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Tagebuch aus Stockholm (5) : Der mit dem Wolf tanzte

Iwan und die Wölfe: Sollen sie ihm fliegen helfen, wie sein Liedtitel vermuten lässt? Bild: AP

Verrückte Halbfinale beim Eurovision Song Contest: Nackte Hologramme kraulen Wölfe, Meerjungfrauen machen Kniebeugen, dazu erfrischend moderne 1980-Rocker. Doch für Skandinavien wird Stockholm zur Katastrophe.

          4 Min.

          Nackt und mit Wölfen wollte Iwan beim „Eurovision Song Contest“ (ESC) auftreten. Das wäre, nach Maß der Dinge, noch irgendwie normaler gewesen als das, was in Stockholm daraus wurde. Dabei ist die Illusion nahezu perfekt: Der Weißrusse, der eigentlich Alexander Iwanow heißt, machte sich am Donnerstagabend die neueste Bühnentechnik zunutze und erschien unter anderem als Wiedergänger seiner selbst.

          Peter-Philipp Schmitt
          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Am Anfang sah man den Einundzwanzigjährigen mit seiner blonden Mähne nackt von der Seite, wie er einen Wolf kraulte, später wurden aus dem einen Wolf drei Wölfe, und auch der – echte – bekleidete Iwan verdreifachte sich. Mal begleitete er sich selbst am Schlagzeug, dann auf der Gitarre, zu guter Letzt  stand er wie ein heller Schatten seiner selbst neben sich im Regen. Und genau so musste sich der Weißrusse fühlen, als Belgien als letzter und zehnter Teilnehmer für das Finale feststand.

          Dem Wahnsinn nahe

          Zum zweiten Mal in Folge hat es das Land im uns so fernen und doch so nahen Osten nicht ins Finale geschafft. Dabei hat Iwan geradezu Revolutionäres gewagt: Erstmals sind in diesem Jahr Hologramm-Abbildungen auf der ESC-Bühne zu sehen, eine Technik, die bislang kaum zum Einsatz kam. Doch wo führt sie hin? Dass Iwan singt, sein Lied „Help You Fly“ heißt, was nicht so recht zu Wölfen passen will, schon eher zu dem Kleinkind, das zum Schluss nackt in Windeln aufs Publikum zutappst – der Zuschauer bemerkt das alles kaum. Die Bilder überfordern, und sie verpuffen letztlich.

          Das Lied war beim zweiten Halbfinale des ESC kaum verklungen, da tauchte ein echter Nackter auf. Oder war auch er nur ein Hologramm? Nicht einmal das lässt sich mehr mit Gewissheit sagen. Allerdings war es ein netter Gag: Während Petra Mede im Vordergrund erklärte, dass nackte Personen und Wölfe auf der ESC-Bühne natürlich nicht erlaubt seien, tauchte hinter ihr schon ihr nackter Mitmoderator Måns Zelmerlöw auf, im Arm einen Plüschwolf, den er so hielt, dass der Zuschauer nicht allzu viel zu sehen bekam.

          „Man versus Machine“ - dem Wahnsinn nahe bis jemand den Stecker zieht.
          „Man versus Machine“ - dem Wahnsinn nahe bis jemand den Stecker zieht. : Bild: dpa

          Zelmerlöw, Vorjahresgewinner, hatte 2015 auch schon auf der Bühne experimentiert. Doch sein Strichmännchen war charmant, poetisch, es verzauberte das Publikum, in diesem Jahr grenzen die technischen Spielereien eher an Wahnsinn. Dazu passte der Pausenfüller Man vs. Machine mit einer Choreographie von Fredrik „Benke“ Rydman und Jennie Widegren. Drei Industrieroboter tanzen mit drei Menschen um die Wette, am Ende gerät die Herausforderung außer Kontrolle und einer der Tänzer zieht den Stecker.

          Kniebeugen schützen nicht vor dem Aus

          Doch zurück zum eigentlichen Wettbewerb: Das zweite Halbfinale begann mit einer starken Nummer aus Lettland. Justs, der mit Nachnamen Sirmais heißt und gerade 21 geworden ist, mimte den Achtziger-Jahre-Rocker mit zerrissenen Jeans und Schulterpolstern in der Lederjacke. Sein „Heartbeat“ aber ist erfrischend modern, der Lette gesanglich sicher, und vor allem geht er vollends in seiner rhythmischen Popnummer auf.

          Lustigerweise schaffte es Donny Montell aus dem ebenfalls kleinen Nachbarland Litauen mit der ähnlichen Masche ins Finale. Auch er ein smarter Achtziger-Jahre-Typ, allerdings Marke Popper, ein Posterboy mit erstaunlichen Bizeps, die er am Ende von „I’ve Been Waiting For This Night“ natürlich auch noch zeigt, indem er seine weiße Jeansjacke auszieht.

          Kniebeugen und blaue Haare reichen für die Meerjungfrau aus der Alpenrepublik nicht: Rykka schafft es nicht ins Finale.
          Kniebeugen und blaue Haare reichen für die Meerjungfrau aus der Alpenrepublik nicht: Rykka schafft es nicht ins Finale. : Bild: dpa

          Die ebenfalls kleine Schweiz hingegen musste einfach scheitern. Die vielen Kniebeugen, die Rykka mit dem blauen Haar auf der Bühne absolvierte, halfen ihr nicht weiter. Barfuß hüpfte die Meerjungfrau aus den Alpen herum, doch ihr Lied „The Last Of Our Kind“ war zu wohlmeinend. Dabei hatte die Schweizer Zeitung „Blick“ zuvor noch geschrieben, Europa sei Feuer und Flamme für die 30 Jahre alte, gebürtige Kanadierin. Von wegen: Von den Rauchschwaden, die bei den Proben noch von ihrem Rücken über den Nacken und am Kopf empor quollen und sie in einen „mystischen Nebel“ hüllten, war kaum etwas zu sehen. Ob die Nebelmaschine über dem Po versagte? Es sah jedenfalls nicht „Hammer“ aus, weil auch kein Rauch unter ihrem flatternden Rock hervorwaberte, wie sie es sich gewünscht hatte.

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