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Nach dem deutschen ESC-Erfolg : Perfektion ist eben doch nicht alles

Genau das war auch die Stärke von Michael Schulte. Er blieb einfach Michael Schulte. Ein Talent aus Buxtehude, das ohne Management und Plattenfirma auskommt. Er trat an mit einem Lied, das für ihn eine Herzensangelegenheit ist, denn es handelt von seinem viel zu früh verstorbenen Vater. Er wollte alleine auf der Bühne stehen. Der NDR ließ ihn gewähren, zwang ihm nichts auf, was er nicht wollte. Unabdingbar für seinen Erfolg war allerdings die großartige Inszenierung auf der Bühne, die zu ihm und seinem Lied passen musste. Und das tat sie. Nur mit ihr zusammen, nur als Gesamtpaket konnte er so weit nach vorne kommen.

Darum auch kann niemand, der nur das Lied kennt, vorhersagen, wer am Ende gewinnt. Netta, der Underdog aus Israel, die schon in der Schule gehänselt wurde, weil sie so ist, wie sie ist, setzte sich gegen die feurige Eleni Foureira aus Zypern durch. Gleich zweimal, denn schon im ersten Halbfinale waren die beiden aufeinander getroffen. Nettas „Toy“ gewann da mit 283 Punkten vor Eleni Foureiras „Fuego“ mit 262 Punkten.

So unähnlich, wie sie äußerlich scheinen, sind sich die beiden übrigens gar nicht. Auch Foureira fühlt sich als Außenseiterin. So verschleierte sie ihre Herkunft lange, weil sie sich ihrer schämte und glaubte, sie würde ihr eine Karriere als Musikerin verbauen. Foureira gab sich als Brasilianerin aus, dabei stammt die Einunddreißigjährige eigentlich aus Albanien. Mehrfach versuchte sie, für Griechenland, wo sie lebt, am ESC teilzunehmen, doch dort wollte man sie nicht. So wich sie schließlich nach Zypern aus.

Hat Netta am Ende geholfen, dass um ihre schräge K-Pop-Nummer, in der sie gackert und gurrt und juchzt, ein wochenlanger Hype entstanden ist, sie also bekannt war? Sicherlich. Doch das muss nicht sein. Kommen wir noch einmal zurück auf unseren Musikexperten Stein, der im SWR sagte, Stefan Raab habe schon in den Wochen vor dem ESC für seine Lena eine exzellente Promotion in ganz Europa betrieben. „So war schon vorher ein gewisser Bekanntheitsgrad da.“ Das genau war aber nicht so, Lena machte 2010 ihr Abitur und reiste nicht durch Europa, um ihr „Satellite“ zu bewerben. Michael Schulte hingegen war in diesem Jahr unterwegs, trat in London, Amsterdam und Madrid auf, was allerdings kaum jemand außerhalb des engeren ESC-Zirkels wahrnahm.

Und was spielt es letztlich für eine Rolle in Armenien, Aserbaidschan oder Australien (von dort kamen zehn Jury-Punkte für Michael Schulte), ob in Deutschland das Lied des deutschen Kandidaten öfter im Radio gespielt wird oder nicht? Herzlich wenig, außer dass es im eigenen Land für eine schöne ESC-Stimmung sorgt und die Vorfreude auf die größte Fernsehunterhaltungsshow der Welt vergrößert. Am Ende geht es um drei entscheidende Minuten, bei denen nicht alles perfekt sein muss, aber glaubwürdig und mit Herzblut vorgetragen. Oder wie RuPaul in seinem „Drag Race“ immer sagt: „Sing besser um Dein Leben!“

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