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Familie Roncalli : Dem Zirkus verfallen

  • -Aktualisiert am

Bernhard Paul hat Roncalli erfunden und daraus eine Marke gemacht Bild: Kien Hoang Le

Althoff, Sarrasani, Barum, Busch-Roland - von den großen Zirkussen zieht nur noch Roncalli durch die Lande. Die drei Kinder des Gründers wollen weitermachen.

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          Der Zirkus wird sterben, hat Bernhard Paul in den neunziger Jahren vorausgesagt. Der Gründer und Direktor des Zirkus Roncalli hat weitgehend recht behalten: Circus Carl Althoff - Mitte 2000 insolvent. Sarrasani - als klassischer Reisezirkus abgedankt. Barum - den Betrieb 2008 eingestellt. Busch-Roland - seit 2010 nicht mehr auf Tournee. Und Roncalli? Dieser Zirkus zieht weiter durch die Lande. Vorstellungen gibt es in Luxemburg bis Mitte Juli, dann folgen Hannover, Lübeck und Hamburg. Doch wie lange noch wird Roncalli auf Tour sein?

          Bernhard Paul, der Mann, der Roncalli erfunden und daraus eine Marke gemacht hat, ist im Mai 65Jahre alt geworden. Manchmal träumt er davon, nur noch auf der Terrasse seines Hauses auf Mallorca zu sitzen, aufs Meer zu blicken und zwischendurch einen gebratenen Fisch zu verspeisen. Es wird vorerst ein Traum bleiben. Bevor Paul den Wohnwagen verlässt und sich ganz auf seine Insel verzieht, muss er seine drei Kinder in die Kunst des Unmöglichen einweihen, nämlich einen Zirkus durch eine dem Zirkus unfreundlich gesinnte Welt zu steuern.

          Von den sogenannten Tierschützern, die Elefanten, Tiger und vermutlich am Ende auch Pferde im Zirkus verbieten wollen, wird Paul zum Glück nicht bedrängt, denn bei Roncalli gibt es keine exotischen Tiere. Dafür muss er sich mit Bürokraten der Europäischen Union herumschlagen, die kürzlich etwa beschlossen haben, dass alle Fahrzeuge ein Zweikreisbremssystem haben müssen. Jetzt muss Paul seine Aushängeschilder, die alten Zirkuswagen, für fast eine halbe Million Euro mit neuen Achsen ausrüsten. „Die schlimmsten Feinde des Zirkus sind der schlechte Zirkus und die Bürokratie“, schimpft Bernhard Paul gerne. Den schlechten Zirkus bekämpft er mit gutem Zirkus, gegen die Bürokratie hat er noch kein Kraut gefunden. Die Stadtverwaltungen verweigern Zirkussen oft die wenigen verbliebenen guten Plätze, ihre Ordnungsdienste reißen immer häufiger die Plakate herunter, die nicht an Litfaßsäulen kleben. Unternehmen wie Roncalli müssen jetzt Plakatwände buchen, die sie sich eigentlich nicht leisten können.

          „Time is Honey“

          Solche Probleme sind Adrian, Vivi und Lili bestens bekannt. Beim Essen im Salonwagen der Familie Paul haben die drei Kinder des Direktors schon oft ihre Eltern darüber sprechen hören. „Man muss im Zirkus immer kämpfen“, sagt Adrian. Trotzdem wollen er, der Einundzwanzigjährige, und die um zwei Jahre ältere Vivi, ja selbst Lili, mit ihren 14 Jahren das Nesthäkchen der Familie, im Zirkus bleiben. Und nicht nur das. Die drei Kinder Bernhard Paulsund seiner aus einer italienisch-französischen Zirkusdynastie stammenden Frau Eliane Larible möchten Roncalli weiterführen. Zu dritt.

          Die Eltern haben die Mädchen und den Jungen nie auf Zirkus gedrillt. Im Gegenteil, Paul hat die Kinder sogar gewarnt: „Zirkus ist hart, macht doch etwas anderes.“ Natürlich hat er heimlich immer gehofft, sie würden in seine Fußtapfen treten. Deshalb sind er und seine Frau auch nicht dagegen eingeschritten, als Lili sich schon im Kindesalter von Artisten Kunststücke zeigen ließ oder Vivi sich im Wohnzimmer artistisch verbog und schließlich ihre Füße auf den Kopf zu legen vermochte. Nun bestreiten die Mädchen zum ersten Mal zusammen mit einer italienischen Cousine und anderen jungen Artisten die Eröffnungsnummer des neuen Programms „Time is Honey“: Vivi am schwebenden Ring und Lili als Schlangenfrau.

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