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Im Gespräch mit Björn Ulvaeus : „Abba passierte einfach, auf mysteriöse Art“

Björn Ulvaeus feiert mit: Auf der Insel Djurgården findet seit einigen Wochen die „Mamma-Mia-Party“ statt. Bild: Mats Bäcker

Der Musiker und Komponist Björn Ulvaeus spricht im Interview über den Erfolg der schwedischen Band Abba – und warum beim Eurovision Song Contest „unplugged“ gesungen werden sollte.

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          Herr Ulvaeus, wenn Sie an die großen Erfolge von Abba in den vergangenen Jahrzehnten denken, wie oft sagen Sie dann zu sich selbst: „Mamma mia!“?

          Peter-Philipp Schmitt

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Vielleicht nicht immer „Mamma mia!“. Aber es ist wirklich unglaublich. Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht an Abba erinnert werde. Vor allem von Menschen auf der Straße, die zu mir sagen, wie viel ihnen unsere Musik bedeutet. Das macht mich, und das meine ich ehrlich, demütig. Denn ich weiß nicht, wie das passieren konnte. Ich kann mir nicht erklären, warum unsere Lieder in jedem Winkel dieser Welt so bekannt und beliebt sind. Es passierte einfach, auf mysteriöse Art.

          Aber es muss doch eine Erklärung geben: Ist es Ihre Musik, ist es das perfekte Arrangement der Lieder, sind es die Texte oder doch die Stimmen von Agnetha und Frida?

          Es hat wohl alles miteinander zu tun. Abba ist ein gewachsenes Projekt, wir sind ja eher zufällig zusammengekommen. Die ersten zwei, drei Jahre kannten wir uns einfach und haben nie auch nur darüber gesprochen, eine Band zu gründen. Jeder von uns hatte schon seine Karriere, die Mädchen waren erfolgreiche Sängerinnen und standen auf eigenen Beinen. Aber dann war es, als ob wir zusammengefügt würden, es ergab sich wie von selbst. Und eines Tages sagten wir: Lasst uns eine Platte machen.

          So begann es?

          Ja. Und so war es auch mit der Musik. Wir schrieben und komponierten, so gut wir es eben konnten. Dann nahmen wir die Lieder auf die bestmögliche Weise auf. Und wie sich herausstellte, mochten Millionen Menschen unsere Musik – bis heute.

          Wie ist es für Sie, wenn überall auf der Welt Abba-Songs zum Beispiel in Ihrem Musical „Mamma Mia!“ von Fremden gesungen werden? Denken Sie nicht manchmal: „Das geht gar nicht“?

          Ich bin sicher, es gab schon den einen oder anderen, von dem ich nicht begeistert gewesen wäre und den ich, hätte ich es mitbekommen, nicht für unser Musical besetzen würde. Aber ich bin vor allem stolz, dass „Mamma Mia!“ überall auf der Welt läuft. Selbst Kinder und Jugendliche kennen die Abba-Songs.

          Sie müssen jetzt natürlich sagen, dass Ihnen Meryl Streep als Donna im Film „Mamma Mia!“ gefallen hat. Aber wussten Sie vorher, dass sie so großartig singen kann?

          Nein, ich war total überrascht. Wir nahmen „The Winner Takes It All“ einmal mit ihr auf, und wir waren eigentlich zufrieden. Aber Meryl rief später an und sagte, sie sei nicht hundertprozentig überzeugt. Sie kam wieder ins Studio und sang das Lied ein zweites Mal, einfach so. Es brauchte nur eine Aufnahme. Sie ist eine phantastische Künstlerin.

          Mögen Sie trotzdem die Originalsongs lieber?

          Ehrlich gesagt, ja. Denn damals haben wir alles, was wir geben konnten, in diese Aufnahmen gesteckt.

          Mussten Sie die Lieder für „Mamma Mia!“ modernisieren?

          Nein, wir haben nichts geändert.

          Sind Sie denn immer noch jeden Tag im Studio?

          Nein, nein. Ich bin zwar nicht im Ruhestand und habe immer einige Projekte, an denen ich arbeite. Aber jeden Tag bin ich nicht im Studio. Allerdings haben Benny und ich gerade zwölf neue Songs für seine Band geschrieben, die in wenigen Wochen herauskommen. Im Sommer ist BAO – Benny Anderssons Orkester – dann wieder auf Tour.

          Wenn Sie die Rolling Stones oder die Scorpions heute auf der Bühne sehen, sind Sie dann eher ein wenig neidisch oder erleichtert?

          Nur erleichtert! Wenn ich mir vorstelle, wie nervös und angespannt sie vor jedem ihrer ersten großen Tour-Auftritte sein müssen, dann kann ich nur sagen: Gott sei Dank, dass ich nicht in ihrer Haut stecke.

          Wie war es vor 42 Jahren in Brighton, als Abba mit „Waterloo“ den Grand Prix gewann?

          Schrecklich. Ich war furchtbar nervös. Nach unserem Auftritt ging ich einen Korridor auf und ab, weil ich nicht hinsehen konnte, wie die Jurys die Punkte vergaben. Benny schaute auf die Tafel und schrie plötzlich: „Wir haben gewonnen!“ Dabei standen noch fünf oder sechs Länderwertungen aus.

          In diesem Jahr findet der Eurovision Song Contest vor Ihrer Haustür statt. Gehen Sie am Samstag zum Finale in die Globe Arena?

          Ich schaue es mir lieber zu Hause an.

          Haben Sie schon einen Favoriten?

          Ich habe es mir zum Prinzip gemacht, die Lieder erst am Abend des Finales anzuhören. Es macht mehr Spaß, wenn man sich überraschen lassen kann.

          Damals, 1974, standen Sie in schrillen Kostümen auf der Bühne, aber es ging vor allem um die Musik. Heute scheint das Lied zweitrangig zu sein.

          Ja, es ist verrückt. All diese Bühnentechnik! Ich frage mich, wohin das führen soll. Sie können die Show nicht endlos in diese Richtung weitertreiben! Das muss ein Ende haben, es muss einen „Eurovision unplugged“ geben oder so etwas in der Art.

          Gleich hier ums Eck gibt es seit drei Jahren das Abba-Museum, das auch intime Details über Sie preisgibt. War es schwierig für Sie, sich darauf einzulassen?

          Es kam mir anfangs sonderbar vor, und ich wollte zunächst nicht mitmachen. Ich bin ja noch am Leben – und dann sollte ein Museum auch über mich und mein Leben entstehen? Aber schließlich konnte ich mich doch überwinden, weil ich den damaligen Björn aus den Siebzigern wie einen Fremden ansah. Ich erzählte also nicht meine, sondern seine Geschichte.

          Die ganzen Schätze im Museum stammen von Ihnen?

          Nein, sie wurden im Laufe der Jahre von Sammlern auf der ganzen Welt zusammengetragen und dann für die Ausstellung in Stockholm erworben. Wir haben nie etwas aufgehoben. Wir hatten ja keine Ahnung, dass wir irgendwann mal in ein Museum einziehen würden.

          Im Museum wird an eines Ihrer ersten gemeinsamen Lieder erinnert: „Ring Ring“. Dort stehen Telefone, und es heißt, wenn sie klingeln, soll man abheben, weil ein Mitglied von Abba am anderen Ende der Leitung ist. Haben Sie schon mal angerufen?

          Ja. Einmal.

          Wer war am Telefon?

          Es war eine Frau aus dem Norden Englands, an die Stadt erinnere ich mich nicht. Sie war total überrascht und wollte mir erst nicht glauben. Doch ich konnte sie überzeugen. Und ich weiß, dass auch Frida und Benny schon angerufen haben. Gut, dass Sie mich dran erinnern: Ich sollte bald mal wieder anrufen.

          Abba – wiedervereint für 20 Sekunden

          Mehr als 30 Jahre hatten die Fans auf diesen Moment gewartet, und dann ereignete sich das historische Treffen ausgerechnet in der ehemaligen Bierhalle „Tyrol“. Doch als Agnetha Fältskog, Björn Ulvaeus, Benny Andersson und Anni-Frid Lyngstad – besser bekannt als Abba – am 20. Januar erstmals nach so langer Zeit wieder auf einer Bühne nebeneinander standen, für knapp 20 Sekunden, war das „Tyrol“ schon eine griechische Taverne.

          Nur wenige Schritte vom Abba-Museum entfernt wird seit einigen Wochen auf der Insel Djurgården „Mamma Mia! Die Party“ gefeiert. Hausherr ist Nikos, seine zweite Frau Kicki kommt aus Schweden und war für das Catering bei den Dreharbeiten zum Film „Mamma Mia!“ mit Meryl Streep in der Hauptrolle verantwortlich. Ihr Sohn Adam ist unglücklich in die Tochter von Nikos, Konstantina, verliebt.

          Die Geschichte ist natürlich erfunden, doch während die Gäste essen, spielt, tanzt und singt ein ganzes Ensemble das neue Musical zwischen den Tischen des Restaurants. Dahinter steckt vor allem Björn Ulvaeus, das am wenigsten öffentlichkeitsscheue Mitglied von Abba. Der Einundsiebzigjährige lässt auch bei diesem neuen Projekt die alten Abba-Songs wieder aufleben. Und nachdem Konstantina und Adam zum Dessert den Segen von Nikos’ strenger Mutter bekommen haben, verwandelt sich die Taverne in eine Disko wie aus den Siebzigern. (pps.)

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