https://www.faz.net/-gum-15swe

Fall Herrmann : Verräterische Tonspuren

  • -Aktualisiert am

Ein phonetischer Vergleich wurde ihm zum Verhängnis: Werner M. wurde zu lebenslanger Haft verurteilt Bild: dpa

Im Indizienprozess um den Tod von Ursula Herrmann konnte der Angeklagte durch eine phonetische Analyse überführt werden. Frappierend ähnliche „Knacksgeräusche“ auf den Polizeiaufnahmen und einem Tonbandgerät aus Werner M.s Besitz verrieten ihn.

          2 Min.

          C-F-F-A-A-C-A: Die sieben Töne des damaligen Bayern-3-Verkehrssignals waren alles, was Ursula Herrmanns Eltern hörten. Kein Wort, kein Ton, nur die Melodie und das Rauschen und Knacksen des Tonbands. Phonetiker des Bayerischen Landeskriminalamts konnten Werner M. trotzdem mit den Anrufen in Verbindung bringen. Denn das Tonbandgerät, das 2007 bei ihm gefunden wurde, wies technische Details auf, wie sie auch bei den Erpresseranrufen festgestellt worden waren.

          „Der Vorteil analoger Geräte ist, dass die Funktionen Start, Stopp und Pause verschiedene akustische Signaturen haben“, sagt Angelika Braun, die 15 Jahre lang als forensische Phonetikerin beim Landeskriminalamt Nordrhein-Westfalen und beim Bundeskriminalamt in Wiesbaden gearbeitet hat und nun an der Universität Trier Phonetik lehrt. Mit entsprechender Erfahrung könne man anhand der Impulse („Knacksgeräusche“) in einem Oszillogramm gut unterscheiden, wann welche Taste gedrückt wurde.

          „Ein starkes Aha-Erlebnis“

          So konnten die bayerischen Phonetiker in ihrem Gutachten die akustischen Impulse auf den Polizeiaufzeichnungen mit denen vergleichen, die bei einer Aufnahme mit dem Tonbandgerät aus Werner M.s Haushalt entstanden. „Bei verschiedenen Geräten sind beispielsweise die Abstände zwischen Aufnahme- und Löschköpfen etwas unterschiedlich“, sagt Braun. „Je weiter sie auseinander liegen, umso weiter voneinander entfernt sind auch die Impulse, die sie hinterlassen.“

          Typische Tonkopfsignaturen

          Die Geräusche der Start- und der Pausentaste zeigten deutliche Ähnlichkeiten mit denen des bei Werner M. sichergestellten Grundig TK 248 – so das Untersuchungsergebnis der Phonetiksachverständigen Dagmar Boss vom Bayerischen Landeskriminalamt im Oktober. Als ihr im Jahr 2007 das Tonbandgerät von Werner M. gebracht wurde, hatte sie, so sagte sie vor Gericht, „ein starkes Aha-Erlebnis“. Der Aufnahmekopf an dem Gerät sei so verstellt, dass es zu einer Zeitverzögerung zwischen den Lautsprecherkanälen kommt. Dadurch stören sich die Sinuskurven des Signals und dämpfen den Ton. Versuche mit anderen Tonbandgeräten hätten gezeigt, sagte Boss, dass diese Tonkopfverschiebung ein einmaliges Kennzeichen des Gerätes aus dem Haushalt des Beschuldigten sei. Besonders auffällig war die Dämpfung des höchsten Tons des Verkehrsfunk-Signals. Der sechste Ton, das hohe C, war als Folge der Tonkopfverschiebung in den Polizeiaufzeichnungen auffällig leise.

          Millisekunde für Millisekunde analysieren

          „Man nennt das einen fehlerhaften Azimuth“, erklärt Angelika Braun. „Wenn ein Tonkopf ein bisschen schräg steht, entstehen Lautstärkeeinbrüche bei bestimmten Frequenzen, die beispielsweise Töne leiser erscheinen lassen.“ Dieser technische Defekt kann entweder ein Merkmal der gesamten Baureihe oder das eines individuellen Geräts sein. „Um es als Kennzeichen der Baureihe auszuschließen, muss man weitere Geräte desselben Typs testen. Aber man kann sich nicht in allen Fällen am Ende der Untersuchung mit Sicherheit auf ein bestimmtes Gerät festlegen.“ Daher sagte LKA-Gutachterin Boss vor Gericht auch nur, das Tonbandgerät sei „wahrscheinlich“ zum Zusammenschnitt des Tatmaterials für die Erpresseranrufe verwendet worden – und nicht, in der feinen Abstufung der Kriminologen, „mit hoher Wahrscheinlichkeit“, „mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit“ oder „mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit“.

          Fälle der Tonträgerauthentisierung wie dieser sind die Ausnahme für forensische Phonetiker. „Das Vorgehen ist ungewöhnlich arbeitsintensiv, man puzzelt sehr lange an so einer Aufzeichnung, weil man sie Millisekunde für Millisekunde analysieren muss“, sagt Braun. „Die Technik ist sehr aufwendig, kommt aber nur selten zum Einsatz, weil man in der Regel andere Beweise hat. Auf den meisten Erpresserbändern wird gesprochen. Um ein Profil des Sprechers zu erstellen, werten Phonetiker Kennzeichen aus, wie etwa Geschlecht, Alter, dialektale und individualtypische Merkmale. „In den seltensten Fällen ist ein technisches Gerät das Einzige, worauf man sich als Gutachter in einem Prozess stützen kann“, sagt Braun. Der Prozess um den Tod von Ursula Herrmann war einer dieser seltenen Fälle.

          Weitere Themen

          Trauer nach tödlicher Attacke in Augsburg

          Kripo ermittelt : Trauer nach tödlicher Attacke in Augsburg

          Ein Mann war am späten Freitagabend mit seiner Frau und einem befreundeten Ehepaar in Augsburg unterwegs. Dann kam es zum Streit mit einer Gruppe junger Männer. Wenig später war er tot. Die Kripo richtete eine 20-köpfige Ermittlungsgruppe ein.

          Topmeldungen

          Die neuen Vorsitzenden der SPD Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans

          Umfrage : SPD gewinnt, AfD verliert

          Zum Abschluss ihres Parteitags gibt es für die SPD gute Nachrichten von den Meinungsforschern. Unter den neuen Vorsitzenden Esken und Walter-Borjans kann die Partei in der Wählergunst zulegen.

          Parteitag in Berlin : Die Wende der SPD

          Der Parteitag in Berlin ist ein historischer Bruch für die SPD. Sie verabschiedet sich endgültig von der „neoliberalen“ Schröder-Ära durch ein Programm für einen „neuen Sozialstaat“.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.