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„Eurovision Song Contest“ : Ein Sieg auch für die Krim

Überglücklich nach ihrem Sieg im Finale des ESC: Jamala aus der Ukraine. Bild: dpa

Die Ukrainerin Jamala hat den „Eurovision Song Contest“ gewonnen. Ihr Lied über die Deportation der Krimtataren war vor dem Wettbewerb umstritten. Russland hatte versucht, den Auftritt zu verhindern.

          7 Min.

          Der Krieg um die Krim beherrschte monatelang die Schlagzeilen. Russland hatte im März 2014 völkerrechtswidrig die Halbinsel im Schwarzen Meer besetzt und war dafür von Europa mit Sanktionen bestraft worden. Auch der diesjährige „Eurovision Song Contest“ (ESC) wurde von den damaligen Ereignissen noch überschattet. Dass es nun ausgerechnet am Ende – im großen Finale der zwei Wochen von Stockholm – um Russland oder die Ukraine ging, um den mit aufwendiger Bühnentechnik überladenen Popsong „You Are The Only One“ von Sergej Lasarew und die von Jamala mit Inbrunst vorgetragene Tragödie ihrer eigenen Familie, das hatte dann aber doch niemand erwartet. Aus dem Duell ging die Ukrainerin mit ihrem Lied „1944“ als Siegerin hervor. Sie lag allerdings mit 534 Punkten nur 43 Punkte vor Lasarew (491).

          Peter-Philipp Schmitt
          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Europa habe verstanden, dass es in ihrem selbst geschriebenen Lied zwar um die Deportation der Krimtataren gehe, so Jamala, aber dass es eben eine persönliche Geschichte sei. Nämlich die Geschichte ihrer Urgroßmutter, die all ihr Hab und Gut zurücklassen musste, als sie von Russen aus ihrem Haus vertrieben und mit ihren Kindern in einen Zug gepfercht wurde. Wie Müll hätten die Russen die Toten vom Zug geworfen, so auch die Leiche ihrer einzigen Tochter. Ihre vier Söhne überlebten. Insgesamt aber kam wohl die Hälfte der 240 000 Deportierten damals ums Leben.

          Mit einem Lied zugleich ein Einzelschicksal, aber auch die Geschichte von Tausenden Menschen zu erzählen, das sei ihre Absicht gewesen, sagt Jamala. Doch Russland sah in dem ukrainischen ESC-Beitrag einen Protest an der Krim-Besetzung im Jahr 2014. Und weil der Grand Prix frei von Politik sein soll, forderte Moskau den Ausschluss von Jamalas Lied. Die „Europäische Rundfunkunion“ (EBU) wies den Antrag zurück und ließ „1944“ zu, weil im Text nichts anderes als eine historische Tatsache wiedergegeben werde.

          Dass war für die Ukraine ein Glück, das gebeutelte Land hatte schon 2015 nicht teilnehmen können, allerdings aus finanziellen Gründen und wegen der aktuellen politischen Lage. Das schien nun alles fast wie vergessen. Als Jamala am frühen Sonntagmorgen nach dreieinhalb Stunden Show die gläserne Trophäe der Siegerin in der einen Hand und die ukrainische Fahne in der anderen hielt und von Måns Zelmerlöw gefragt wurde, was ihre Botschaft an ihr Publikum sei, antwortete die 32-Jährige: Sie wünsche sich Frieden und Liebe für alle Menschen. Dass war sicher auch an Sergej Lasarew gerichtet, der sich in den Tagen zuvor nicht auf politische Diskussionen eingelassen hatte. Der 33 Jahre alte Moskauer hatte vor zwei Jahren sogar noch in einem Interview gesagt, er glaube nicht, dass die Krim zu Russland gehöre.

          Neue Regeln bei der Punktevergabe

          Spannend wie nie zuvor war in diesem Jahr das Finale, denn die EBU hatte die Regeln der Punktevergabe geändert. Die Jurys aus den 42 Ländern konnten erstmals auch die berühmten zwölf Punkte als Höchstpunktzahl vergeben, dazu wurden dann später die Punkte der Fernsehzuschauer aufaddiert. Die Gastgeberin des Abends, Petra Mede, fragte also zunächst die Punkte von eins bis sieben, acht, zehn und zwölf der Juroren ab. Danach wurden die Gesamt-Punktzahlen der Zuschauer dazugerechnet, was zu massiven Verschiebungen führte. Denn die aus Korea stammende Australierin Dami Im lag mit 320 Punkten nach der ersten Runde fast uneinholbar vorne – gefolgt von der Ukraine mit 211, Frankreich mit 148 sowie Russland und Belgien mit jeweils 130 Punkten. Dann aber gaben Petra Mede und Måns Zelmerlöw die Punkte der Zuschauer bekannt, beginnend mit den Ländern, die am schlechtesten abgeschnitten hatten (wozu leider auch wieder Deutschland gehörte).

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