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Fachmann ist sich sicher : „Das Hitler-Telefon ist ganz eindeutig eine Fälschung“

„Die Idee kann nur aus der Handy-Generation stammen“

Auch, dass das Telefon rot lackiert worden sei, wundert ihn. „Siemens hätte ein ordentliches Exemplar aus eingefärbtem Kunststoff gebaut, anstatt ein schwarzes Telefon unfachmännisch überzupinseln.“ Eine Hitler-Gravur auf der Rückseite sei rot übermalt worden. „Alles bei Hitler war hochwertig produziert, warum sollte eine Gravur einfach überpinselt werden? Außerdem ist es total unplausibel, dass Hitler ein Telefon mit Wählscheibe hatte – denn er wurde in der Telefonzentrale per Hand verbunden.“ Allerdings gibt es viele Bilder, die Hitler an Telefonen mit Wählscheibe zeigen. „Überall wo er hinkam, gab es Telefone, warum sollte er sein eigenes mitnehmen?“, fragt Gnegel.

Auch die Gravur auf der Rückseite wurde rot überpinselt.
Auch die Gravur auf der Rückseite wurde rot überpinselt. : Bild: dpa

Die Bezeichnung „Reisetelefon“, die überall zu lesen war, hält er deswegen für „blühenden Unsinn“. Das Auktionshaus hatte erklärt, Hitler habe in den beiden letzten Kriegsjahren die meisten seiner Befehle über genau dieses Telefon erteilt. In der Anzeige des Auktionshauses heißt es: „Es war wohl die destruktivste Waffe aller Zeiten, die Millionen den Tod brachte.“ Hitler habe das „mobile Zerstörungswerkzeug“  überall mit hingenommen. „Woher will man das alles wissen?“, fragt Gnegel. Das Auktionshaus selbst verweist auf seiner Homepage auf ein Fax aus dem Jahr 1945 von Rochus Misch, einem Mitglied der Leibstandarte von Adolf Hitler, der auf einem Foto erkannt habe, dass Hitler dieses Telefon in den letzten zwei Jahren des Krieges immer bei sich gehabt habe.

Frank Gnegel: „Das wurde so nie produziert.“
Frank Gnegel: „Das wurde so nie produziert.“ : Bild: Privat

Außerdem gebe es Fotos von russischen Soldaten – allerdings nur aus „Hitlers Quartier“. Aber obwohl das Auktionshaus viele Bilder von dem Telefon zeigt, gibt es offenbar kein einziges Foto, das Hitler mit dem roten Telefon zeigt. Unklar ist auch, auf welchem Bild Misch das Telefon erkannt haben will. „Die Idee, das Telefon auf Reisen mitzunehmen, kann nur aus der Handy-Generation stammen“, sagt Gnegel. „Es gab damals gar keine Telefondosen mit Stecker. Telefone waren fest an eine Dose in der Wand angeschlossen. Die konnte man nicht einfach so mitnehmen.“ In der Anzeige des Auktionshauses steht dementsprechend: „Model W38 Fernsprechgerät Tischstation“.

Carolin Lange ist Historikern an der Universität Würzburg und erforscht gerade das Kommunikationsverhalten Adolf Hitlers. Sie sagt: „Wir haben von Hitler wenig Schriftliches, und nach dem Befehl zum Holocaust suchen Historiker seit Jahrzehnten.“ Das sei aber völlig vergebens, „denn es wird ihn nicht gegeben haben“. Hitler habe ungern Spuren hinterlassen. „Die Idee, dass er in den 1940ern ein und dasselbe Telefon benutzt und darüber die – wie das Auktionshaus ja auch andeutet – mörderischen Befehle ausgegeben hat, kommt, glaube ich, unserem Wunsch entgegen, ihn irgendwie zu überführen. Wenn es kein Dokument gibt, dann gibt es wenigstens ein Telefon, das wir dingfest machen können.“ Der Wunsch nach Eindeutigkeit sei größer als die Wahrscheinlichkeit eines einzigen Telefons, das Hitler immer benutzt habe.

Sammler machen sich in Internetforen über das angebliche Führertelefon mittlerweile nur noch lustig. Ein Nutzer schreibt: „Leute scheinen den Apparat ernst zu nehmen. Aber doch nicht mit dieser grottigen Lackierung. Und dann das Geschreibsel von wegen mobil. Also, das ging sicher für eine einzelne Person in einem bestimmten Umkreis. Aber doch nicht mit einem Standardapparat.“ Ein anderer antwortet: „Wie schön! Das hole ich mir. Das passt prima zu Napoleons originalem Feldfernsprecher, den die Preußen bei Waterloo erbeutet haben, den besitze ich ebenso wie den Morsetelegraphen, mit dem Julius Caesar die berühmten Worte „veni vidi vici“ nach Rom übermittelte. Geschichte hautnah zuhause zu haben, ist schon eine große Sache!“

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