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Tagebuch aus Malmö (1) : Kleiner und mit mehr Begeisterung

„We are one“: Mit diesem Motto empfängt Malmö in diesem Jahr seine Gäste. Bild: Norbert Franchini

Schon einmal hat Malmö einen „Eurovision Song Contest“ ausgerichtet - und der ging im Jahr 1992 als trostlose Veranstaltung in die Fernsehgeschichte ein. Dass das diesmal nicht so sein wird, zeigt sich schon bei der Ankunft in der schwedischen Industriestadt.

          Der „Eurovision Song Contest“ (ESC) in Malmö beginnt für die meisten seiner internationalen Besucher in Kopenhagen - und damit fast noch auf dem europäischen Festland. Drei Schwedinnen erwarten jeden Anreisenden freudestrahlend in Dänemark, um nichts weiter zu tun, als den schnellsten Weg ins nahe Grenzgebiet zu weisen. Vom Flughafen Kopenhagen-Kastrup sind es mit der Bahn nur zwölf Minuten bis zur diesjährigen ESC-Arena im schwedischen Malmö, bis zur Innenstadt fünf Minuten mehr.

          Peter-Philipp Schmitt

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Erst seit 2000, dem Jahr, als zwei ältere dänische Brüder – die Olsen Brothers – den Grand Prix mit ihrem selbst geschriebenen Lied „Fly On The Wings OF Love“ gewannen (und nicht etwa Stefan Raab mit „Wadde hadde dudde da?“), gibt es den direkten Brückenschlag vom Rest Europas nach Skandinavien. Die Öresundbrücke, je nach Rechnung fast acht oder knapp 16 Kilometer lang, verbindet, was seit der Eiszeit vor rund 8000 Jahren durch ein Meer getrennt war. Und sie beschert dem südlichen Zipfel Schwedens einen ungeahnten wirtschaftlichen Boom, von dem sich nun alle ESC-Gäste überzeugen sollen.

          Kaum einer rechnete nach Loreens Sieg im vergangenen Jahr mit Malmö als Austragungsort. Dabei hatte die drittgrößte Stadt Schwedens vor 21 Jahren schon einmal einen ESC beherbergt. In Ländern, die alle paar Jahre den Grand Prix gewinnen (Schweden siegte seit 1974 insgesamt fünf Mal), will man nicht immer nur in der Hauptstadt feiern. Damals, 1992, war Malmö ein in die Jahre gekommener Industriestandort, den man vom Festland aus recht unbequem nur per Fähre erreichen konnte. Die Stadt schien von ihrer Gastgeberrolle selbst überrascht, die ESC-Verantwortlichen nicht wirklich willens, den Gästen ein besonderes Vergnügen zu bereiten.

          Stadtansicht mit dem Wohn- und Büroturm „Turning Torso" von Santiago Calatrava

          So ging der 37. ESC im Issstadion („Eisstadion“) als eher trostlose Veranstaltung in die Grand-Prix-Geschichte ein. Einer ihrer Experten, Jan Feddersen, beim Sieg der Irin Linda Martin („Why Me?“) 1992 in Malmö dabei, bezeichnet die Stadt rückblickend faktisch nur als „eine geographische Gelegenheit unter anderen, um ein TV-Ereignis möglichst reibungsfrei über die Bühne zu bringen“. Malmö sei hässlich gewesen, am Rande der Deindustrialisierung.

          Davon kann heute keine Rede mehr sein, auch wenn sich hässliche Stellen in Malmö natürlich finden lassen. Doch der Kern der Metropole (und das ist Malmö heutzutage durchaus) ist sehenswert: Bestens restaurierte, mittelalterliche Bürgerhäuser stehen neben prachtvollen Gründerzeitgebäuden, das Renaissance-Schloss, vom Dänenkönig Erich von Pommern vor bald 600 Jahren angelegt, wird von einem großen Park umgeben. Im Norden am Meer ist in wenigen Jahren ein neues Stadtviertel entstanden: Der ehemalige Westhafen, Västra Hammen, wird seit 2005 stolz von Malmös neuem Wahrzeichen, einem 190 Meter hohen, in sich gedrehten Büro- und Wohnturm („Turning Torso“) überragt.

          Die einstige Arbeitslosenhochburg Malmö ist eine Stadt junger Kreativer geworden, auch dank der erst 1998 gegründeten Universität mit ihren mittlerweile 24.000 Studenten. Fast die Hälfte der Einwohner Malmös ist unter 35 Jahre alt. Dass in der Stadt mit ihren knapp 300.000 Einwohnern auch ohne ESC mehr als 175 Nationalitäten leben, ist nicht zu übersehen. Die meisten Einwanderer stammen aus dem direkten Nachbarland Dänemark, an zweiter Stelle aber steht schon der Irak. Insofern ist das diesjährige Motto des ESC „We are one“ mehr als nur ein hoffnungsvoller Slogan: Rassismus ist in Malmö durchaus an der Tagesordnung. Als Symbol dient dem ESC ein in allen Farben schillernder Schmetterling, der ja bekanntlich mit einem Flügelschlag einen Hurrikan auslösen kann.

          Der 58. „Eurovision Song Contest“ findet zwar auch in Malmö statt, weil in Stockholms größter Veranstaltungshalle zur selben Zeit die Eishockey-Weltmeisterschaft der Herren und in Göteborgs Scandinavium ein Weltcup im Springreiten stattfinden. Doch die kleinste der drei Metropolen hatte sich darüber hinaus mit dem überzeugendsten Gesamtkonzept um die Austragung beworben. Dazu gehörte unter anderem die kleinste Halle, die letztlich den Ausschlag gegeben haben soll. Denn der ESC der vergangenen Jahre mit seinen immer größeren Arenen und aus dem Ruder laufenden Kosten sei untragbar geworden, heißt es von Seiten des ausrichtenden Senders SVT (Sveriges Television). Er passt nicht mehr in eine Zeit, in der eine alte Grand-Prix-Nation wie Portugal nicht mehr teilnehmen kann, weil dem Land schlicht das Geld fehlt.

          Unbezahlbar ist das Fernsehereignis ESC für einen großen Teil der beteiligten Länder geworden. Höhepunkt der Gigantomanie war der Wettbewerb im vergangenen Jahr in Aserbaidschan mit Gesamtkosten von mehr als einer halben Milliarde Euro, wenn man alle Bauprojekte in Baku berücksichtigt. Unter anderem hatte Staatspräsident Ilham Alijew, allerdings auch mit Blick auf die Bewerbung um Olympische Spiele in ferner Zukunft, eine Arena für angeblich 160 Millionen Euro eigens für den ESC bauen und vor allem fertig stellen lassen.

          SVT und Malmö wollten es kleiner und sparsamer – und das demonstrativ sogar auf der Bühne: Beim Finale am 18. Mai wird es mit der schwedischen Komikerin Petra Mede nur eine Moderatorin geben und nicht wie etwa noch in Düsseldorf 2011 mit Anke Engelke, Stefan Raab und Judith Rakers gleich drei gut bezahlte Moderatoren. Dass bei allen Kürzungen die Begeisterung am Ende nicht zu kurz kommen muss, auch das will Schweden in diesem Jahr mit dem Grand Prix in Malmö beweisen.

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