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Revolution in Portugal 1974 : Rote Nelken im Abba-Jahr

2014 jährte sich die Nelkenrevolution zum 40. Mal Bild: AP

Vor 44 Jahren begann die Weltkarriere des schwedischen Popquartettes Abba – und die Nelkenrevolution in Portugal, eingeläutet durch ein Lied beim Eurovision Song Contest.

          Abba ist wieder da. Das bleibt nicht unbemerkt in Lissabon, wo derzeit der Eurovision Song Contest (ESC) stattfindet. Vor 44 Jahren begann die Weltkarriere des schwedischen Pop-Quartetts mit „Waterloo“ im englischen Seebad Brighton, vor 36 Jahren trennte sich Abba. Gerade erst wurde bekannt, dass die vier im Studio zwei neue Lieder aufgenommen haben. Für die Portugiesen ist das Abba-Jahr 1974 aber aus einem ganz anderen Grund von Bedeutung. Denn am 6. April jenes Jahres wurde beim 19. ESC in Brighton auch ein Lied gesungen, das die Welt veränderte, zumindest für die Portugiesen.

          Peter-Philipp Schmitt

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          „E Depois do Adeus“ (zu Deutsch „Und nach dem Abschied“) ist ein völlig unpolitisches Lied. Paulo de Carvalho besingt darin das Ende einer Liebesbeziehung: „Und nach der Liebe/Und nachdem wir uns/Auf Wiedersehen sagten/Blieben wir allein zurück“, heißt es etwas lapidar im Refrain. Gerade weil das Lied aber so banal war und im damaligen Portugal auch unverdächtig, wurde es nur 18 Tage später zum Signal für eine geheime Militäroperation.

          Am 24. April nachts um 22.55 Uhr ertönte Paulo de Carvalhos Lied im Radio und gab damit den Startschuss für die Nelkenrevolution, die allerdings erst später ihren Namen bekam. Dass der Umsturz im Gange war, wurde 25 Minuten nach Mitternacht verbreitet – wieder durch ein Lied, den ganz und gar nicht unpolitischen Song „Grândola, Vila Morena“ („Grândola, braune Stadt“), den der antifaschistische Liedermacher José Afonso 1964 getextet und komponiert hatte. Die erste Strophe wurde im Rundfunk zunächst nur verlesen: „Grândola, braungebrannte Stadt, Heimat der Brüderlichkeit. Das Volk ist es, das am meisten bestimmt in Dir, o Stadt“. Danach wurde das Lied zweimal in voller Länge abgespielt, gesungen von José Afonso. Selbst Nichteingeweihten war nun klar, dass etwas Großes im Gange war. Afonsos Name durfte in der Presse nicht genannt werden, seine Platten auch mit dem Lied über Grândola, eine Stadt 100 Kilometer südlich von Lissabon, waren beschlagnahmt worden. Für die Anhänger des Movimento das Forças Armadas (MFA) hingegen war es das vereinbarte Zeichen, dass künftig das Volk bestimmen sollte. Der Aufstand gegen die salazaristische Diktatur hatte begonnen.

          Bis heute eine Hymne des Widerstands

          Die Nachricht breitete sich wie ein Lauffeuer aus. Als die Truppen des MFA am frühen Morgen durch die Avenida da Liberdade marschierten, um in der Hauptstadt strategisch wichtige Ministerien zu besetzen, säumten Tausende jubelnder Lisboetas die Straßen. Und da es die Zeit der Nelken war, die im April fast überall blühen, schmückten sie die Gewehre der Aufständischen damit. Wenige Stunden nach der Ausstrahlung des Liedes war Marcelo Caetano gestürzt. Caetano hatte 1968 als Vertrauter von António de Oliveira Salazar die Macht und die damals älteste Diktatur der Welt übernommen. Der Neue Staat, Estado Novo, auch Salazarismus genannt, hatte spätestens seit 1930 bestanden, die Erste Republik war aber schon 1926 durch einen Militärputsch gestürzt worden. Nun stürzten wieder vor allem Militärs das marode Regime. Schon im September 1973 hatten sich etwa 150 Offiziere in der Nähe der Stadt Évora geheim getroffen und die Bewegung der Streitkräfte, die MFA, gegründet. Mit ihrer „Nelkenrevolution“ begann der Übergang zur demokratischen Dritten Republik. Noch im selben Jahr wurde in Griechenland die autoritäre Regierung gestürzt, das Ende des Franquismus folgte wenig später in Spanien.

          Afonsos Kampflied ist bis heute eine Hymne des Widerstands, die auch am 15. Februar 2013 gesungen wurde, als der portugiesische Ministerpräsident Pedro Passos Coelho im Parlament die Sparpolitik seiner Regierung und der Troika vorstellte. Der Song gilt seither als Symbol gegen die Austeritätspolitik, unter der das Land zuletzt leiden musste. Zeca Afonso, wie er ehrfürchtig genannt wird, wurden im ganzen Land Denkmäler errichtet. Er starb 1987 mit 57 Jahren.

          Der knapp 20 Jahre jüngere Paulo de Carvalho lebt noch. Er war maßgeblich für die Begeisterung der Portugiesen für den ESC bis weit in die neunziger Jahre verantwortlich, die nun Salvador Sobral, der 2017 erstmals für Portugal gewann, neu entfacht hat. Dass Paulo de Carvalho 1974 mit nur drei Punkten in Brighton auf einem letzten Platz landete, tut seiner Beliebtheit keinen Abbruch.

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