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Tagebuch aus Baku (4) : Fado und Euphoria

Anfangs tritt der Litauer Donny Montell mit einer Augenbinde auf, die er sich dann, weil Liebe offenbar doch nicht so blind macht, theatralisch vom Kopf reißt - lächerlich Bild: dpa

Es war ein merkwürdiges zweites ESC-Halbfinale in Baku: Die Abneigung gegen Weißrussland ist offenbar groß. Der Stefan Raab des Balkans hat auch im Finale gute Chancen. Und die litauische Inszenierung wirkt einfach nur lächerlich.

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          Ein Hoch auf Portugal: Fast fünfzig Jahre dabei und das Land gibt einfach nicht auf. Immer und immer wieder eine traurige Ballade, die von Sehnsucht handelt und für die die Portugiesen nun einmal berühmt sind. Ihr Fado hat ihnen den Ruf eingebracht, besonders melancholisch zu sein. Ein sechster Platz 1996 war bislang das beste Ergebnis. Lúcia Moniz’ „O meu coração não tem cor“ war allerdings auch kein Fado, sondern ein eher fröhliches Stück.

          Peter-Philipp Schmitt

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          2011 versuchte sich das von der Wirtschaftskrise gebeutelte Land ausnahmsweise mit der kampfeslustigen Spaßnummer „Luta É Alegria“ (Kampf ist Freude) von der Gruppe Homens da Luta (Männer des Kampfes) – und schied schon im Halbfinale aus. In Baku musste es also wieder ein Fado sein, und Filipa Sousas „Vida Minha“ (Mein Leben) war genau der richtige dafür. So schön, so traurig – und wieder nicht im Finale.

          Es war ein erstaunlicher Freitagmorgen und ein merkwürdiges zweites Halbfinale des „Eurovision Song Contest“ (ESC) in Baku: Georgien, seit 2007 dabei, schaffte es erstmals nicht ins Finale, allerdings hatte das Land 2009 in Moskau nicht an den Start gehen wollen, nachdem es sein offensichtlich gegen Wladimir Putin gerichtetes „We Don’t Wanna Put In“ nicht singen durfte.

          Weißrussland, seit 2004 dabei, scheiterte nun schon zum zweiten Mal in Folge und zum siebten Mal insgesamt in einer Vorrunde, was eigentlich verwundern muss, wenn man weiß, wie viel Geld das Land in seine Auftritte investiert, um nur irgendwann einmal den ESC nach Minsk und ins Reich des Diktators Alexandr Lukaschenka zu holen. Offenbar ist die Abneigung gegen den weithin Geächteten aber doch groß genug, um das Allerschlimmste zu verhindern.

          Das Moderatoren-Trio Nargiz Berk-Petersen, Eldar Qasimov und Leyla Alijewa (von links) Bilderstrecke
          Das Moderatoren-Trio Nargiz Berk-Petersen, Eldar Qasimov und Leyla Alijewa (von links) :

          Dafür erreichte das kleine Malta die Endrunde am Samstag, und darauf hatten nicht einmal die angereisten Fans des Inselstaats zu hoffen gewagt. Dabei lädt Kurt Callejas rockiger Popsong „This Is The Night“ zum Mitmachen ein, auch wenn den lustigen Fersen-Zehen-Tanz, den er auf der Bühne im Zickzack mal alleine, mal mit seinem Background hinlegt, spontan kaum jemand nachmachen kann.

          Auch die kleine litauische Delegation konnte ihr Glück kaum fassen. Warum Donny Montell mit „Love Is Blind“ weiterkam, ist allerdings auch nicht zu fassen. Der schmächtige Kerl kann zwar singen, aber seine Inszenierung wirkt einfach lächerlich: Anfangs tritt er mit einer Augenbinde auf, die er sich dann, weil Liebe offenbar doch nicht so blind macht, theatralisch vom Kopf reißt. Das ist kaum mitanzusehen.

          Balkan-Balladen zäh wie Gummi

          Ansonsten war es ein Abend der Balkan-Balladen, die sich im Mittelteil zäh wie Gummi aneinanderreihten. Dass Serbien, Mazedonien, Slowenien, Kroatien und Bosnien-Hercegovina zusammen in einem Halbfinale waren, dazu auch noch Bulgarien, konnte doch hoffentlich nur ein Zufall sein.

          Immerhin hatte die Europäische Rundfunkunion (EBU) doch schon vor einigen Jahren die Regel eingeführt, dass alle Länder anhand ihrer bisherigen Stimmvergabe auf sechs Töpfe verteilt werden. Erst dann werden die Teilnehmer nach einem Schlüssel aus diesen Töpfen einem der beiden Halbfinale zugelost.

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