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Tagebuch aus Kopenhagen (1) : Singen am Rande der Stadt

Gut gelaunt: die Band Elaiza bei der Eröffnungsfeier des diesjährigen ESC Bild: dpa

Nun ist der diesjährige Eurovision Song Contest auch offiziell eröffnet. Die Teilnehmer tummeln sich schon seit einer Woche in Kopenhagen, um in der alten Werfthalle zu proben. Der Austragungsort ist charmant - aber doch recht abgelegen.

          Die Spiele sind eröffnet. Seit Sonntagabend, als die große Digitaluhr vor dem Kopenhagener Rådhus Punkt 18 Uhr auf null sprang und damit der erste Countdown des diesjährigen „Eurovision Song Contest“ (ESC) beendet war, werden nun die Tage, Stunden, Minuten und Sekunden bis zum Finale am 10. Mai um 21 Uhr gezählt. Zur großen offiziellen Eröffnung schritten alle 37 Teilnehmer mitsamt ihren Delegationen über den Roten Teppich zum Empfang bei Oberbürgermeister Frank Jensen. Dazu sangen die Olsen Brothers, die im Jahr 2000 in Stockholm den ESC mit „Fly On The Wings Of Love“ gewonnen und den Grand Prix damit nach 1964 schon zum zweiten Mal nach Kopenhagen geholt hatten.

          Peter-Philipp Schmitt

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Für die Delegationen war der Abend im Rathaus eine willkommene Abwechslung. Denn die meisten von ihnen sind schon seit gut einer Woche in Kopenhagen. Die Proben für das Musikspektakel begannen am vergangenen Montag. Denn jeder der 37 Teilnehmer darf einmal für eine halbe Stunde und dann noch ein zweites Mal für 20 Minuten in der großen ESC-Halle an seinem Auftritt feilen. Das dauert alleine schon Tage, hinzu kommen in dieser Woche dann auch noch etliche Generalproben.

          Der Erste, der die große Grand-Prix-Bühne betreten durfte, war Aram MP3, der Armenien mit „Not Alone“ vertritt und bei den Wettbüros derzeit als Favorit auf den Sieg geführt wird, gefolgt von Schweden, Norwegen und Dänemark. Doch viel hat das nicht zu sagen, denn auch der Armenier muss sich erst einmal im Halbfinale bewähren, bevor er überhaupt fürs Finale planen darf. Am Dienstagabend tritt Aram MP3 als Erster im ersten Halbfinale an.

          Auch ein Favorit muss sich erst im Halbfinale beweisen: Aram MP3 aus Armenien

          Zum dritten Mal ist die dänische Hauptstadt ESC-Gastgeber. Kopenhagen ist unzweifelhaft eine schöne Stadt, und eine erstaunlich dreckige. Selbst in diesen Tagen sind die Straßen und Bürgersteige vermüllt, mit Zigarettenkippen wie gepflastert. Schon im vergangenen Jahr fiel den ESC-Touristen der Unterschied zwischen dem sehr sauberen Malmö, damals Gastgeber des Grand Prix, und dem nur knapp 45 Kilometer entfernten und darum von vielen schnell mal eben besuchten Kopenhagen auf.

          Der Dreck erscheint besonders merkwürdig, weil sich Kopenhagen als „Europas grüne Hauptstadt 2014“ bezeichnen darf. Grün ist Kopenhagen unzweifelhaft, überall blühen gerade Tulpen, Kastanien und Obstbäume, und das nicht nur in den herrlichen Parks mit ihren einstmals königlichen Residenzen. Kopenhagen ist auch sehr umweltbewussst: Mehr als die Hälfte der Einwohner fährt täglich mit dem Fahrrad zur Schule oder Arbeit. Für sie gibt es regelrechte Fahrradautobahnen in der ganzen Stadt. Auch der öffentliche Nahverkehr ist hervorragend, dummerweise befindet sich aber der diesjährige Grand-Prix-Austragungsort in einem Teil des Hafens, der weit ab von jeder Bus- oder Metro-Haltestelle ist.

          Dabei ist die Idee charmant: Eine alte Werfthalle wurde für den ESC hergerichtet und dient nun als Arena für 10.000 Zuschauer (vor 13 Jahren im Parken-Stadium waren es 38.000, das ist bis heute Grand-Prix-Rekord). Das fast 50 Meter hohe Gebäude ragt auf dem eigens zur Eurovision-Insel erklärten Hafengelände mit Namen Refshaleøen heraus. Gebaut wurde das Beton-Monstrum 1960 für Burmeister & Wain (B & W), zeitweise arbeiteten hier 10.000 Menschen. Doch 1996 konnte auch der dänische Staat die Werft nicht mehr retten. Es war das Ende eines der größten Schiffsbauer der Welt, Tausende wurden arbeitslos. Zeitweise wurde die B & W Hallerne danach als Golf-Halle genutzt, und auch Kulturveranstaltungen fanden immer mal wieder in ihr statt.

          Ganz schön weit draußen: der ESC wird in einer ehemaligen Werfthalle ausgetragen

          An der Front der Halle prangt nun ein riesiges Banner mit dem diesjährigen Motto: „Join us“. In dem Slogan sehen die Veranstalter einen Willkommensgruß an die Menschen, die eigens nach Dänemark reisen, um dort Teil der Veranstaltung zu werden. Den Besuchern soll es ermöglicht werden, möglichst nahe bei ihrem Kandidaten zu sein. Das aber ist – noch – nicht so einfach. Wer auf die Eurovision-Insel will, hat mehrere Möglichkeiten. In Kopenhagen bietet sich natürlich das Fahrrad an. Man fährt von der Innenstadt über die Knippelsbro nach Christianshavn (der Stadtteil ist besonders durch seine autonome Kommune Christiania bekannt), dann weiter nach Norden, bis man schließlich nach etwa vier, fünf Kilometern Refshaleøen erreicht.

          Mit dem Bus kann man auch bis zum Operahuset auf der Insel Holmen nördlich von Christianshavn fahren, von dort sind es zu Fuß dann noch zwei Kilometer bis zur Halle. Zwei weitere Busse, die aber nur einmal in der Stunde fahren, halten schon in Sichtweite der Halle. Und auch wer einen Wasserbus nimmt, legt unweit an. So oder so sind es dann trotzdem noch einmal gut zwei Kilometer zu Fuß um das großräumig abgesperrte Gelände herum bis zum Hintereingang, durch den zum Beispiel die Künstler, aber auch die Presse gehen muss, schon um sich akkreditieren zu lassen. Immerhin während den beiden Halbfinals und natürlich beim Finale werden nicht nur mehr Busse eingesetzt, sie halten dann auch fast direkt an der Halle.

          Elaiza musste ebenfalls am Sonntag durch den Hintereingang zur ersten Probe gehen. Allerdings haben sich die drei – Sängerin Ela sowie ihre Musikerinnen Natalie mit dem Kontrabass und die Akkordeonistin Yvonne – schon an lange Anreisen gewöhnt. Die Band aus Berlin, die für Deutschland im Finale ihr „Is It Right“ singen wird, ist mit dem Bus nach Kopenhagen gereist. Neun Stunden waren die drei Frauen unterwegs, nur damit ihre Instrumente sicher und rechtzeitig nach Kopenhagen kommen. Über ihre Erlebnisse im Bus haben Ela, Natalie und Yvonne getwittert: #ElaizagoesESC. Und auch über die nächsten fünf Tage berichten sie auf Twitter: @ElaizaBand.

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