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„F.A.Z.-Leser helfen“ : Ein fernes Land so nah

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Im Gespräch: Asfa-Wossen Asserate (rechts) und F.A.Z.-Herausgeber Werner D’Inka im Redaktionsgebäude. Hinter ihnen hängt ein Foto aus der Uniklinik von Addis Abeba, die mit der diesjährigen Aktion „F.A.Z.-Leser helfen“ unterstützt werden soll. Bild: Fricke, Helmut

Asfa-Wossen Asserate unterstützt die Aktion „F.A.Z.-Leser helfen“ und spricht über Äthiopien, Deutschland, seine zweite Heimat, und Frankfurt.

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          Asfa-Wossen Asserate schwärmt. Von der Offenheit der Frankfurter gegenüber ausländischen Mitbürgern. Von der Liebfrauenkirche als dem „geheimen Zentrum der Stadt“. Von der Institution des deutschen Buchladens als einer „Bundeslade des Geistes“. Von Deutschland als seiner zweiten Heimat. „Ich kann mir ein Leben ohne die deutsche Sprache, das deutsche Theater und die Musik Bachs, Beethovens und Mozarts nicht vorstellen.“

          Am Montagabend war er zu Gast im Redaktionsgebäude dieser Zeitung. Die Zuhörer folgten den Schilderungen gerne, die er aus seinem Buch „Ein Prinz aus dem Hause David und warum er in Deutschland blieb“ vortrug. Seit gut 40 Jahren lebt der Großneffe des letzten äthiopischen Kaisers Haile Selassie nun in Deutschland. „Meine äthiopische Heimat wird mir kein Land ersetzen können“, sagt er. Aber sein Weg nach Deutschland sei vorgezeichnet gewesen, weil er zum Beispiel die deutsche Schule in Addis Abeba besucht habe. „Deutschland erschien mir bereits vertraut.“

          „Wir brauchen Schulen für Handwerker“

          Vertraut ist er natürlich auch mit der Geschichte und der Entwicklung Äthiopiens, wie in dem Gespräch deutlich wird, das Werner D’Inka mit Asserate vor und nach dessen Lesung führte. Der Mitherausgeber dieser Zeitung hatte ihn im Rahmen der diesjährigen Spendenaktion „F.A.Z.-Leser helfen“ eingeladen, deren Erlöse auch Projekten in Addis Abeba zugute kommen sollen: der Erweiterung eines Wohnheims für Krebskranke und dem Kauf eines Bestrahlungsgeräts zur Behandlung von Frauen mit Gebärmutterhalskrebs in der Uniklinik.

          Die mangelhafte Versorgung von Tumorpatienten in dem riesigen Land ist nur eine Herausforderung, die Äthiopien meistern muss. Asserate nennt noch andere, die teils ganz Afrika betreffen: eine gute Bildungspolitik, die Wahrung staatlicher Einheit und eine Reform des Landbesitzes. So warnt er davor, in Äthiopien mit der Gründung neuer Universitäten ein „akademisches Proletariat“ heranzubilden. „Wir brauchen Schulen für Handwerker.“ Ebenso wichtig sei in dem Land mit seinen 120 Ethnien und 84 Sprachen, die staatliche Einheit zu wahren. In ganz Afrika schließlich sei es ein Problem, dass das Land dem Staat gehöre und nur wenig transparent sei, für wie viel Geld es Investoren aus Indien oder China angeboten werde, die dort andere Nahrungsmittel anbauten, als sie in Afrika gebraucht würden. „Das Land soll den Bauern gehören können“, fordert er.

          Asserate ist heute als Unternehmensberater und Buchautor tätig

          Ohne Fehler sei seinerzeit aber auch das kaiserliche Herrschaft in Äthiopien nicht gewesen, fügt er hinzu. „Es hat einen Reformstau gegeben.“ Asserates Großonkel, Kaiser Haile Selassie, war 1974 abgesetzt worden. Für 17 Jahre herrschte eine kommunistische Diktatur über das Land. Asserate ist überzeugt, dass es nicht zu jener Revolution gekommen wäre, wenn es gelungen wäre, eine konstitutionelle Monarchie zu etablieren. „Haile Selassie war ein Mann mit einer großen Aura, er hat Äthiopien aus dem tiefsten Mittelalter ins 20. Jahrhundert geführt“, urteilt Asserate. Aber er habe notwendige Reformen nicht gewagt.

          Asserate ist heute als Unternehmensberater und Buchautor tätig. Eine Hauptaufgabe sieht darin, Investoren nach Äthiopien zu bringen. „Wen 100 Menschen Arbeit finden, müssen 1000 nicht mehr hungern. Denn von einer Stelle können zehn Menschen leben.“ Was aus ihm geworden wäre, wenn es in Äthiopien eine konstitutionelle Monarchie gäbe? „Vermutlich Botschafter in Deutschland“, meint D’Inka. „Am liebsten wäre ich Botschafter im Vatikan geworden“, entgegnet Asserate mit einem Lächeln.

          „Äthiopien ist kulturell eines der reichsten Länder Afrikas“

          Mit einer Begebenheit aus der kommunistischen Epoche in Äthiopien schildert Asserate, wie solidarisch die Religionen in Äthiopien untereinander seien: Der damalige Machthaber Mengistu habe die Religion verbannen wollen und angewiesen, eine Kirche im Marktviertel „Mercato“ zuzunageln. Das hätten Muslime aus der benachbarten Moschee verhindert. „Die Christen und Muslime sind sehr gläubig. Ohne ihren Glauben hätten sie die vergangenen 30 Jahre nicht überstanden.“

          Überhaupt sei Äthiopien ein Land, das in die Anfangsjahre von Judentum, Christentum und Islam zurückreiche. „Äthiopien ist eine der ältesten christlichen Nationen, das Christentum ist im 4. Jahrhundert Staatsreligion geworden - noch bevor dies in Rom geschah“, sagt Asserate und verweist auf die uralten Felsenkirchen, die bis heute Zeugnis von dieser Tradition geben - besonders auf die berühmten in Lalibela. „Äthiopien ist kulturell eines der reichsten Länder Afrikas.“ So schwärmt Asfa-Wossen Asserate nicht nur von Deutschland, sondern auch von Äthiopien - trotz all der Schwierigkeiten dort.

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