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ESC-Siegerin Netta im Gespräch : „Es war naiv, Jerusalem zu sagen“

Netta Barzilai singt am Dienstag bei einer Benefizgala im Palais in Frankfurt zum 70. Geburtstags von Israel. Bild: Wiesinger, Ricardo

Dass Netta Barzilai nach ihrem Sieg beim Eurovision Song Contest vorschnell Jerusalem als nächsten Austragungsort ins Spiel brachte, hat hohe Wellen geschlagen. Ein Interview über den ESC in Israel, die #MeToo-Bewegung und Prinz William.

          Nächstes Jahr in Tel Aviv! Anders konnte die Botschaft der Benefizparty am Dienstagabend im Palais Frankfurt in Frankfurt gar nicht lauten. Schließlich ist Frankfurt schon seit 1981 Partnerstadt der israelischen Küstenstadt. Tel Aviv also soll es werden! Worum es geht? Um den Eurovision Song Contest (ESC) natürlich, darum auch war eigens die diesjährige ESC-Gewinnerin Netta Barzilai für einen Abend eingeflogen. Dass sie, die unweit von Tel Aviv geboren wurde, nach ihrem Sieg im Mai in Lissabon vorschnell Jerusalem ins Spiel brachte, hat politisch hohe Wellen geschlagen. Der ESC 2019 in Jerusalem käme Ministerpräsident Benjamin Netanjahu gerade recht, nachdem der amerikanische Präsident Donald Trump vergangenes Jahr die geteilte Stadt schon zur Hauptstadt Israels erklärt hatte. Offiziell hatten die Organisation Keren Hayesod, die Spenden in aller Welt für soziale Programme in Israel sammelt, und die Freunde der Universität in Tel Aviv zu der Party im Untergeschoss des Thurn-und-Taxis-Palais eingeladen. Anlass war der 70. Jahrestag der Staatsgründung Israels, zu dem Frankfurts Bürgermeister Uwe Becker (CDU) die Glückwünsche seiner Stadt überbrachte. Doch eigentlich ging es nur um Netta, die ihren Looper mitgebracht hatte, mit dem sie ihre Musik erschafft, indem sie Mitschnitte ihres Gesangs aufzeichnet und dann abspielt. „Toy“, ihr Siegerlied mit dem Hühnergegacker, durfte natürlich nicht fehlen.

          Peter-Philipp Schmitt

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Netta, nach Ihrem Sieg beim Eurovision Song Contest (ESC) in Lissabon im Mai haben Sie ins Publikum gerufen: „Danke, dass ihr den Unterschied gewählt habt; danke, dass ihr die Verschiedenheit feiert.“ Was meinten Sie damit?

          Was wir auf die Bühne gebracht haben, war in vielerlei Hinsicht anders. So hat es in der ESC-Geschichte noch nie einen Gewinner in Übergröße gegeben. Zudem feiern wir in meinem Lied die #MeToo-Bewegung. Endlich trauen sich Frauen, ihre Stimmen zu erheben. Das ist toll. In meinem Lied geht es aber auch um Mobbing, dass es falsch ist, Leuten einzureden, sie müssten anders sein, als sie in Wirklichkeit sind. Ich kenne das nur zu gut. Ich wollte keine Grand-Prix-Diva sein in Abendrobe, mit High Heels und toupierter Fönfrisur. Ich wollte auch kein normales Lied: „Toy“ ist eine schrille Mischung aus K-Pop und J-Pop mit mediterranen Klängen und Hühnergegacker. Jeder hat mir abgeraten zu gackern. Ich hab’s trotzdem gemacht. Denn ich will akzeptiert werden, wie ich bin.

          Als Kind haben Sie in Nigeria gelebt. Wie kam es dazu und wie hat Sie das beeinflusst?

          Mein Vater hat dort gearbeitet. Wir zogen dorthin, als ich zwei war. Ich hatte eine großartige Kindheit in Nigeria. Bis ich sieben war, war ich in einer Klasse mit nur sieben Schülern. Wir waren ein bunter Haufen, Afrikaner, Asiaten. Die Familie meines Vaters kommt aus Polen, die meiner Mutter aus Marokko. Wir waren also alle total unterschiedlich, doch ums Aussehen ging es in Nigeria überhaupt nicht. Als wir dann zurück nach Israel gegangen sind, musste ich feststellen, dass es ein dickes Mädchen nicht leicht hat. Das hat mich jahrelang verfolgt.

          An Ihrem Auftritt gab es Kritik wegen „kultureller Aneignung“. Sie standen auf der Bühne vor Dutzenden Maneki-nekos, den japanischen Winkekatzen, trugen ein kimonoartiges Gewand und waren mit zwei Dutts wie eine Japanerin zurecht gemacht. Warum?

          Ich wuchs mit japanischer Kultur auf, mit Pokémon und Digimon. Das ist ein Teil von mir. Als kleines Mädchen habe ich die Filme gesehen und fing an, japanische Dutts zu tragen. Und in Israel gibt es überall Maneki-nekos als Glücksbringer, es war einfach naheliegend, sie zu verwenden. Ich glaube nicht, dass ich irgendjemanden verletzt habe, nur weil ich das Anderssein auf lustige Weise feiern wollte.

          Auch Conchita Wurst wurde für ihr Anderssein gefeiert. Der Auftritt der ESC-Gewinnerin von 2014 wurde auf Youtube gut 30 Millionen Mal angesehen, ihr Auftritt in Lissabon mehr als 90 Millionen Mal. Sie kommen viel besser an.

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