https://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/eurovision-song-contest/hackerangriff-und-moegliche-manipulationen-beim-esc-finale-2022-18034829.html

ESC in Turin : Jurys aus sechs Ländern wegen „Unregelmäßigkeiten“ ausgeschlossen

Bleibt trotz Unregelmäßigkeiten Sieger: Die ukrainische Band Kalush Orchestra. Bild: dpa

Die Europäische Rundfunkunion untersucht mehrere mögliche Fälle von Manipulationen. Die betroffenen Länder geben sich überrascht. Auch einen Hackerangriff während des Finals hat es nach Polizeiangaben gegeben.

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          Es war schon sehr ungewöhnlich, dass der Generalsekretär des Eurovision Song Contest (ESC), der Schwede Martin Österdahl, im Finale in der Nacht zu Sonntag die Punkte im Namen von gleich drei Jurys vergab. Angeblich gab es „technische Probleme“, so dass eine Verbindung zu den Ländern nicht hergestellt werden konnte. Noch am späten Samstagabend wurde bekannt, dass es „Unregelmäßigkeiten“ im zweiten Halbfinale gegeben hatte, was die Jury-Abstimmungen in sechs Ländern betraf.

          Peter-Philipp Schmitt
          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Doch nicht nur das zweite Halbfinale, auch das Finale war davon betroffen, wie die Europäischen Rundfunkunion (EBU), die den ESC organisiert, am Sonntag bestätigte. Demnach waren nach dem Jury-Halbfinale am Mittwochabend „unregelmäßige Abstimmungsmuster“ in den Ergebnissen von sechs Ländern festgestellt worden. Die Jurys wurden ausgeschlossen und dafür auch im Finale „aggregierte Ersatzergebnisse“ herangezogen. Diese basieren auf den Ergebnissen anderer Länder mit einem ähnlichen Abstimmungsverhalten in der Vergangenheit, wie die EBU mitteilt.

          Betroffene Länder verwundert

          Nach EBU-Angaben handelt es sich um die Jurys aus folgenden Ländern: Aserbaidschan, Georgien, Montenegro, Polen, Rumänien und San Marino. Der rumänische Sender TVR 1 zeigte sich in einer Stellungnahme überrascht. Die Juroren hätten unter Aufsicht eines Notars und nach den EBU-Regeln abgestimmt. Auch habe die EBU den Sender vorher nicht informiert, sondern einfach die Moderatorin Eda Marcus, die die Jury-Punkte in der Nacht zu Sonntag für Rumänien bekannt geben sollte, nicht in die Show zugeschaltet. „Wir möchten hervorheben, dass die rumänische Jury die Höchstpunktzahl dem Künstler aus Moldau gegeben hat“, teilte TVR 1 mit. Österdahl hatte im Finale die zwölf Punkte aus Rumänien der Ukraine zuerkannt.

          Auch der aserbaidschanische Sender İctimai Televiziya wehrte sich am Sonntag gegen den Ausschluss seiner Jury nach dem zweiten Halbfinale. In einer Sendung im Fernsehen teilte die Moderatorin Narmin Salmanova, die ebenfalls nicht wie geplant zum Finale zugeschaltet worden war, mit, dass es in der Nacht zu Sonntag keine technischen Probleme gegeben habe. Mit Erstaunen habe sie allerdings feststellen müssen, dass Martin Österdahl ganz andere Punkte vergab, als sie auf ihrem Zettel hatte. Demnach hatten die Juroren die zwölf Punkte aus Aserbaidschan der Ukraine zugesprochen, das Land bekam von ESC-Generalsekretär allerdings nur sechs. Die Höchstpunktzahl ging stattdessen an das Vereinigte Königreich. Auch die zwölf Punkte aus Georgien, die eigentlich Helen Kalandadze im Finale für ihre Heimat verlesen und der Ukraine zusprechen sollte, gingen an den Briten Sam Ryder. Die Sprecherinnen aus San Marino, Polen und Montenegro hatten im Finale die Punkte selbst verkünden dürfen, die zwölf Punkte der drei Länder gingen an Spanien, die Ukraine und Serbien.  

          Kalush Orchestra bleibt Sieger

          Die Zuständigen aus Polen und San Marino haben sich bislang noch nicht geäußert, der montenegrinische Sender RTCG forderte zumindest eine Klarstellung. Die EBU will die Vorgänge weiter untersuchen. Man nehme jede mögliche Manipulation bei den Abstimmungen sehr ernst. Die EBU habe zudem das Recht, verdächtige Stimmen nicht zu werten, unabhängig davon, ob sie den Ausgang der Abstimmung beeinflussen oder nicht, hieß es. Der Sieg von Kalush Orchestra aus der Ukraine steht ungeachtet dessen weiterhin außer Frage. Der Vorsprung der Band mit ihrem Lied „Stefania“ betrug am Ende 165 Punkte vor dem Zweitplatzierten Sam Ryder. Der Brite („Space Man“) lag allerdings nur hauchdünn mit sieben Punkten vor der Spanierin Chanel („SloMo“). Ob es eventuell noch zu nachträglichen Änderungen kommt, bleibt abzuwarten.

          Schon während der vergangenen Woche hatte es zudem massive Hackerangriffe auf mehrere Internetseiten der italienischen Regierung gegeben, darunter das Verteidigungsministerium, den Senat und das Nationale Gesundheitsinstitut. Wie die italienische Polizei am Sonntag bestätigte, zielten die Hacker auch auf die offizielle Website des ESC. Demnach versuchten sie vergeblich, während des ersten Halbfinals am Dienstag und während des Finals am Samstag und Sonntag in die Systeme einzudringen. Zu den Angriffen auf die Regierungsseiten hatte sich am vergangenen Mittwoch die pro-russische Hackergruppe Killnet bekannt. Auch die Angriffe auf die ESC-Seiten führen die Experten auf diese Gruppe zurück.

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