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© Yulia Serdyukova

Sturmlauf gegen den Regenbogen

Von KONRAD SCHULLER

07.05.2017 · In einer Woche findet in Kiew der „Eurovision Song Contest“ statt. Doch vielen gefallen die „europäischen Werte“ nicht, die damit in die Stadt kommen.

Wo die Straße hinunterführt von der Oberstadt nach Podil, dem alten Viertel am Kiewer Hafen, rudern oben an der Hügelkante (Goldkuppeln über dem Dnjepr, rechts das Höhlenkloster, links das Michaelskloster) Männer mit den Armen. Über ihnen wölbt sich grau und stählern der Bogen der ukrainisch-russischen Freundschaft. Unter ihnen der Hang zur Unterstadt. Manche tragen Uniformen: hier Polizeihelme, dort diese altmodischen Militärmützen mit dem V-förmigen Einschnitt vorn am Band, wie bei alten Stehkragen. Im Zweiten Weltkrieg waren das die Mützen der ukrainischen Partisanen in ihrem gnadenlosen Kampf gegen die sowjetische Armee, heute, wo schon wieder Krieg ist mit Russland, sind das die Mützen der nationalistischen Rechten.

Um den grauen Bogen hat sich lange keiner mehr geschert. Eines von all diesen Denkmälern halt, sagten sie in der Oberstadt zwischen Gucci und Starbucks, und unten in Podil, wo tatarische Flüchtlinge am Gehsteig Tschebureki braten, sagten sie es auch: Sowjetischer Monumentalschrott eben, vergiss es. Viel Aufregung gab es da nie. Als Russland vor drei Jahren die Ukraine überfiel, schraubte man nur die Inschrift ab, und es war Ruh.

© Yulia Serdyukova Das Denkmal der Russisch-Ukrainischen Freundschaft, später umbenannt in Denkmal der Freundschaft der Menschen

Und jetzt rudern sie also mit den Armen, und die Polizei hat die Helme parat. Wer von der Oberstadt hinunter nach Podil fährt, vom Majdan, wo 2014 die proeuropäische Revolution von Kiew ihren tragischen Höhepunkt fand, in die Unterstadt mit ihren Graffitis und leeren Fabrikhallen, der sieht gleich, warum: Der graue Bogen ist nicht mehr grau. Jemand färbt ihn. Man sieht die Arbeiter, man sieht die frischen Farben: ein Regenbogen. Kiew richtet am Samstag nächster Woche den Eurovision Song Contest aus, und das Motto ist „Celebrate Diversity“. Also hat die Stadtverwaltung die Arbeiter losgeschickt mit bunten Farben für das alte Denkmal, das eh keiner mehr braucht.

  • © Yulia Serdyukova Podil-Distrikt
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Die Männer mit den Partisanenmützen scheint das nicht ganz zu überzeugen. Das sind doch Schwulenfarben. Der alte Sowjetschrott hier wird in Schwulenfarben bepinselt, und jetzt sollen sie glauben, dass das nur Offenheit heißen soll, Vielfalt, Freude, Eierkuchen? Der „Rechte Sektor“ hat jedenfalls auf Facebook mobilisiert, und jetzt kommen sie also zusammen und fuchteln. „Wir sind noch nicht so europäisch, dass wir das einfach so schlucken“, sagt einer, während andere sich drohend aufbauen. Die Arbeiter mit der Farbe haben sich unterdessen schnell verdrückt, die Polizei schließt die Reihen.

Schon im letzten Sommer war das so, in Kiew ist das ein altes Muster: Die schwule Szene hatte wieder einmal ihre „Gay Pride“ veranstaltet, der „Rechte Sektor“ hatte seine Schläger aus den Muskelstudios und den Veteranenvereinen geholt, um diese Schande der Nation aufzumischen, wie in den Jahren zuvor. Aber 2016 verlief alles glimpflich: Die „Kyiv Pride“ hatte unbehelligt stattgefunden, zwar nicht ohne wüste Beschimpfungen nationalistischer Hooligans, aber immerhin ohne das „Blutbad“, mit dem die Rechte gedroht hatte.

Die Kiewer Polizei hatte die Schwulen, die Lesben und ihre Freunde geschützt, auch wenn das für manchen von ihnen etwas ungewohnt gewesen sein mag. Noch ungewohnter war die Erfahrung auf jeden Fall für die schwul-lesbische Gemeinde selbst: „Es war, als würden wir plötzlich in einem anderen Land leben“, sagte damals Sorian Kis, einer der führenden Köpfe der Szene. Ein Jahr davor, 2015, war er noch zusammengeschlagen worden, als er Hand in Hand mit seinem Freund über den Chreschtschatik spaziert war, den Prachtboulevard der Oberstadt.

© Yulia Serdyukova „Vozdvizhenka“, ein Teil des Podil-Distrikts mit viel Leerstand, da die Mieten zu hoch sind

„Ein anderes Land“, das ist kein falsches Wort, wenn es um die Ukraine geht, wie sie sich nach der Revolution von 2014 entwickelt hat, und schon gar nicht, wenn von Kiew die Rede ist, die Hauptstadt mit den Goldkuppeln hoch über dem Fluss, deren Bevölkerung im Jahr 2014 zu Hunderttausenden auf die Straße ging, um die russisch geprägte Oligarchie des Präsidenten Viktor Janukowitsch abzuschütteln. Hunderte sind damals auf dem Majdan im Gewehrfeuer beider Seiten verblutet, fast 10000 kamen danach in dem Krieg um, mit dem Moskau die Erhebung für Europa beantwortete. Andererseits aber ist der Ausdruck „ein anderes Land“ doch nicht ganz treffend.

Vielleicht ist 2014 nicht eine neue Ukraine entstanden, sondern mindestens zwei. Auf der einen Seite eine Szene der Vielfalt, der Individualität, der Künstlerkollektive und Bürgerinitiativen, auf der anderen ein Milieu der „alten Werte“, der Familie, des ukrainischen Vaterlandes, der Trachtenbluse. Auf der einen Seite gibt es die Ukraine derer, denen das Herz aufging, als der sinnlose alte Bogen der Russisch-Ukrainischen Freundschaft Ende April plötzlich zum Regenbogen mutierte, auf der anderen Seite gibt es die Nationalisten mit ihrem rasiertem Kosakenschnitt, denen schlecht wird, wenn sie im Mai-Himmel diese Farben sehen, die für sie nichts anderes heißen als Verrat am Vaterland und Perversion.

Die zwei Strömungen kommen beide von der Revolution des Majdan. „Europäische Werte“ wie Freiheit, Rechtsstaatlichkeit, Vielfalt haben da die Hauptrolle gespielt, aber es gab eben auch eine Unterströmung, der es in der Abwehr Russlands vor allem um das „Nationale“ ging, die Werte Gott, Familie, Ehe aus Mann und Frau, wie damals bei den Partisanen. Beide Strömungen kämpften am Majdan Hand in Hand, bis Präsident Janukowitsch, Russlands Marionette, in Panik floh. Heute stehen sie sich spinnefeind gegenüber.

Wer das sehen will, der braucht nur am Bogen der Freundschaft die Polizeibusse und die fuchtelnden Männer rechts liegen zu lassen. Es geht die Straßen hinunter zum Dnjepr. Zur Zarenzeit war Podil das Viertel der Handwerker und Fischer. Viehhändler trafen sich am Kontraktowa-Platz, jüdische Krämer saßen in ihren Ladengewölben, Gerber und Töpfer hatten ihre Werkstätten eng am Hang, wo ein von Büschen bewachsenes Bachtal von der Oberstadt herunterkommt. An die Jahrzehnte der Sowjetunion erinnern alte Werkshallen, manche noch in Betrieb wie die alte Leninwerft, andere bröckelnd.

© Yulia Serdyukova „Schitny Rynok“, die gewaltige Markthalle aus sowjetischem Spannbeton

Heute ist das Vieh fort, und die jüdischen Krämer gibt es nicht mehr, seit Wehrmacht und SS 1941 in Babyn Jar das Kiewer Judentum durch eine der furchtbarsten Massenerschießungen der Geschichte fast ganz ausgelöscht haben.

In Podil spricht man quer durcheinander: Russisch und Ukrainisch. Vom dem „Schitny Rynok“, der gewaltigen Markthalle aus sowjetischem Spannbeton gleich hinter der Kontraktowa, haben die Geldwechsler ihre Buden, die Kebab-Brater aus Kirgistan, die Schlüsselmacher aus Armenien. Frauen in dicken Mänteln haben auf dem Asphalt ihr Sortiment ausgebreitet: hier fabrikfrische Socken, hier ein Dutzend Kartoffeln, hier fünf Gläser mit eingelegten Gurken, hier ein Packen Reisigbesen. Ein Plakat verspricht „Amerikanische Kleidung nach Gewicht“.

Das ist Podil, wie es schon war, als vor 26 Jahren die Sowjetunion zerbrach und die Ukraine unabhängig wurde. Seither aber ist Neues hinzugekommen, man findet es an der Rybalski-Brücke an der alten Leninwerft. Diese Brücke quer über einen halb verlassenen Industriehafen ist eigentlich keine Brücke mehr: Ihre Tragekabel sind zwar noch intakt, auch wenn die gezwirbelten Drahtstränge sich längst in Rost auflösen, aber am gegenüberliegenden Ende, bei der Werft, ist die Fahrbahn abgebrochen. Hier geht es längst nicht mehr weiter. Das hat auch sein Gutes: Am Nachmittag nämlich wird es hier voll. Man sieht junge Leute im Schneidersitz, man sieht Bierflaschen am Asphalt, man sieht Dreadlocks, Tattoos, selbstgedrehte Zigaretten, und wenn die Sonne untergeht, blickt man auf die Hügel der Oberstadt, und die Klosterkuppeln blinken.

  • © Yulia Serdyukova Die Liebenden von der Rybalski-Brücke: Hier geht es nicht mehr weiter – aber das hat auch sein Gutes für die Jugendlichen.
  • © Yulia Serdyukova
  • © Yulia Serdyukova

Podil ist in Bewegung. Es gibt die Raves der Musikszene, früher im Freien unter der Havanski-Brücke, heute überall. Es gibt Brennpunkte wie die alte Textilbandfabrik in der Nyschnejurkowskaja, wo das „Closer“ liegt, ein demonstrativ schwulenfreundlicher Tanzclub, zugleich aber auch der Radiosender 20FT mit seinem Programm aus japanischem New Wave und deutscher Elektromusik („Berliner Schule“, sagt der DJ). Im Post-Play-Theater im selben Fabrikgebäude machen Flüchtlinge aus den Kriegsgebieten der Ostukraine Dokumentartheater, und über der graffitiüberzogenen Garagensiedlung nebenan an der Petriwska, eingekastelt zwischen einem Elektro-Supermarkt und einem Gefängnis, liegt Schwefeldunst: Das Künstlerkollektiv hat das Schweißgerät an. Die Sprayergangs aus den Garagen, der Graffiticlub „etc“ und die Jungs von „665“ haben einen Namen im Podil.

  • © Yulia Serdyukova Eine junge Frau sitzt in der Nähe des Eingangs vom „Closer“, ein demonstrativ schwulenfreundlicher Tanzclub.
  • © Yulia Serdyukova Eine der Bars im Podil-Distrikt
  • © Yulia Serdyukova „Nefiltrat“, eine der ältesten Bars im Podil-Distrikt
  • © Yulia Serdyukova Das „Zhovten“, eines der ältesten Kinos im Podil-Distrikt

Schenja Moljar ist eine der Vordenkerinnen im Urbanistenclub „DeNeDe“ – der Namen heißt, je nach Interpretation, „weiß der Teufel wo“ oder „Dekonstruktion, nicht Dekommunisierung“. Sie sagt, die anarchistischen Spraymotive dieser Jungs, ihre tanzenden Bananen und fünffüßigen Katzen, seien ein Aufschrei gegen die Interessen der Geschäftswelt, die natürlich auch in Podil, zum Beispiel im alten Quartier der Töpfer und Gerber, längst begonnen hat, freie Flächen in teuren Wohnraum umzuwandeln.

© Yulia Serdyukova Ein Werk, das verschont blieb: Kuratorin Natalia Neschewez berichtet von den Konflikten um Kunst.

Ist also Podil das „andere Land“, von dem Sorjan Kis spricht, der Schwulenaktivist? Vielleicht. Podil ist vielfältig, in Podil wird jeder nach seiner eigenen Façon selig. Aber zu dem Bild gehört eben auch diese andere Linie, der patriotisch-traditionalistische Gegenstrom, die Schwulengegner und Feministinnenfeinde, die zornigen Kurzhaarmänner, die eben am Bogen der Freundschaft die Regenbogenmaler gestoppt haben. Wie wenig harmonisch es hier unten zugeht, erzählt Natalia Neschewez vom „Visual Culture Research Centre“ (VCRC), das im geräumigen Toilettentrakt einer alten Metallfabrik in der Hlybotschyzka-Straße seine Nische hat. Das VCRC veranstaltet Seminare über Feminismus und postsowjetischen Urbanismus, es organisiert Ausstellungen, und wenn nicht gerade Frost herrscht, gibt es Raves und Trash-Modenschauen in der zugewachsenen Schlucht am Hang gleich hinter dem Graffiti-Garagenkollektiv.

Das Zentrum war immer wieder ein Brennpunkt der Feindschaft zwischen den „zwei Ländern“, die aus dem Boden der Revolution gewachsen sind. Das VCRC ist immer wieder angegriffen worden, und vermutlich waren dabei Männer (und Frauen) von dem Schlag am Werk, der gerade gegen den Regenbogen Sturm läuft. Immer wieder gab es Gewalt. Im Herbst nach dem Majdan schon wurde Wasyl Tscherepanin, eine Führungsfigur des VCRC, auf offener Straße von Uniformierten zusammengeschlagen.

© Yulia Serdyukova Der ehemalige „Khashchci“ Club vom VCRC brannte aus. Das VCRC ist immer wieder angegriffen worden.

Wohin führt dieser Konflikt? Folgt man Natalia Neschewez, hat das Bild Licht und Schatten. Gewalt gegen die Szene im Podil hat in den letzten Jahren auch das Kino „Schowten“ (Ukrainisch für „Oktober“) an der Kostjantyniwska getroffen, das 2014 angezündet wurde, weil es unter dem Sammeltitel „Sunny Bunny“ Filme über sexuelle Minderheiten gezeigt hatte. Andererseits, sagt Neschewetz, trotz aller Vorfälle seien die Übergriffe seit der Revolution eher weniger als mehr geworden.

Auch oben am Bogen der Freundschaft hat sich die Lage beruhigt. Der „Rechte Sektor“ hatte zuerst noch gewaltig gedroht: Die Szene, die sich übrigens selbst „nationalistisch“ nennt, werde „päderastischen Verirrungen“ und „Anbiederungsversuche“ an Europa „so nicht stehenlassen“. Wenn man diesen blöden Bogen schon verschönern wolle, dann solle man doch ukrainische Folkloremuster nehmen. Als Polizei und nationalistische Aktivisten sich Ende April am Fuß des Denkmals gegenüberstanden, sah es jedenfalls kurz so aus, als könnte kurz vor dem Eurovision Song Contest ein hässlicher Konflikt die Stimmung verderben.

Nun könnte das Drama, für das sich gerade noch alle ins Kostüm geworfen hatten, eine der augenzwinkernd pragmatischen Wendungen nehmen, mit denen die ukrainische Politik ihr Publikum immer wieder überrascht. Vitali Klitschko jedenfalls, ehemals Boxweltmeister, dann im Majdan Revolutionsführer und seit 2014 Bürgermeister von Kiew, hat am Donnerstag über den Bogen der Freundschaft ein salomonisches Urteil verkündet. Die Regenbogenfarben bleiben, zumindest an der rechten und linken Sockelpartie, also dort, wo die Arbeiter gerade waren, bevor die zornigen Männer kamen. Der „Rechte Sektor“ kriegt auch was ab: Ganz oben, wo der Stahl noch nicht bemalt ist, kommt ukrainisches Stickereimuster hin.

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Quelle: F.A.Z.

Veröffentlicht: 06.05.2017 15:10 Uhr