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„Eurovision Song Contest“ : Singen in Baku

Begeisterte Zuschauer im Eurovision-Village in Baku Bild: dapd

Aserbaidschan wird autoritär regiert. Hätte man deshalb dem „Eurovision Song Contest“ fernbleiben sollen? Der Kaukasus-Staat hat erst in den vergangenen Monaten erfahren, was es wirklich bedeutet, Teil der europäischen Wertegemeinschaft zu sein.

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          Als Aserbaidschan 2008 erstmals am „Eurovision Song Contest“ (ESC) teilnahm, sahen viele darin ein positives politisches Signal. Es war das zweite muslimische Land, nach der Türkei, das dauerhaft dem damals schon mehr als fünfzig Jahre alten Liederwettbewerb hinzutrat. Länder wie Marokko oder Jordanien, die im Laufe der Jahre durchaus Interesse an der größten Musik-Fernsehshow der Welt zeigten, bleiben der Veranstaltung nur deshalb fern, weil Israel antritt.

          Aserbaidschan ist ein säkularisierter Staat mit einer zwar muslimischen Bevölkerungsmehrheit schiitischer Orientierung; höchstens zwanzig Prozent sind allerdings praktizierende Muslime. Das Nachbarland Iran, in dem Millionen Aseris leben, hält den ESC in Baku für eine Beleidigung des Islam. Teheran versucht seit langem, mehr Einfluss in der Region zu gewinnen. Die geopolitische Lage Aserbaidschans, das sich vor zwanzig Jahren unter dem Staatsgründer und Präsidenten Hajdar Alijew Europa zuwandte, ist schwierig.

          Auch Alijews Sohn Ilham sucht die Nähe des Westens. Für den seit rund zehn Jahren regierenden Präsident ist der „Eurovision Song Contest“ die Gelegenheit, um zu zeigen, wie sehr sich das Land Europa zugehörig fühlt. Der Kaukasus-Staat Aserbaidschan ist wie Armenien und Georgien Mitglied des Europarats, und er ist der Europäischen Menschenrechtskonvention beigetreten. Was es wirklich bedeutet, Teil der europäischen Wertegemeinschaft zu sein, dass ein unterzeichnetes Dokument also mehr ist als ein Stück Papier, ist dem Alijew-Clan ernsthaft in den vergangenen Monaten, nach dem Gewinn des „Song Contest“ vor einem Jahr, vor Augen geführt worden. Das Internationale Olympische Komitee (IOC), das gerade die zweite Bewerbung Bakus um Olympische Sommerspiele abgewiesen hat, geht in seiner Entscheidung dagegen mit keinem Wort auf die demokratischen Defizite im Land ein.

          Immer auch eine politische Dimension

          Ein Wettbewerb, bei dem verschiedene Länder miteinander konkurrieren, hat immer eine politische Dimension, selbst wenn es (angeblich) nur um Sport oder Musik gehen soll. Anders als im Sport aber entscheidet kein Gremium darüber, wer den „Song Contest“ als nächstes ausrichtet. Traditionell ist der Gewinner der Gastgeber im folgenden Jahr. So verfuhr die EBU schon in Zeiten, als in Griechenland, Portugal und Spanien Diktatoren an der Macht waren.

          Man kann die Europäische Rundfunkunion (EBU), die den ESC veranstaltet, dafür kritisieren, dass sie die vom Alijew-Regime unterdrückte Opposition nicht öffentlich unterstützt. Man kann aber auch verstehen, dass sich der Zusammenschluss von 85 Rundfunkanstalten aus 56 Staaten Europas, Nordafrikas und Vorderasiens zur Neutralität verpflichtet fühlt.

          Die EBU hat hinter den Kulissen großen Druck auf Baku ausgeübt. Ihre Trümpfe sind zum einen, dass Aserbaidschan den „Song Contest“ unbedingt ausrichten wollte. Zum anderen gibt es immer einen Plan B: Ein EBU-Mitglied ist darauf eingestellt, kurzfristig einzuspringen. Auch darum hat sich Baku schließlich gezwungen gesehen, wie gefordert Garantien für Rede-, Meinungs- und Pressefreiheit abzugeben. Dazu zählt auch ein vereinfachtes Visumsverfahren, das es Journalisten, die eigentlich auf einer Schwarzen Liste stehen, erlaubt, wieder nach Aserbaidschan einzureisen. Im Dezember hatte Präsident Alijew Reformen angekündigt, was die Gewährung von Menschenrechten und Grundfreiheiten anbelangt. Bei der Ankündigung ist es dann geblieben. Generell hält das Regime stur an seinem Kurs fest.

          Trotz Korruption einiges erreicht

          Dennoch hat der Alijew-Clan, ungeachtet der großen Korruption, einiges erreicht. So ist die Armut verringert worden. Die Zustimmung zu dem autoritär herrschenden Ilham Alijew ist hoch; allerdings kennt die Mehrheit der Bevölkerung aus den regierungsnahen Medien auch nur seine „Wahrheiten“. Seine im nächsten Jahr anstehende Wiederwahl müsste er vielleicht noch nicht einmal fälschen.

          In der Vergangenheit hat sich Europa für die Verletzung der Menschenrechte in Aserbaidschan kaum interessiert. Die aserbaidschanische Opposition hat nun vor allem in Deutschland Gehör gefunden. Die meisten anderen ESC-Teilnehmer zeigen wenig Interesse etwa an der Lage der politischen Gefangenen im Land oder an der teils brutalen Niederschlagung friedlicher Demonstrationen selbst in den vergangenen Tagen. Baku wiederum ist frustriert über die andauernde Besetzung von Nagornyj Karabach durch Armenien. In diesem Konflikt fühlt sich Aserbaidschan, das Hunderttausende Flüchtlinge aufgenommen hat, auch von Europa im Stich gelassen.

          In der Geschichte des Grand Prix kam es immer wieder vor, dass sich Länder aus politischen Gründen aus dem Wettbewerb zurückzogen - zuletzt hat das Armenien getan. Sollte Weißrussland eines Tages den ESC gewinnen, müsste der Diktator Lukaschenka damit rechnen, dass etliche Grand-Prix-Länder im darauffolgenden Jahr nicht teilnehmen würden. Auch Deutschland, so ist von der ARD zu hören, würde vermutlich an einem ESC in Minsk nicht teilnehmen. Aber wem würde das helfen?

          Peter-Philipp Schmitt

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

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