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Eurovision Song Contest : Die Fantastischen Drei

Frontfrau in der Mitte: Natalie Plöger, Elżbieta Steinmetz und Yvonne Grünwald sind Elaiza. Bild: Matthias Lüdecke

Elaiza vertritt Deutschland dieses Jahr beim ESC. Ihre Musik hat etwas Slawisches, einen Vorteil beim osteuropäischen Publikum versprechen sie sich davon aber nicht. Den Auftritt in Kopenhagen sieht die Band ohnehin nur als Zwischenschritt.

          Es ist ihr Ernst: Ela will weiter im Saarland leben und regelmäßig nach Berlin pendeln. Mit Nicole, der Saarländerin, die vor 32 Jahren den „Eurovision Song Contest“ (ESC) mit „Ein bisschen Frieden“ erstmals für Deutschland gewann, hat das natürlich nichts zu tun. Schiffweiler, knapp 16.000 Einwohner, ist vielmehr Heimat, Familiensitz und vor allem „Ruhepol“ für Elżbieta Steinmetz, kurz „Ela“ genannt. Und Ruhe tut gut in diesen Tagen, in denen Ela, Yvonne und Natalie kaum noch zur Ruhe kommen.

          Peter-Philipp Schmitt

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Seit die drei den ESC-Vorentscheid Mitte März überraschend gewonnen haben, jagt ein Auftritt den anderen. In acht Tagen schon fliegt Elaiza zu den Proben nach Kopenhagen, das Finale findet am 10. Mai in einer alten Werft im Hafen der dänischen Hauptstadt statt. „Wir tasten uns an den ESC heran“, sagt Ela. „Bisher wissen wir nur, dass die Bühne riesig ist, dass sie ein Wassergraben umgibt und dass wir als Elaiza wie gewohnt zu dritt mit Akkordeon und Bass auf ihr singen und spielen werden.“

          Konzert für den Schlüsseldienst

          An große Bühnen musste sich Elaiza schnell gewöhnen. Vor gerade einmal 15 Monaten, am 11. Januar 2013, absolvierte die Band ihr allererstes Konzert - in dem kleinen Café „Sally Bowles“ in Berlin-Schöneberg. Vor 20 Leuten trat das Trio auf. Den Zuschauern gefiel es, und als Elaiza am Ende einen Hut rumgehen ließ, kam sogar einiges zusammen.

          Sie hatten es an jenem Abend nötig - für einen Schlüsseldienst, wie sie befürchteten. „Natalie hatte sich aus ihrer Wohnung ausgesperrt“, erzählt Ela. „Und das an einem Freitag.“ Nach dem Konzert aber gelang es Yvonne schließlich doch noch, die Tür aufzubekommen, und Elaiza ging mit dem ersten selbstverdienten Geld Falafel essen.

          „Berlin“, sagt Ela, „ist der Ort, wo die Mädels sind. Hier ist unser Team, hier kann man schnell Kontakte zu anderen Künstlern knüpfen.“ Die Schiffweilerin hockt neben Natalie und Yvonne auf einer Bank vor den Valicon-Studios in Berlin-Hohenschönhausen. Hier, etwas versteckt in einem Hinterhaus, hat Ela vor fünf Jahren erste Erfahrungen mit dem Musikbusiness gemacht. Schon mit 16 war sie das erste Mal in Berlin, damals noch mit ihren Eltern. Die Mutter, studierte Jazz- und Opernsängerin, zeigte Verständnis für die Pläne ihrer Tochter. „Allerdings hat sie auch zu mir gesagt: ,Kind, mach wenigstens dein Abitur.‘“

          Brave Schülerin, selbstbewusste Musikern

          Ela, die bereits mit zehn Jahren Klavierspielen lernte und mit zwölf erste Songs schrieb, machte brav ihr Abitur, bewarb sich aber auch selbstbewusst schon früh beim Produzententeam von Valicon. Auf die Berliner war die Saarländerin gestoßen, weil sie erfolgreiche Künstler wie die Bands Silbermond und Silly betreuen, dabei aber im Hintergrund bleiben, wie Ela sagt.

          Das beeindruckte sie. „Ich habe ihnen dann einfach ein paar meiner Sachen geschickt und tatsächlich eine Antwort bekommen.“ Seither sitzt sie mindestens einmal im Monat in der Bahn und fährt die acht Stunden von Schiffweiler in die Hauptstadt, um an Songs zu arbeiten und Lieder aufzunehmen.

          In den Studios traf Ela, inzwischen in der Oberstufe, auf Yvonne. „Eines Tages stand sie vor mir, ein Akkordeon auf dem Rücken, einen Akkordeonkoffer in der Hand, am anderen Arm ihre Handtasche. Sie war total außer Atem und quetschte nur ein ,Hallo, ich bin Yvonne‘ heraus.“ Schnell habe sie gemerkt, dass die klassisch ausgebildete Musikerin eine besondere Beziehung zu ihrem Akkordeon hegt. „Ich kenne niemanden, dem sein Musikinstrument so wichtig ist“, sagt Ela.

          Für Elaiza nur das Lieblingsinstrument

          Die 29 Jahre alte Yvonne Grünwald, in Salzwedel in der Altmark geboren, hat 15 Akkordeons zu Hause. Für Elaiza aber steht sie nur mit ihrem Lieblingsinstrument auf der Bühne. Das einstmals pinkfarbene Akkordeon, nun strahlend weiß, hat sie aufwendig dekoriert: „Den Glitter dafür habe ich im Internet gekauft.“ Ihr Traum derzeit ist ein Akkordeon nur für Elaiza - in den typischen blassen Regenbogenfarben, die sich die Band inzwischen gegeben hat.

          Natalie Plöger, die Dritte im Bunde, die am 3. September 1985 in Leer geboren wurde, spielt den Kontrabass. Sie stieß als Letzte zu dem Trio dazu, Ela und Yvonne entdeckten sie zufällig bei einer Schnapsverkostung: „Während wir den von einem gemeinsamen Freund erfundenen Luxus-Schnaps ,Pijökel‘ tranken, habe ich ein Foto von Natalie mit ihrem Bass an einer Pinnwand gesehen“, erinnert sich Yvonne. „Sie sah ziemlich sympathisch aus, also habe ich mir ihre Nummer geben lassen und sie zum Vorspielen eingeladen.“

          Man war sich sofort einig und beschloss, eine Band zu gründen. Auch ein Name war schnell gefunden: „Ela ist ja die Grundlage der Songs“, sagt Yvonne. „Sie schreibt die Texte und die Melodien. Also haben wir gedacht, wir stellen Elżbieta ein wenig um, und heraus kam Elaiza.“

          Wer den Ton bei Elaiza angibt, scheint klar. Die mit Abstand Jüngste und Kleinste: Ela, am 11. Oktober 1992 geboren, würde ohne High Heels nie auf die Bühne gehen. Doch als Chefin spielt sich der quirlige Blondschopf dennoch nicht auf: „Wir sind drei Charakterköpfe“, sagt Natalie. Und Yvonne ergänzt: „Wir sind nicht nur musikalisch auf einer Ebene.“

          Einflüsse aus Polen und aus der Ukraine

          Auch Ela meint, dass sie zwar „an der Front stehe, aber wenn wir uns nicht verstehen würden, würde man das sehr schnell merken“. Entscheidungen werden zusammen getroffen. Das sei wichtig und richtig: „Wenn man alleine etwas entscheidet, hadert man am Ende nur“, meint Yvonne. „Es ist viel besser, wenn man die anderen auf seiner Seite hat.“

          Bereits die Entscheidung, sich um eine Wildcard beim deutschen Vorentscheid zu bewerben, wurde gemeinsam getroffen. „Unser Gedanke war, dass unsere Art Musik theoretisch gut zu einem internationalen Wettbewerb passt, da sie drei Länder verbindet.“ Elas früh verstorbener Vater war Ukrainer, ihre Mutter stammt aus Polen. Die osteuropäischen Einflüsse gerade in ihrem ESC-Lied „Is It Right“ sind unüberhörbar. „Neo-Folklore“ nennen die drei ihren Stil, der durch Akkordeon und Kontrabass noch unterstützt wird.

          Nicole, die Bass studiert hat, kommt allerdings ursprünglich eher aus der Jazz-Ecke, Yvonne spielte bisher Musette, Chanson und in einer Klezmer-Band. „Uns verbindet die Popmusik“, sagt Ela. Und genau das ist auch ihr „Is It Right“: gut gemachter Pop mit „slawischem Moll“, wie die Songwriterin meint.

          Grund zu feiern gibt es am 10 Mai so oder so

          Ob sie damit gerade in Osteuropa punkten können? „Wir wollen, dass unsere Musik den Menschen gefällt“, sagt Natalie. „Und das kann auch in Osteuropa passieren.“ Einen Vorteil jedenfalls versprechen sie sich nicht davon. Im ESC, der ihnen die Chance gibt, sich international zu präsentieren, sehen sie auch nur einen weiteren Schritt, wenn auch „einen Riesenzwischenschritt“, wie Yvonne meint, in ihrem musikalischen Werdegang.

          Denn anders als etwa Lena, mit der viele das Elaiza-Phänomen vergleichen, habe die Grand-Prix-Gewinnerin von 2010 vorher ja nicht Musik gemacht. „Sie wollte Schauspielerin werden“, sagt Yvonne. „Wir hingegen sind schon seit Jahren Musikerinnen.“ Für sie steht fest, dass sie auch nach dem ESC-Finale Musik machen werden, eine Tour ist geplant. Und die drei werden am 10. Mai auch in jedem Fall einen Grund zu feiern haben: An dem Samstag wird Yvonne 30.

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