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Tagebuch aus Kopenhagen (3) : Finale mit ein bisschen Frieden

Ukrainisch-russische Freundschaft: Die Zwillinge Anastassija Andrejewna und Marija Andrejewna Tolmatschowа (r.) und die Ukrainerin Marija Jaremtschuk Bild: dpa

Das erste Mal seit acht Jahren ist Ralph Siegel mit San Marino wieder in einem Finale beim Eurovision Song Contest vertreten. Für die russischen Zwillinge Tolmatschowа gibt es Buhrufe - wegen Putin. Die Politik ist allgegenwärtig in Kopenhagen.

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          Der alte Mann am Klavier hat es geschafft. Das erste Mal seit 2006 ist Ralph Siegel, inzwischen 68 Jahre alt, wieder in einem Finale beim Eurovision Song Contest (ESC) vertreten. Damals in Athen kam er mit der Schweizer Gruppe six4one und seinem Lied „If We All Give A Little“ auf Platz 17. Nun gelang ihm das Kunststück, mit dem außer ihm wohl fast niemand mehr gerechnet hatte, im Auftrag von San Marino.

          Peter-Philipp Schmitt

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Die älteste Republik der Welt, mitten in Italien gelegen und ungefähr so groß wie eine deutsche Kleinstadt, vertraut schon das dritte Jahr in Folge dem deutschen Komponisten, der 1982 mit Nicole und „Ein bisschen Frieden“ seinen größten Erfolg beim Grand Prix feiern konnte. Nicht nur böse Zungen wissen zu berichten, dass Siegel die ESC-Zeche des Landes zahlt und deswegen mit Sängerin Valentina Monetta seit 2012 sein Glück versuchen darf. In diesem Jahr nun also erstmals auch mit Erfolg: Am Samstagabend darf die Neununddreißigjährige Siegels „Maybe“, an der Komposition war auch der Italiener Mauro Balestri beteiligt, im Finale singen.

          Buhrufe für Russland

          Vielleicht, ganz vielleicht verkleinert sich der Song Contest im nächsten Jahr noch einmal – und zwar auf San-Marino-Größe. Oder vielleicht, ganz vielleicht wird er wieder ganz groß, so groß wie das größte Land Europas. Spätestens als am Dienstagabend im ersten Halbfinale des ESC feststand, dass Russland in die Endrunde einziehen würde, war klar, dass dieser Grand Prix auch unter der derzeitigen politischen Großwetterlage zu leiden hat.

          Die Buhrufe der an die 11.000 Zuschauer in der Halle, so laut und massiv wie wohl noch nie bei einem Grand Prix zuvor, galten natürlich nicht den erst 17 Jahre alten Zwillingen Anastassija Andrejewna und Marija Andrejewna Tolmatschowа und ihrem harmlosen Lied „Shine“, in dem sie davon singen, dass aller Welt gesagt werden solle, mehr Liebe zu zeigen.

          Gemeint war der Präsident ihres Landes, der erstaunlicherweise noch immer großes Interesse an einer Veranstaltung hat, deren demokratische Prinzipien er längst nicht mehr erfüllt. Wladimir Putin ist nicht der einzige in ESC-Europa, der den Grand-Prix-Verantwortlichen Kopfzerbrechen bereitet. Sollte Russland tatsächlich gewinnen, ist fraglich, ob das Land die Anforderungen der Europäischen Rundfunkunion (EBU), wie gefordert, schriftlich bestätigen würde, angefangen von vollkommener Pressefreiheit bis hin zur Gleichbehandlung von zum Beispiel Homosexuellen. Wenn aber nicht, könnte im nächsten Jahr Russland nicht als siegreiches Land den Wettbewerb ausrichten, es müsste ein Ersatz gefunden werden.

          Die Krim stimmt für die Ukraine ab

          Die Politik ist allgegenwärtig beim diesjährigen ESC: In wessen Namen stimmten etwa die Bewohner der Krim am gestrigen Abend ab? Eigentlich schon Russland zugehörig, ist das Televoting auf der Halbinsel im Schwarzen Meer noch fest in ukrainischer Hand. Vielleicht oder gewiss noch bis Samstag, denn noch hat die EBU keine anderen Informationen vorliegen.

          Ein weiteres heiß diskutiertes Thema sind die explodierenden Kosten beim Grand Prix in Kopenhagen um gleich mehrere Millionen Kronen – und das angeblich auch, wie dänische Medien berichten, weil die Sicherheitsvorkehrungen nicht nur rund um die B & W Hallerne auf der Eurovision-Insel, sondern auch schon am Flughafen Kopenhagen-Kastrup wegen der Ukraine-Krise massiv erhöht werden mussten.

          Und die Diskussionen werden weitergehen. Denn die Ukrainerin Marija Jaremtschuk und ihr „Tick-Tock“ sind ebenfalls ins Finale eingezogen. Die Zwanzigjährige aus Tschernowitz in der Westukraine und die beiden Russinnen aus Kursk, das unweit der ukrainischen Grenze liegt, stehen unter Dauerbeobachtung und müssen ständig Fragen über auch ihr Verhältnis untereinander beantworten. Bislang sind alle drei eher zurückhaltend mit eindeutigen Aussagen über die Krise zuhause gewesen. Die Ukrainerin will für ihr Land singen, wie sie sagt. Die Russinnen, wen wundert’s, auch.

          Die Situation lasse sie natürlich nicht kalt, sagt Marija Jaremtschuk, aber sie werde einfach nur ihr Bestes geben und zeigen, dass Konflikte enden, Musik aber weiterlebt. Hinter vorgehaltener Hand heißt es, der Künstlerin falle es schwer, für die Regierung in Kiew aufzutreten, weil sie eigentlich ein Fan von Putin sei. Das allerdings hat sich noch nicht herumgesprochen: Buhrufe erntete sie jedenfalls bislang nicht.

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