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TV-Triell-Redezeiten : Ein Wort zu viel

  • -Aktualisiert am

Zuschauer in Berlin schauen gemeinsam das „Triell“ zwischen den Kanzlerkandidaten. Bild: EPA

Beim Triell wurden die Redezeiten falsch gemessen. Dann wurde betont, der Fehler sei behoben. Tatsächlich war Annalena Baerbock viel weniger zu Wort gekommen.

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          In dem Moment, in dem die Minutenanzeige einer Tram nicht mehr richtig funktioniert, verliert sie nicht nur ihre Daseinsberechtigung. Sie wirft auch die Frage auf, warum sie überhaupt da ist. Wenn man den Anschluss verpasst hat, ist es ohnehin zu spät. Und Wartezeit wird durch eine angezeigte Minutenzahl auch nicht verkürzt. 

          Ähnlich verhält es sich, wenn die Redezeiten bei Debatten oder Duellen gemessen werden. Man versteht schon, warum sie da sind: Um irgendwie auf die Zeit als eine neutrale Instanz verweisen zu können, die kontrolliert, wer sich zu viel Zeit lässt und damit eventuell zu viel Raum für die eigenen Argumente einnimmt. Was aber, wenn die Redezeiten falsch gemessen werden? Und damit einen falschen Eindruck erwecken, der den weiteren Verlauf der Gespräche bestimmt?

          Eine Stechuhr gegen Ungleichgewicht

          Besonders heikel ist es, wenn so etwas bei einem Triell passiert, bei dem eine Kanzlerkandidatin auf zwei Kanzlerkandidaten trifft. Zum einen, weil viele aufgrund dieses Frage-Antwort-Spiels eine sehr gewichtige Wahlentscheidung fällen. Zum anderen, weil in den Öffentlich-Rechtlichen lange Zeit Frauen, beispielsweise in Talk-Shows, unterrepräsentiert waren und nicht genug zu Wort kamen.

          So eine Stechuhr, die könnte also eigentlich sehr hilfreich sein, um Ungleichgewichte zu messen. Die Uhr, die beim zweiten Triell am Sonntag die Redezeiten maß, stoppte aber erst einmal gar nicht: Annalena Baerbock merkte an, dass Olaf Scholz’ Zeit weiterlief. Moderatorin Maybrit Illner witterte sofort die Gefahr einer unfairen Behandlung („Das geht so nicht!”). Dann pendelte die Uhr in die falsche Richtung aus: Scheinbar sei es Baerbock selbst gewesen, die – eben noch inmitten des Kreuzfeuers zwischen Armin Laschet und Olaf Scholz stehend – wohl am meisten gesprochen habe. Auf Baerbocks vermeintliche 15:20 Minuten kamen 12:54 Minuten für Scholz und 12:17 Minuten für Laschet. Moderator Oliver Köhr konnte nur auf die Uhr verweisen: „Uns wurde gesagt, dass die Zeiten wieder stimmen.“ 

          Keine Richtigstellung der ARD

          Der Verdacht, dass die Zeiten auch bis zum Schluss falsch bemessen worden sein könnten, blieb bestehen. Das Medienmagazin Übermedien maß daraufhin nochmal nach. Und tatsächlich waren die Redezeiten falsch: Zum Ende des Triells hatte Scholz mit 25:30 Minuten den längsten Redeanteil, gefolgt von Laschet mit 24:14 Minuten und Baerbock mit 21:37 Minuten – anstatt Laschet (26:25 Minuten), Scholz (24:39 Minuten), Baerbock (24:25 Minuten). Scholz habe durch ein überzogenes Schlussstatement insgesamt 20 Prozent mehr Redezeit gehabt als Baerbock. Wie Übermedien berichtet, erklärte die ARD, die falschen Messungen seien durch einen „Software-Fehler“ zustande gekommen. Eine Richtigstellung seitens des Sender gab es bisher nicht. 

          Eine Minutenanzeige der Tram ist eigentlich nicht für die Wartenden gedacht, sondern für diejenigen, die die Tram fahren: um sich besser koordinieren zu können. Genauso sind Redezeit-Messungen eigentlich für diejenigen gedacht, die moderieren: Um sich selbst zu kontrollieren und einem Kandidaten auch mal getrost das Wort abzuschneiden. Nur: Sollten gute Moderatoren das nicht auch so können?

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