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F.A.Z.-Leser helfen : Ein Businessplan für Straßenkinder

  • -Aktualisiert am

Arbeit: Schon Kinder müssen in Guwahati Felsbrocken zur Steinmühle schleppen Bild: Wolfgang Eilmes

Martin Kasper hörte als Unternehmensberater auf und gründete eine Stiftung. Sein Wissen kommt nun Kindern in Indien zugute. Im Nordosten des Landes will er in zwei Jahren 30 neue Schulen bauen. Die F.A.Z. bittet um Spenden.

          4 Min.

          Jedes Kind hat einen Traum. Jedes von ihnen weiß, was es einmal werden will: Lehrerin, Grenzschützer, Priester, Polizist. Die Kinder stehen in einer langen Reihe, in Schuluniformen aus gelben Poloshirts und grauen Hosen oder Röcken, die Haare gekämmt. Dem Besuch aus Deutschland haben sie zwei Willkommenslieder gesungen, und nun sagt jedes Kind artig „Namaskor“, die Begrüßung in Nordostindien.

          Tim  Kanning

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Von ganz normalen Kindern unterscheidet sie nur der Hintergrund – ein riesiger Hügel aus Schotter. Darauf sitzen ihre Familien, ihre Mütter in verstaubten Saris mit Neugeborenen auf den Armen, ihre älteren Geschwister, die schmutzig von der Arbeit sind. Stolz sehen sie zu, wie die Kinder auf Englisch mit den Besuchern reden. Doch dann werden sie unruhig. Ein Lastwagen mit Felsbrocken fährt vor. Keine Zeit mehr. Sie müssen zurück an die gigantische Maschine, die Steinmühle, die sie von frühmorgens bis abends mit Felsbrocken füttern müssen, damit sie unten zerschredderte Kiesel ausspuckt.

          „Sehr gute Auswahl“, raunt Martin Kasper seinen Partnern vom Don-Bosco-Orden zu. Solche Kinder möchte er erreichen. Den ärmsten Straßenkindern der indischen Großstadt Guwahati möchte der Königsteiner mit seiner Stiftung Childaid Network einen ersten Schritt in ein besseres Leben ermöglichen, indem er zusammen mit dem Salesianer-Orden Slum-Schulen einrichtet. Die Kinder von der Steinmühle haben die Ordensleute als Pilotschule ausgewählt. In einem nicht genutzten Raum einer nahegelegenen Privatschule sollen sie ein paar Stunden am Tag Ruhe und Geborgenheit finden, singen, spielen und ein wenig lesen und schreiben lernen. Gut 30 solcher Schulen sollen in den nächsten zwei Jahren entstehen, für vorerst 1500 Straßenkinder. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung bittet mit der Aktion „F.A.Z-Leser helfen“ nun um Spenden für das Projekt.

          Als rechtlose Billigarbeiter ausgebeutet

          An Orten wie dem Schotterberg, zu dessen Füßen die Familien in winzigen Wellblechhütten leben, ist normalerweise an Schulbesuche nicht zu denken. Die Uniformen, Bücher und Hefte können sich die Familien nicht leisten. Ein Arbeiter verdient kaum einen Euro am Tag. Schon Kinder müssen Steine schleppen.

          Es gibt in Guwahati viele solcher Orte. Die größte Stadt des Bundesstaats Assam wächst rasant. Der äußerste Nordosten Indiens war bis vor wenigen Jahren regelrecht abgeriegelt. Der Aufschwung des Landes kam hier nicht an, internationale Hilfe auch nicht. Im Umland schwelen ethnische Konflikte, die immer wieder in Gewalt ausbrechen. Aus Gebieten wie Bodoland, wo militante Gruppen nach Unabhängigkeit streben, aus dem nahen Bangladesch und den ärmlichen Himalaja-Regionen – von allen Seiten strömen Menschen nach Guwahati, in der Hoffnung auf Arbeit und Essen, ein besseres Leben.

          Schule: Martin Kasper (rechts) leitet kleine Kinder in den Unterricht um
          Schule: Martin Kasper (rechts) leitet kleine Kinder in den Unterricht um : Bild: Wolfgang Eilmes

          Doch die meisten bleiben in den Slums rund um den Bahnhof hängen oder werden wie die Familien an der Steinmühle als rechtlose Billigarbeiter ausgebeutet. Viele Kinder verlieren früh ihre Eltern an Krankheiten oder Unfälle. Tausende von ihnen leben ein erbärmliches Leben in Schmutz und täglicher Lebensgefahr. Martin Kasper reist seit mehr als 30 Jahren regelmäßig nach Indien, hat schon fast alle Ecken des Landes gesehen.

          Im Herzen ein Berater

          Die Armut in den Slums von Guwahati hat ihn dazu bewegt, 2006 sein altes Leben hinter sich zu lassen: Bis dahin war der gelernte Ingenieur Partner in der Unternehmensberatung Accenture. Dann, gerade 48 Jahre alt, verkaufte er seine Anteile und ist seitdem „vermögend unabhängig“, wie er es ausdrückt. Doch statt sich und seinen Kindern ein Leben in Saus und Braus zu gönnen, hat er 2007 gemeinsam mit seiner Frau die Stiftung Childaid Network gegründet.

          Auf einer seiner Reisen hatte er Pater Lukose Cheruvalel von Don Bosco kennengelernt, der sich seit Jahren für die Straßenkinder Guwahatis engagiert und fast im Alleingang fünf Waisenhäuser aufgebaut hat. Sein Ziel sei es, so hat er es Kasper gesagt, Guwahati zu einer kinderfreundlichen Stadt zu machen. „Willst du das wirklich erreichen?“, fragte Kasper. „Dann müssen wir das anders angehen.“ In seinem Herzen ist Kasper nach wie vor Berater. Er will Prozesse optimieren, Arbeitsschritte effizienter machen, Erreichtes überprüfen und nachjustieren. Er will mit möglichst wenig Geld möglichst viele Kinder erreichen, vor allem über die Vernetzung bestehender Angebote. Die Ordensleute hat er mit anderen Gruppen zusammengebracht – auch hier gibt es Lions Clubs und Rotarier. Statt Schulen aufzubauen, sollen die Salesianer bestehende Räume unentgeltlich organisieren.

          Den Ordensleuten sagt er offen, wenn ihm ein Mitarbeiter nicht tüchtig genug erscheint. Er drängelt, wenn er Schlendrian wittert. Zum Beispiel wenn es um die veraltete Ausbildungswerkstatt geht, die Childaid neben den Slum-Schulen ebenfalls gemeinsam mit Don Bosco auf Vordermann bringen will. Geeignete Maschinen erst im nächsten Jahr suchen, wenn die Spendengelder da sind? Warum nicht gleich jetzt Angebote einholen, sich nach guten gebrauchten Geräten umschauen, damit man im nächsten Jahr gleich zuschlagen kann? Der zuständige Pater solle ihn auf dem Laufenden halten.

          Träume von einer schöneren Zukunft

          Die Inder sind erstaunt darüber, wie viel Kasper bewegt, wenn er wieder einmal ein oder zwei Wochen in der Stadt ist. Wenn sie sich morgens um sieben zum Frühstück treffen, hat der Deutsche auf seinem Zimmer schon Berichte vorbereitet, auf den Jeep-Fahrten zwischen zwei Terminen diskutiert er konzentriert das weitere Vorgehen. Nach dem Abendessen will er das Erlebte noch einmal durchsprechen. Nicht jeder hält das durch. Pater Lukose nimmt es gelassen. Er behält sein Tempo, indisch gemächlich, und lächelt dabei freundlich. Kasper nennt ihn gerne einen „Heiligen“. Kracht es nicht manchmal, wenn zwei solche Mentalitäten aufeinanderprallen? Nein, sagt Lukose, die Zusammenarbeit sei befruchtend.

          Auch in Deutschland hilft Kasper seine Berater-Vergangenheit. Unter Bankern, Unternehmern und Stiftern des Rhein-Main-Gebiets ist er bestens vernetzt. Bekannte Gesichter vom DZ-Bank-Chef Wolfgang Kirsch bis Karl Kardinal Lehmann lassen sich lobend in den Broschüren zitieren. Chefs von Dax-Konzernen sammeln auf ihren Geburtstagsfeiern Geld für die Stiftung, bei Accenture konnten die Mitarbeiter ihr Weihnachtsgeld spenden. Solche Aktionen sorgen für steiles Wachstum. 2013 konnte die junge Stiftung schon 900.000 Euro in Projekte stecken, fast dreimal so viel wie noch 2010. Nur fünf Prozent des Gesamtbudgets gingen für die Verwaltung drauf, was nicht zuletzt daran liegt, dass der Vorsitzende bis vor kurzem fast alles allein oder mit der Hilfe von Freiwilligen gemacht hat.

          Die Kinder von der Steinmühle profitieren schon jetzt von dem Einsatz. Der Raum in der Privatschule, in den sie die Ordensschwestern nun morgens bringen, liegt nur einen kurzen Fußmarsch von dem großen Schotterberg entfernt. Hier gibt es keine gebrochenen Beine, keine Angst vor Kobras, keine Staublunge, sondern Gesang, Gelächter – und Träume von einer schöneren Zukunft.

          F.A.Z.-Leser helfen

          Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung und die Frankfurter Allgemeine / Rhein-Main-Zeitung bitten um Spenden, die der Notfallseelsorge in Frankfurt und dem Childaid Network für Hilfe in Guwahati zugutekommen.

          Spenden für das Projekt „F.A.Z.-Leser helfen“ bitte auf die Konten:

          • Nummer 11 57 11 bei der Frankfurter Volksbank, BLZ 501 900 00
          • Nummer 97 80 00 bei der Frankfurter Sparkasse, BLZ 500 502 01

          Die Namen der Spender werden in der Zeitung veröffentlicht.

          Selbstverständlich wird auch der Wunsch respektiert, auf eine Namensnennung zu verzichten.

          Spenden können steuerlich abgesetzt werden. Sofern die vollständige Adresse angegeben ist, wird eine Spendenquittung zugeschickt.

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