenwerte Herrschaften.

          „Vor dreißig Jahren waren sie vom Aussterben bedroht“

          Von ihrer zweifelhaften Abkunft zu schweigen: Als ihre Mutter weist die Legende das kinderfressende Ungeheuer Grýla aus, deren nichtsnutziger Gatte Leppalúði als ihr Vater gilt. Schlechte Karten im Vergleich zum allseits beliebten Santa Claus. „Vor dreißig Jahren waren sie vom Aussterben bedroht“, fasst Helga Vollertsen vom Nationalmuseum in Reykjavík den ethnologischen Artenschutzbericht zusammen. „Jetzt aber sind sie populärer denn je zuvor.“

          21.12.: der Fensterglotzer

          Die Renaissance der dreizehn lässt sich in den beiden Wochen vor Weihnachten jeden Vormittag an der Straßenkreuzung vor dem Museum beobachten. Um halb elf, wenn sich die Wintersonne knapp unterhalb des Polarkreises gerade erst über den Horizont schleppt, ziehen eifrige Kindergarten- und Grundschulkinder ihre noch sichtlich weniger ausgeschlafenen Eltern an der Hand hinter sich her. In Gummistiefeln, Wollpullovern und Anoraks stapfen sie gegen die Brise an, die Bommel ihrer Mützen wehen im Wind, die Zeit drängt. Denn die besten Plätze auf dem Fußboden rund um die kleine Bühne im Treppenhaus des Museums sind schnell besetzt. In der ersten Reihe werden schon Teddybären und Ellenbogen als Platzhalter eingesetzt.

          „Topfauskratzer“ und „Kerzenschnorrer“

          Etwa hundert Kinder drängeln sich schließlich vor, hinter und neben dem Podest, hundert blanke Augenpaare wollen pünktlich um elf Stekkjarstaur sehen, den ersten der 13 Brüder. „Seit 22 Jahren kommen sie zu uns ins Museum“, sagt Helga Vollertsen, die ihren Nachnamen einem Vater aus Deutschland verdankt, mit dem Ernst in der Stimme, ohne den sich solche Geschichten nicht erzählen lassen. „Hier fühlen sie sich wohl. Hier müssen sie nicht wie in den Geschäften unten in der Stadt Werbung machen und rotweiße Kostüme tragen. Und vieles hier bei uns erinnert sie an zu Hause.“

          Wie Magnete wirkten etwa die in der Dauerausstellung zu sehenden großen verbeulten Töpfe und die Kerzen aus Schafsfett auf Kertasníkir und Pottaskefill, mit denen am 16. und 24. Dezember zu rechnen ist. Ihre Namen sind, wie bei allen Brüdern, Programm: Topfauskratzer schnappt sich Speisereste aus dem Geschirr, Kerzenschnorrer hat es auf weihnachtlichen Lichterglanz abgesehen.

          Von furchteinflößenden Ogern zu wohlgelittenen Besuchern

          „Am Ende des Jahres kommen mit dem Schnee die Geister der Verstorbenen und die Kräfte der Natur aus den Bergen und verlangen Tribut“, sagt Terry Gunnell über das System der diebischen dreizehn. Der Brite, der seit 31 Jahren auf Island lebt und inzwischen das Institut für Folkloristik an der Universität direkt neben dem Nationalmuseum leitet, betont die schon zu vorchristlicher Zeit große symbolische Bedeutung der Wintersonnenwende. „An Neujahr gehen immer noch viele Isländer, meine Frau zum Beispiel, mit einer Kerze durch die Zimmer und versuchen, die Geister mit überlieferten Versen günstig zu stimmen.“

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