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Tagebuch aus Baku (3) : Potjomkin lässt grüßen

Zu Hunderten wurden neue Taxis angeschafft. Ein großes Hinweisschild im Auto weist zumindest daraufhin, dass man den Fahrer bitte daran erinnern soll, den Taxameter einzuschalten. Bild: Peter-Philipp Schmitt

Baku rüstet sich für seine Gäste aus Europa und der Welt mit mäßigem Erfolg. Dabei sollte zum „Song Contest“ alles perfekt sein – doch schon die Taxifahrt bereitet Probleme.

          Eine Taxifahrt in Baku ist ein schwieriges Unterfangen. Taxis gibt es genug, doch auf einen Fahrer zu treffen, der annähernd versteht, wo man hin will, ist fast ein Ding der Unmöglichkeit. Die den Fahrern offenbar völlig unbekannten Stadtpläne taugen als Wegbeschreibungen genausowenig wie die Visitenkarte eines Hotels oder die in diesen Tagen in Aserbaidschans Hauptstadt doch eigentlich nur zu gängigen Begriffe „Crystal Hall“, „Euroclub“ oder „Hilton Hotel“. In der neu errichteten, 25 Stockwerke hohen Fünf-Sterne-Bleibe wohnen zwar die meisten Künstler mit ihren Delegationen, kaum einer der Taxifahrer kennt aber den Weg dorthin und zu den anderen wichtigen Adressen des „Eurovision Song Contest“ (ESC) auch nicht.

          Peter-Philipp Schmitt

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Ein Mangel an Mitfahrgelegenheiten herrscht nicht. Sobald man auf die Straße tritt und als Ausländer erkannt wird, halten schon die ersten Autos am Bordstein. Dann hat man die Wahl: Man kann in einen Wagen steigen, mit dem sich jemand nebenher privat ein paar Manat hinzu verdienen will. Meist entspannen sich lustige Gespräche, auch weil der Fahrer tatsächlich ein paar Brocken oder sogar richtig gut Englisch versteht und spricht. Oder man entscheidet sich doch lieber für ein Auto mit Taxischild auf dem Dach. Im Angebot sind alte und wenig vertrauenswürdige Rostbeulen, mit ihren Besitzern kann man meist faire Preise aushandeln, bis hin zu Luxuskarossen, deren Fahrer einen im Zweifel für viel zu viele Manat transportieren wollen, was man nur umgehen kann, wenn man sich vorher auf eine Summe einigen konnte.

          Einen nachprüfbaren und von offizieller Seite vorgegebenen Preis bekommt man nur, wenn man in eines der eigens für den ESC zu Hunderten angeschafften Taxis steigt, die ihren Londoner Vorbildern sehr ähnlich sehen. Allerdings sind die Austins in Baku nicht Schwarz, sondern Dunkelviolett. Und sie tragen natürlich allesamt an den Seiten das ESC-Logo mit dem züngelnden Feuerball, dazu das Motto von Baku „Light your fire!“. Bei einem Manat (ein Euro) geht die Fahrt los, ein großes Hinweisschild im Auto weist daraufhin, dass man den Fahrer bitte daran erinnern soll, den Taxameter einzuschalten. Angeblich kann der Fahrgast sogar mit Kredit- und EC-Karte zahlen, was aber bisher den wenigsten in Baku gelungen ist. Zudem ist Rauchen im Auto verboten, auch das eine Besonderheit dieser Taxis.

          Mit etwas Glück halten die Busse der Baku City Tour einfach da, wo man hin will.

          Fast jeder ESC-Gast wird sich wohl früher oder später für die letzte Variante entscheiden, und künftige Baku-Touristen werden sich vermutlich kaum anders verhalten. Und das scheint - bis auf die Sprachprobleme - auch eine gute Lösung zu sein, außer man kennt die Geschichte von Saxib Ahmedow. Der war als junger Mann gegen Armenien in den Krieg gezogen, später musste der Soldat mit seiner Familie, wie Hunderttausende andere aserbaidschanische Flüchtlinge auch, seine Heimat, die Exklave Nagornyj Karabach, verlassen. In Baku verlor er vor wenigen Monaten dann nicht nur seine Wohnung, weil das Haus einfach abgerissen wurde. Er hat auch keinen Job mehr, weil zur Verschönerungsaktion der Stadt eben auch die neuen Taxis gehören. Fahrer wie Ahmedow, die sich ein altes Auto auf Kredit gekauft hatten, dürfen mit bestimmten Marken, die vor 2006 gebaut wurden, nicht mehr Personen gegen Geld befördern. So blieben viele der alten Fahrer einfach auf der Strecke.

          Aserbaidschaner sind stolze Menschen. Und sie sind überaus gastfreundlich. Für den ESC sollte alles perfekt sein. Und ist Baku nicht unglaublich schön, sauber und modern geworden? Es ärgert sie, dass sie nach all ihre Anstrengugnen nun von einigen europäischen Ländern und ganz besonders von Deutschland massiv kritisiert werden, nur weil sie bei „ihrem zivilgesellschaftlichen Transformationsprozess“ hier und da einige Menschenrechte vielleicht noch nicht so beachten können, wie es wünschenswert wäre. Doch von dieser politischen Debatte bekommen die meisten Aserbaidschaner selbst in der Hauptstadt sowieso nichts mit. Die Mehrheit der Bevölkerung kennt nur die Wahrheiten der regierungsnahen Medien. Unzulänglichkeiten werden verschwiegen oder verschwinden hinter dicken Mauern.

          Aserbaidschan verfolgt geradezu eine Fassadenpolitik. Hinter einer dekorativen Außenhülle lässt sich ja vieles verstecken: Plattenbauten aus sowjetischer Zeit zum Beispiel, illegale Müllkippen, ölverseuchte Grundstücke. Auch die Gucci-, Prada- und Wie-sie-alle-heißen-Geschäfte an der neuen Uferpromenade sind offenbar vor allem Fassade. An ihren Türen steht zwar „Aciqdir“ – geöffnet –, und hinter der Fassade warten sogar teure Waren und elegant gekleidete Verkäufer, doch Kunden sieht man im Inneren eigentlich nie.

          Boulevard in Baku: vor der Bühne des Euro-Village am Morgen.

          Der Boulevard am Kaspischen Meer mit den Luxusgeschäften ist Bakus Nationalpark Nummer eins. Kilometerlang kann man an ihm entlang spazieren gehen, vorbei am Hilton Hotel, dem Euroclub bis hin zur Kristallhalle am äußersten Zipfel der Stadt. Tag und Nacht ist er mit Leben erfüllt. Kleine Karussells und Riesenräder locken Familien mit Kindern, im sogenannten Euro-Village mit großer Konzertbühne und Bierständen drängen sich schon nachmittags die Jugendlichen, im Schatten der Bäume spielen Rentner Schach oder Backgammon. Durch den Boulevard fährt auch eine kleine Bimmelbahn, und man findet hier auch Carts, wie man sie von einem Golfplatz kennt. Für zwei Manat (knapp zwei Euro) kann man mit ihnen eine Stadtrundfahrt antreten. Auch das eine Errungenschaft im Land des Erdöls: Die Golfmobile haben einen Elektromotor.

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