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Tagebuch aus Baku (1) : Schach am Kaspischen Meer

Baku – so scheint es – wurde runderneuert. Bild: dpa

Aserbaidschan dürfte sich den teuersten „Song Contest“ aller Zeiten leisten. Peter-Philipp Schmitt berichtet im ESC-Tagebuch aus Baku von einer scheinbar runderneuerten Stadt.

          Welchen – auch politischen – Stellenwert der „Eurovision Song Contest“ (ESC) für ein Land hat, zeigt sich meist schon am Flughafen des jeweiligen Gastgebers (oder auch nicht). Das erste, was der Besucher dieser Tage am Heydar-Alijew-Flughafen in Baku zu Gesicht bekommt, sobald er aus dem Flugzeug steigt, ist das herzförmige ESC-Logo mit der aserbaidschanischen Flagge. Und es wird ihn fortan verfolgen: So hängt ein – bei Nacht leuchtendes – Herz an jeder einzelnen Straßenlaterne der Stadt, zumindest in den Teilen, die für die Touristen gedacht sind.

          Peter-Philipp Schmitt

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Im Terminal wird man dann von den Vorjahressiegern Ell & Nikki begrüßt, die für einen der Hauptsponsoren der Veranstaltung nicht nur hier von den Wänden herablächeln. Sie sind die Helden einer Generation vor allem junger Aserbaidschaner. Tausende von ihnen haben sich als Freiwillige verpflichten lassen, um sich bis zum Finale am 26. Mai um Zehntausende ausländische ESC-Gäste zu kümmern.

          Natürlich wird man also von einem Ali und einer Aida aufs Herzlichste noch vor der Visavergabe begrüßt, und die beiden mit ihren roten „Volunteer“-Karten um den Hals begleiten einen auch bis zum Gepäckband und weiter zu einem der ersten Informationsschalter des Wettbewerbs. Und natürlich steht vor dem Flughafen ein Suttle-Bus mit herzförmigem Logo bereit, der den Besucher für einen Manat (ziemlich genau ein Euro) ins etwa 30 Minuten entfernte Stadtzentrum bringt. Ein Taxi hätte mindestens 20 Manat gekostet.

          Aserbaidschan dürfte sich den teuersten „Song Contest“ aller Zeiten leisten. Doch das erdgas- und -ölreiche Land kann sich Luxus auch erlauben. Die Hauptstadt leuchtet, jede Fassade an den großen Prachtboulevards, jedes Hochhaus und selbst jede Brücke der Stadt wird bei Nacht von Millionen Lichtern angestrahlt. Baku – so scheint es – wurde runderneuert. Der Weg ins Zentrum führt über den Heydar-Alijew-Boulevard und am fast fertig gestellten Heydar-Alijew-Kulturzentrum der berühmten irakisch-britischen Architektin Zaha Hadid vorbei und endet am gigantischen Regierungsgebäude der Stadt, einem Bau aus sowjetischen Zeiten, das mehrere Ministerien beherbegt und ausnahmsweise nicht nach dem Staatsgründer von Aserbaidschan benannt ist. Ein großes Konterfei des 2003 gestorbenen Heydar Alijew befindet sich aber gleich neben dem Gebäude an einer Wand.

          Als regierungskritische Demonstranten Mitte Mai zu einer unangemeldeten Demonstration aus Bussen steigen, werden sie in Baku von Polizisten verprügelt.

          Alijews Sohn Ilham, Staatspräsident seit bald zehn Jahren, residiert in seinem eigenen „Weißen Haus“, der offiziell schlicht Präsidenten-Palast heißt, unweit der Altstadt. Der Alleinherrscher hat Millionen für den ESC ausgegeben lassen. Die nächsten Tage sollen seine Woche werden, ganz Europa und etliche Länder außerhalb des Kontinents bis hin nach Australien blicken auf ihn und sein Land. Bis zu 2000 Journalisten sollen angereist sein, vermutlich sind es aber weniger und nicht so viele wie in den vergangenen Jahren. Baku ist nicht Düsseldorf oder Oslo. Die Berichte, wie die Alijew-Regierung Oppositionelle und Regimekritiker unterdrückt, wie sie aber vor allem auch mit einfachen Bürgern im Vorfeld des ESC umgesprungen ist, nur weil sie für die zahllosen Neubauten nicht klaglos aus ihren Wohnungen weichen wollten, haben viele ESC-Touristen aus Westeuropa abgeschreckt.

          Dabei kann man sich in der Stadt durchaus wohlfülen, deren Bevölkerung sich überwiegend mit Begeisterung in das große ESC-Abenteuer stürzt. Vor allem nachts sind Tausende junger Aserbaidschaner auf den Straßen unterwegs. Mit Englisch kommt man zwar nicht weit, doch beginnen sie einfach jedes Gespräch mit „Baku“ und einem nach oben zeigenden Daumen. Der Stolz auf das Erreichte ist unverkennbar, verheißt er doch Anschluss an die moderne Welt, die entlang der Prachtboulevards in den Schaufenstern bereits Einzug gehalten hat: Gucci, Prada, Valentino, aber auch Philipp Plein, Glashütte und Raumplus profitieren vom neuen Reichtum des aufstrebendes Landes.

          In den Shuttle-Bussen zum ESC aber, in denen wie selbstverständlich noch geraucht wird, klingen orientalische Weisen aus den Radios. Anbiedern will man sich nicht, im Gegenteil. Noch am Flughafen bekommt der Besucher 57 Tipps an die Hand, was er anlässlich des 57. ESC unbedingt in Baku anstellen sollte: am Strand reiten zum Beispiel, einen Teppich knüpfen oder sich die Haare mit Henna Rot färben – was in Aserbaidschan allerdings kaum noch Sitte zu sein scheint. Der ganz besondere Tipp ist die Nummer 50: Mit einem Weltkriegsveteranen an den Ufern des Kaspischen Meers Schach spielen.
           

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