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Tagebuch aus Baku (2) : Öl als Symbol und Souvenir

Es funkelt und leuchtet: Die Kristallhalle in Baku Bild: dapd

Wer ist Mehriban Alijewa? Die Frau des aserbaidschanischen Präsidenten. Und Chefin des ESC-Organisationskomitees. Viel zu sehen war von ihr bislang nicht - bis die Programmhefte für den Song Contest verteilt wurden.

          Es gibt sie also wirklich. Die Frau, die kurz nach dem Sieg von Ell & Nikki in Düsseldorf offiziell zur Chefin des Organisationskomitees ernannt wurde und damit den Auftrag hatte, den nächsten „Eurovision Song Contest“ (ESC) in Baku vorzubereiten. Seither war von Mehriban Alijewa wenig zu sehen und zu hören, was vielleicht auch daran liegt, dass über sie außerhalb Aserbaidschans sowieso schon viel Negatives zu lesen ist und sie deshalb nicht auch noch Teil der Berichterstattung werden wollte, die zum Beispiel von Menschen handelte, die aus ihren Häusern vertrieben wurden, weil sie anlässlich des ESC Platz für neue Straßen und Gebäude zu machen hatten.

          Peter-Philipp Schmitt

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Dabei ist die Frau des Staatspräsidenten Ilham Alijew auf dem Papier eine fleißige First Lady: Sie ist Parlamentsabgeordnete der Regierungspartei ihres Manns, „Neues Aserbaidschan“, Unesco-Botschafterin und vor allem Gründerin und Vorsitzende der Heydar-Alijew-Stiftung. Die Stiftung, die nach ihrem 2003 verstorbenen Schwiegervater benannt ist, soll unter anderem den Pariser Louvre, aber auch den Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses mit 50.000 Euro unterstützt haben.

          Durch Wikileaks wissen wir zudem, dass amerikanische Diplomaten sie für oberflächlich halten und für politisch nicht besonders informiert, dass sie ihre Stiftung vor allem nutzt, um Bilder von sich als wohltätige Landesmutter zu produzieren (etwa beim Eröffnen von Schulen und Kulturzentren), und dass sie eine Anhängerin von Botox und Schönheitsoperationen ist. Dass sie darüber hinaus teure Luxusartikel zu schätzen weiß, kann jeder leicht selbst ausmachen.

          Zweite Reihe: Mehriban Alijewa (2.v.l.) 2010 beim Staatsbesuch in Georgien

          Bei den ESC-Vorbereitungen aber trat sie bislang nicht in Erscheinung, weder offiziell noch – angeblich – hinter den Kulissen. Der aserbaidschanische Fernsehsender Ictimai TV, Ausrichter des Wettbewerbs in Baku, bestätigte in den vergangenen Monaten immer wieder, dass man unabhängig und selbstverantwortlich mit der „Europäischen Rundfunkunion“ (EBU) zusammenarbeite. Doch selbstverständlich war die Berufung von Mehriban Alijewa durch ihren Mann keine Zeitungsente. Die beiden wollten natürlich gemeinsam von der wichtigsten Veranstaltung profitieren, die das junge Aserbaidschan bislang ausrichten durfte (derzeit bewirbt sich der Staat am Kaspischen Meer, der gut doppelt so groß ist wie die Schweiz, um die Ausrichtung der Olympischen Spiele im Jahr 2020).

          Die Musik vereint

          Und profitieren wollten sie nicht nur über ihre Beteiligungen an der Firma Azenco, die für den Bau der neuen Kristallhalle, in der am Samstag das Finale des ESC stattfindet, mitverantwortlich ist. Und so zeigt sich Mehriban Alijewa jetzt ihren ESC-Gästen – an erster Stelle im offiziellen Programm für die akkreditierten Besucher des Landes. Darin grüßt sie von Herzen alle Angereisten und schreibt mit Blick auf den „Song Contest“ von einem Meilenstein in der Geschichte des Landes.

          Dann geht sie auf die Toleranz ein, den breiten Dialog zwischen Kulturen und Zivilisationen, wie er in Aserbaidschan schon immer gelebt wurde, dort, wo verschiedene ethnische Gruppen und Konfessionen seit langem friedlich nebeneinander lebten. Der ESC werde Besucher ins Land bringen, mit unterschiedlichen religiösen und politischen Ansichten, die durch die Musik vereint werden. Und das schafft die Musik tatsächlich. In Baku sind derzeit Tausende Ausländer in den Straßen unterwegs, unter ihnen viele Lesben und Schwule, die sich im Vergleich zum ESC in Moskau vor drei Jahren in der Hauptstadt Aserbaidschans vergleichsweise sicher fühlen können.

          Das Ölkristall aus der roten Tasche

          Dabei ist Aserbaidschan ein - wenn auch stark säkularisiertes - muslimisches Land. Übergriffe gibt es zwar, und das schon seit Monaten immer wieder auf Oppositionelle und Kritiker im eigenen Land, doch wer sich nicht öffentlich und massiv gegen das Regime stellt, kann friedliche Tage in Baku erleben. Zugleich sind Alijews Gegner nicht untätig: Sie laden sogar ganz offiziell zu Pressekonferenzen und Versammlungen ein. Auch in dieser Hinsicht scheint sich etwas zu bewegen, und der ESC hilft der Opposition dabei.

          Doch zurück zum offiziellen Programmheft, das in einer hübschen roten Tasche überreicht wird. Auch Jon Ola Sand, der bei der Europäischen Rundfunkunion für den ESC zuständige Mann, kommt zu Wort – und hält sich wie stets öffentlich aus allem Politischen im Zusammenhang mit dem ESC heraus. Allerdings glaubt er, dass der Wettbewerb eine Gelegenheit für den Rest von Europa ist, Aserbaidschan, seine Kultur, seine Bevölkerung und ihre Gastfreundschaft kennen zu lernen. Womit er Recht behalten dürfte. In der roten Tasche gibt es auch allerlei Informationen und Broschüren sowie einige Begrüßungsgeschenke: ein Polo-Shirt, eine Kappe und eine kleine Pappschachtel. Darin steckt ein kleiner Briefbeschwerer in Form eines Kristalls, in den ein schwarzer Öltropfen eingeschlossen ist.

          Eine nette Idee: Immerhin hat Aserbaidschan als erstes Land der Welt Öl aus der Erde geholt und raffiniert. So ist der Tropfen schwarzen Goldes Symbol eines Staates, der durch den Rohstoff reich geworden ist. Und er ist ein kleines Souvenir von einem der Hauptsponsoren des diesjährigen ESC, vom staatlichen Ölunternehmen Socar, bei dem Ilham Alijew vor knapp 20 Jahren seine Karriere begann.

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