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Nach dem deutschen ESC-Erfolg : Perfektion ist eben doch nicht alles

Endlich wieder Jubel: Michael Schulte in Lissabon Bild: AP

Wieder hat eine Außenseiterin den Eurovision Song Contest gewonnen. Damit setzt sich eine Tendenz der vergangenen Jahre fort. Insofern hat auch Michael Schulte alles richtig gemacht.

          Zwölf Punkte für Deutschland. Darauf haben wir lange warten müssen. Das niederländische Trio O‘G3NE, das 2017 selbst am Eurovision Song Contest (ESC) in Kiew teilgenommen hatte, und mit „Lights And Shadows“ auf beachtliche 150 Punkte und den elften Platz gekommen war, erlöste uns schließlich nach etlichen Jahren am Samstagabend. Sie gaben als fünfte das Jury-Ergebnis der Niederlande bekannt, und es lautete: zwölf Punkte für Deutschland. Ausgerechnet der zuvor so gescholtene und noch im Mai von Fernprognostikern niedergeschriebene Michael Schulte („Mit dem womöglich langweiligsten Lied der Welt dürfte Deutschland ein Platz ganz hinten sicher sein“) schaffte das Unmögliche und holte in Lissabon am Ende 340 Punkte und damit den vierten Platz. Selbst der vermeintlich so übermächtige Stefan Raab war im Jahr 2000 mit „Wadde hadde dudde da?“ nur fünfter geworden.

          Peter-Philipp Schmitt

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Noch vor wenigen Tagen hatte der deutsche Musikproduzent Thomas M. Stein das Lied von Michael Schulte als nicht unbedingt außergewöhnlich bezeichnet. Und dann im SWR beklagt, dass „You Let Me Walk Alone“ nicht auf besonders großes Wohlwollen stoße und von den Medien in Deutschland weitgehend ignoriert werde. Für den ESC sei ein anderer Titel und eine andere Stimme nötig, um abzusahnen, behauptete er: „Ich habe aufgegeben, beim Grand Prix Prognosen abzugeben. Aber ganz weit vorne wird das Lied nicht sein.“

          Nun denn, einmal mehr lag einer daneben. Das passiert den Besten beim ESC. Denn der ESC ist nicht planbar. Sonst würde jedes Jahr dasselbe Land gewinnen. Russland und Aserbaidschan, die so viel Geld in den Song Contest investieren, kamen in diesem Jahr nicht einmal ins Finale. Richtig ist aber, wer viel Geld in die Hand nimmt, vergrößert zumindest seine Chancen. Darum fliegt San Marino fast jedes Mal schon im Halbfinale raus, und Schweden zieht fast immer ins Finale ein.

          Die Stärke von Michael Schulte? Er blieb einfach Michael Schulte.

          Benjamin Ingrosso landete in Lissabon auf Platz sieben, allerdings nur, weil er die Juroren überzeugen konnte (253 Punkte). Vom Publikum hingegen bekam er mickrige 21 Punkte. Eine Katastrophe für die erfolgsverwöhnte Pop-Nation Schweden. Doch was lief falsch? Der super perfekte Beitrag des 30 Jahre alten Schweden kam völlig emotionslos daher. Eine einstudierte Nummer, die er wie ein Roboter abspulte. Damit schafft man es vielleicht in die Charts, aber man gewinnt nicht unbedingt einen ESC.

          Die Gewinner der vergangenen Jahre waren fast immer das genaue Gegenteil. Außenseiter, die sich voller Überzeugung aufs Abenteuer Grand Prix einließen und einfach nur ihr Ding machten. Das war schon 2007 so, als die lesbische Serbin Marija Šerifović mit der serbischen (!) Ballade „Molitva“ (Das Gebet) in Helsinki gewann. Voller Herzblut trug sie ihr Lied vor, ohne jedes Sex-Appeal und mit dicker Brille auf der Nase. Sie gewann, obwohl ihr Lied kommerziell ein Flopp war.

          Eigentlich unmögliche Gewinner

          Die Tendenz hat sich in den vergangenen Jahren nur noch verstärkt: Conchita Wurst, Jamala, Salvador Sobral. Alle drei sind eigentlich unmögliche Gewinner – auf dem Papier. Die Österreicherin wurde selbst im eigenen Land ausgelacht und angefeindet. Jamala kam mit einer schwer verdaulichen Ballade daher, Salvador Sobral nahm man schon allein wegen seines merkwürdigen Gehabes auf der Bühne nicht ernst. Doch der Portugiese mit den strähnigen Haaren und dem viel zu großen Anzug ging seinen Weg, ließ sich nicht beirren. Und so holte er den Grand Prix erstmals nach Portugal.

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