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Tagebuch aus Wien (2) : Politischer Sang

Georgiens diesjährige Interpretin entfacht kein politisches Gewitter. 2009 war das Land wegen allzu streng interpretierter Zeilen nicht vertreten. Bild: dpa

Das Regelwerk für den ESC verbietet „Texte, Ansprachen und Gesten politischer Natur“ während des Wettbewerbs. Natürlich lässt das Politische sich aber nicht heraushalten. Es äußert sich offensichtlich, im Verborgenen oder erst viele Jahre später.

          Der schottisch-amerikanische Historiker und Deutschlandfreund Gordon Craig hat einmal eine Betrachtung über deutsche Schriftsteller von Goethe bis Thomas Mann angestellt, die zum Politischen neigten, auch wenn sie teils das Gegenteil vorgaben. Der Titel des Buches: „Die Politik der Unpolitischen“. Unter diesem Aspekt lässt sich nun auch der Eurovision Song Contest (ESC) betrachten.

          Stephan Löwenstein

          Politischer Korrespondent für Österreich und angrenzende Länder mit Sitz in Wien.

          In den offiziellen ESC-Regeln der Europäischen Rundfunkunion (European Broadcasting Union, EBU), der Veranstalterin der Eurovision und mithin des Gesangswettbewerbs, heißt es: „Texte, Ansprachen und Gesten politischer Natur sind während des Contests untersagt. Dies gilt ebenso für Texte oder eine Bühnenshow, die den Wettbewerb allgemein in Misskredit bringen könnten oder Werbung für Unternehmen, Produkte und Dienstleistungen machen.“ Das scheint klar und eindeutig: Politikfreie Zone. Natürlich ist es nicht so.

          Da ist zum Beispiel das Thema Israel. Dass das nahöstliche Land am ESC teilnehmen kann, ist an sich keine politische Entscheidung – nicht so wie beispielsweise im Fußball, wo Israel aus dem asiatischen Verband ausgeschieden und der UEFA beigetreten ist. Der ESC ist aber, anders als es manchmal heißt, kein „European Song Contest“. Das „E“ steht für „Eurovision“. Und daran dürfen aus Gründen, die nicht zuletzt mit technischen Sende-Reichweiten in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg zusammenhängen, insgesamt 70 Länder von Nordafrika bis Island, von Jordanien bis Portugal teilnehmen. Sie alle sind Mitgliedstaaten der EBU. (Dass Australien dieses Jahr mitsingen lässt, ist ein Sonderfall.)

          So viel zum vertraglichen Dürfen. Dass Israel aber tatsächlich seit 1973 teilnimmt, ist eine politische Entscheidung, die wiederum andere politische Entscheidungen nach sich gezogen hat. Kein anderes Land der Region, kein muslimisches Land des Nahen Ostens oder Nordafrikas also, nimmt am Song Contest teil. Ein einziges Mal hat Marokko einen Teilnehmer geschickt. Das war 1980. Danach ist es wieder ausgestiegen. Der Grund: Weil Israel teilnimmt. Genauer: Weil man als Teilnehmer dann auch die Lieder aller anderen Teilnehmer ausstrahlen müsste. Man darf also keine Werbepause einlegen, während der israelische Beitrag läuft, darauf dringt die EBU. Sonst wäre nämlich womöglich nicht nur Marokko, sondern noch das eine oder andere Land mit islamischer Prägung eingestiegen, so, wie es die Türkei bis vor drei Jahren auch noch tat.

          „Conchita Wurst ist in hohem Maß anstößig“

          Dass auch die Türkei nicht mehr mitmacht, hat wiederum nicht in erster Linie mit Israel zu tun, obwohl da inzwischen die Beziehungen auch im Argen liegen. Das Land, also sein staatlicher Rundfunkbetreiber, hat seinen Ausstieg vor drei Jahren offiziell mit gesunkenen Einschaltquoten begründet. Es dürften jedoch auch sittliche Bedenken eine maßgebliche Rolle gespielt haben. Nicht nur entwickelt sich das vom Islamisten Erdogan geführte Land in die eine Richtung, sondern auch der Song Contest in die andere. Das Sinnbild hierfür ist der Sieger des vergangenen Jahres, die bärtige Sängerin Conchita Wurst.

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