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Nach der ESC-Pleite : Deutschland, was nun?

Als die Tränen getrocknet waren, sagte Levina: Sie habe trotzdem viel Spaß gehabt und tolle neue Leute kennengelernt. Bild: dpa

Miese Einschaltquoten, sechs Punkte, vorletzter Platz: Deutschland steckt in der ESC-Krise. Wer könnte uns wieder zum Sieg führen? Wir hätten da eine Idee. Der Mann kennt sich auch gut mit Affen aus.

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          Vielleicht hätte der Norddeutsche Rundfunk (NDR) doch Xavier Naidoo zum „Eurovision Song Contest“ schicken sollen. Kleiner Scherz. Auf diese Idee war der Sender 2015 gekommen – und er kann bis heute dankbar sein, dass die öffentliche Empörung damals so groß war, dass Deutschland am Ende doch nicht von einem Mann repräsentiert wurde, der schon lange vorher davon sang, dass „Baron Totschild“ auf der Welt den Ton angebe. Sollte es jemals einen – positiv gemeinten – Titel „Shitstorm des Jahrzehnts“ geben, die Empörungswelle über die NDR-Entscheidung für den mit antisemitischen Andeutungen spielenden Sänger wäre ein guter Kandidat.

          Sebastian Eder

          Redakteur im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.

          Der  verzweifelte Versuch des NDR liegt eine Weile zurück, aber er steht auch jetzt wieder symbolisch für ein deutsches Dilemma: Wen sollen wir nur zum „Eurovision Song Contest“ schicken, um wenigstens mal wieder in den „Top Ten“ zu landen? Seit Lenas Sieg mit „Satellite“ vor sieben Jahren läuft es einfach nicht mehr: 2016 hatte Jamie-Lee für ihr Lied „Ghost“ nur elf Punkte bekommen und war Letzte geworden – ebenso wie im Jahr zuvor Ann Sophie, die mit „Black Smoke“ keinen einzigen Punkt geholt hatte.

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          Eine Welt der „Fast-Food-Musik“ ohne Inhalt

          Levina bekam für ihren Song „Perfect Life“ am Samstagabend magere sechs Punkte und konnte sich noch gerade so vor das letztplatzierte Spanien schieben, das fünf Punkte holte. Es sei trotzdem eine „wundervolle Erfahrung“ gewesen, sagte sie danach in der ARD. Sie habe so viel Spaß gehabt und tolle neue Leute kennengelernt. Spätestens in dem Moment wäre Homer Simpson in Tränen ausgebrochen und hätte gerufen: „Diese Verlierer-Sprüche!“ Und auch die Deutschen verlieren die Lust am Verlieren: 7,76 Millionen Zuschauer saßen am Samstagabend vor den Fernsehern, es war der schlechteste ESC-Wert seit 2009.

          Was also nun, Deutschland? Zuerst könnte man sich die Rede des diesjährigen Gewinners anschauen: Als der Portugiese Salvador Sobral die Siegestrophäe in der Hand hielt, sagte er, dass wir in einer Welt der „Fast-Food-Musik“ ohne Inhalt lebten. Es komme auf die Gefühle an, nicht aufs Feuerwerk. Seinen Triumph interpretiere er als Sieg von Musik mit Bedeutung.

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          Bei dem Punkt „kein Feuerwerk“ sind wir schon mal konkurrenzfähig: Weniger Show als „Levina“, die vor einem grauen Bildschirmschoner auftrat, geht wirklich nicht. Mit „Musik ohne Inhalte“ könnte Salvador Sobral allerdings einen wunden Punkt getroffen haben. Auf eurovision.de heißt es über Levinas Songschreiber Dave Basset stolz, dass „Stücke aus seiner Feder“ bereits in Werbespots von Toyota, T-Mobile, Nissan, Victoria's Secret, Google und Microsoft zu hören gewesen seien. Schön für ihn, für Originalität spricht das nicht unbedingt.

          Wenn man darüber nachdenkt, wer in Deutschland nicht nur belanglose Zeilen trällert, und trotzdem ein großes Publikum erreicht, fällt einem erst mal ein besonders übles Gegenbeispiel ein: In die Schlagzeilen schaffte es zuletzt die Shampoo-Verkäuferin „Bibi“, für die Musik offenbar genau so viel Wert hat wie ein neuer Lippenstift: Es ist ein weiteres Produkt, das man seinen Fans aufschwätzen kann. Man kann nur hoffen, dass Salvador Sobral das Ergebnis niemals sehen wird, wir wollen es auch gar nicht mehr verlinken.

          Es gibt aber einen Mann, den die Scheinheiligkeit solcher YouTube-Stars seit Jahren stört, der ganz gut singen kann und mit seiner Musik auch etwas (anderes als Geld) erreichen will: Jan Böhmermann. Bevor der ZDF-Moderator zuletzt öffentlichkeitswirksam Xavier Naidoo und die „Hurensöhne Mannheims“ persiflierte, nahm er sich die deutsche Pop-Industrie vor und blies in dasselbe Rohr wie der portugiesische ESC-Gewinner: Ein Affe könne bessere Texte schreiben, als zum Beispiel Max Giesinger, sagte er und und ließ deswegen tatsächlich ein paar Affen einen Haufen Phrasen sortieren. Mit dem daraus entstanden Lied „Menschen Leben Tanzen Welt“ schaffte er es auf Platz eins der iTunes- und Amazon-Charts.

          Erfahrung mit Affen zu haben, kann beim ESC nicht schaden: Der Italiener Francesco Gabbani galt in diesem Jahr als großer Favorit, bei seinen Auftritten tanzte neben ihm ein Mensch im Affenkostüm. „Wir sind auch nur Affen ohne Fell“, war seine tiefgründige Botschaft.

          Wir sind doch alle Affen: Botschaft von Francesco Gabbani
          Wir sind doch alle Affen: Botschaft von Francesco Gabbani : Bild: dpa

          Böhmermann ist ein großer Musical-Fan, er kann singen wie Xavier Naidoo und rappen wie Haftbefehl. Aber ein Problem gibt es doch: Er versteht sich als Satiriker und versucht allen und jedem die Maske vom Gesicht zu reißen. Beim ESC ist die aber sowieso transparent. Schon bei Böhmermanns Kritik über die deutsche Popmusik hieß es von noch kritischeren Geistern (Tote-Hosen-Sänger Campino), dass es „nicht gerade eine brennende Wallraff-mäßige aktuelle Enthüllung“ gewesen sei, sich über schlechte deutsche Musik auszulassen.

          Vielleicht könnte Böhmermann ja mal eine Ausnahme machen, den ESC-Code knacken, seine Erkenntnisse  ausnahmsweise nicht in eine Persiflage, sondern in ein Gewinner-Lied einfließen lassen. Komm, Jan, für Deutschland! Zur Seite könnte man ihm einen Mann stellen, der viel von Musik versteht und mit dem er sowieso Woche für Woche zusammen ist: Olli Schulz. Den kennen viele Deutsche zwar nur aus seinen Auftritten bei „Joko und Klaas“, die ihn zum Beispiel gerne besoffen auf die „Berlinale“ loslassen.

          Sie können sogar jonglieren! Jan Böhmermann (links) und Olli Schulz auf einem Werbefoto zu ihrer alten Radiosendung „Sanft & Sorgfältig“.
          Sie können sogar jonglieren! Jan Böhmermann (links) und Olli Schulz auf einem Werbefoto zu ihrer alten Radiosendung „Sanft & Sorgfältig“. : Bild: rbb/Jens Oellermann

          Aber Schulz' eigentliche Leidenschaft ist die Musik, er schreibt und singt melancholische, nachdenkliche Lieder, spielt auch selbst Gitarre. Dass er keine besonders gute Stimme hat, ist nicht schlimm, er muss einfach nur so leise singen, dass man quasi nichts mehr hört. Das hat die ESC-Fans in diesem Jahr an dem portugiesischen Gewinner ja auch so begeistert. Dann könnte es endlich mal wieder heißen: „Germany, twelve points.“

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