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Juden in Malmö : Barbara Posner lässt sich nicht unterkriegen

Großer Aufwand für die Sicherheit: Die Synagoge von Malmö Bild: Peter-Philipp Schmitt

Die jüdische Gemeinde in Malmö wird immer wieder bedroht. Ein Großteil der Mitgliedsbeiträge wird in Sicherheitsvorkehrungen gesteckt. Vor dem Eurovision Song Contest verstärkt die Polizei die Kontrollen.

          7 Min.

          Für Barbara Posner ist der 15. Mai ein besonderer Tag. Endlich hat sie es geschafft, einen Text in einer großen, seriösen Zeitung, der „Sydsvenskan“ mit einer täglichen Auflage von etwa 130.000, unterzubringen und nicht etwa nur als Leserbrief, sondern als eigenen Kommentar auf der Meinungsseite. Darin schreibt sie über Daniel Sestrajcic, der als „kommunalråd“ und Kulturbeauftragter der Stadt Zwietracht unter den Einwohnern säe, anstatt das Zusammenleben zu fördern. „Das“, so Barbara Posner, „tue er, wie er meint, zwar als Privatperson.“ Doch für das aktive Mitglied der jüdischen Gemeinde von Malmö ließen sich die Aktionen, zu denen der Politiker aufrufe, von seinem Amt nicht so einfach trennen.

          Peter-Philipp Schmitt

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Sestrajcic ist Mitglied der Linkspartei Schwedens, der Vänsterpartiet, und gehört zum sogenannten Netzwerk Palästina. Er und seine Parteifreunde haben sich die Woche des „Eurovision Song Contest“ (ESC) in Malmö mit Bedacht ausgesucht, um gegen Israel als Teilnehmer beim Grand Prix zu demonstrieren. Höhepunkt ihrer Proteste ist der Abend des 15. Mai. Am Mittwoch jährte sich zum 65. Mal die Unabhängigkeit Israels.

          Der Tag nach der Unabhängigkeitserklärung durch David Ben Gurion am 14. Mai 1948 ist für die Palästinenser und viele Araber der „Tag der Nakba“, was nichts anderes als Katastrophe bedeutet. Für sie symbolisiert er die Vertreibung der Palästinenser aus ihrer angestammten Heimat. Für Sestrajcic ist die bis heute andauernde israelische Besetzung „illegal und brutal“, und so werde sie ja auch von den Vereinten Nationen genannt. Dagegen wollte man am 15. Mai um 18 Uhr auf dem Möllevangstorget in der Innenstadt Malmös protestieren, nur wenige hundert Meter vom „Eurovision Village“ auf dem Gustav Adolfs Torg entfernt. „Israel“, so der Slogan der Veranstaltung, „ist uns willkommen, wenn Palästina frei ist.“ Barbara Posner ist nicht leicht als Jüdin zu erkennen.

          Auch Attacken gegen Muslime sind keine Seltenheit

          Doch sie weiß sehr wohl, was Antisemitismus bedeutet. Sie hat ihn schon mehrfach am eigenen Leibe erfahren: vor der Synagoge in Malmö, als mehrere Schüler des Pauli-Gymnasiums auf der anderen Straßenseite versuchten, ihr Angst einzujagen, oder beim Spaziergang durch die Innenstadt, als zwei junge, arabisch aussehende Männer den Davidstern an ihrer Halskette bemerkten. „Einer der Männer schrie mich an: ,Verdammte Juden‘ und ,Ich hasse Juden‘.“ Mutig ging sie auf die beiden zu und fragte: „Ach, ja? Warum denn?“ - „Weil ihr Kinder tötet.“ - „Das tut ihr doch auch“, gab sie wütend zur Antwort.

          Malmö hat gut 300.000 Einwohner, davon sind etwa 70.000 Muslime. „Die meisten Migranten kommen inzwischen aus dem Mittleren Osten“, sagt Barbara Posner. An erster Stelle stehen zwar noch Zuwanderer aus Dänemark, aber dann kommen die Flüchtlinge aus dem Irak, aus Afghanistan, Palästina, Libanon, Syrien, Somalia. Fast die Hälfte der Einwohner Malmös ist unter 35 Jahre alt. Geschätzt 22.000 Muslime (vermutlich sind es längst mehr) leben in den Betonblöcken des Stadtviertels Rosengård, das östlich des Zentrums liegt und in den Sechzigern und Siebzigern mit einem Millionenprogramm der Regierung gebaut wurde.

          Häufigster Taufname in Malmö war schon einmal Mohammed. Unter Jugendlichen bis 15 Jahren bilden Schweden inzwischen eine Minderheit. Krawalle sind in Rosengård, wo fast zwei Drittel der jungen Erwachsenen arbeitslos sind, an der Tagesordnung, und auch Attacken gegen Muslime sind in Malmö keine Seltenheit. Erst im November wurde der rassistisch motivierte Mörder Peter Mangs zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt. Über Jahre hatte er in Malmö auf Einwanderer geschossen, die Polizei brauchte sieben Jahre, um die ihm schließlich zur Last gelegten drei Morde und 13 Mordversuche aufzuklären. Der norwegische Massenmörder Anders Breivik rühmte den Schweden Mangs als seinen „Kampfgefährten“.

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